Wüstensand auf Beleriar? Ein argloser Besucher mag seinen Augen nicht trauen, wenn er den Fuß in die Umgebung Shan’dars setzt. Goldener Wüstensand windet sich in weichen Dünen bis zum Meer hinab, hier und da erblickt man eine Palmengruppe, die an eine Oase erinnert, die Luft scheint plötzlich schwerer und von einer Hitze erfüllt, die zuvor nicht zu spüren war.
Täuschend echt wirkt diese Wüste, täuschend echt benebelt sie die Sinne. Und doch ist der Sand vielleicht ein wenig zu golden und schimmernd, sind die Oasen zu nah, zu malerisch, zu dicht beieinander, als seien sie einem Traum entsprungen.
Und tatsächlich, die Umgebung Shan’dars, der verlorenen Heimat, ist nicht wirklich. Sie entspringt der Magie eines mächtigen Zaubers, der Magie einer von Heimweh geplagten Seele, die sich ihre Heimat in einem glänzenden Ideal in ihr Gefängnis geholt hat.
Doch so unecht die flirrende Hitze und die majestätischen Palmen auch sein mögen, so real ist Shan’dar, die Stadt, die im Herzen der falschen Wüstenlandschaft wächst und gedeiht.
Seltsam wirken die Bauten, die sich an der südlichen Meeresküste Beleriars erheben. Fremd und exotisch ist die Bauweise der kuppelförmigen Dächer, der gebogenen Fensteröffnungen mit den dekorativen Gittern, der schlanken, spitzen Türme, die in die Lüfte stechen und mit ihrem goldenen Schein blenden.
Noch ungewöhnlicher sind die flaschenartigen Bauwerke, die zwischen den massigeren Gebäuden filigran und zerbrechlich wirken. Bauchige Strukturen, deren Dächer in langen Hälsen auslaufen. Die Hand der Djirin ist in Shan’dar deutlich zu erkennen, ebenso wie die Vorlieben der Bewohner Basharbans, der Südländer, die sich hier angesiedelt haben, der Sonnenelfen, die in der verlorenen Heimat ein neues Heim gefunden haben.
Magie vibriert in den engen Gassen der Stadt, ist die Ursache für die Explosionen, die zuweilen die Straßen erschüttern, wenn ein magisches Experiment fehlschlägt. So manches Wunder, das man nur aus Basharban kennt, hat in Shan’dar Einzug gehalten. Magische Artefakte finden sich an allen Ecken, manchmal erblickt man gar einen fliegenden Teppich, der im Gepäck seines Besitzers mit der Insel untergegangen ist.
Sicher, ein Bewohner Basharbans würde über die kleinen Wunder Shan’dars lächeln, hätte nur ein Augenrollen für das übrig, das er in seiner ganzen Pracht kennt, doch ein Reisender sieht die Stadt mit anderen Augen, staunt über die magischen Gerätschaften, die gewöhnliche Alltagsaufgaben erleichtern, die Wäsche, die sich selbst auf eine Leine hängt, die Töpfe, in denen herrenlose Löffel in Speisen rühren.
Doch es ist nicht allein die Magie, die Shan’dar so fremd, so exotisch macht. Es sind die unvertrauten Gerüche, die scharfen Gewürze in den ungewohnten Speisen, das laute, pulsierende Leben einer Metropole der Sommerlande in kleiner Form.
Bunte Farben verwirren das Auge, laute Stimmen betäuben das Ohr, die Musik wirkt schrill, die Vielfalt auf dem Markt benebelt die Sinne so sehr wie die Kurven einer basharbanitischen Tänzerin in ihren klimpernden Kostümen.
Noch ist Shan’dar eine kleine Stadt, doch der Ehrgeiz der findigen, klugen Geschäftsleute lässt sie stetig wachsen. Magische Importe aus Basharban füllen den Marktplatz, die Kanäle, über die sie Shan’dar erreichen, bleiben jedoch verborgen.
Und so gerissen wie die Händler am Tage, so geschickt sind die langen Finger der Diebe bei Nacht, sobald die Diebesbanden die Herrschaft übernehmen und sich ihren Teil des Profits verschaffen, wenn sich das Leben in den kleinen, lauten Tavernen abspielt.
Shan’dar wurde vor gut 200 Jahren von dem Djirinmagier Harun gegründet, um den Wesen des Südens einen Hauch der Heimat zurückzugeben, die nun für sie unerreichbar geworden ist. Heute ist es sein Sohn Khalid, der sich um die Belange der Stadt kümmert, ein Auge auf die Banden und die Sicherheit hat.
Abgelenkt wird er dabei von seinem äußerst lebhaften Harem, in dem sich die reizenden Bewohnerinnen mit allerlei Intrigen die Zeit vertreiben.
Anders als sein Vater, der sich der Haltung und der Aufzucht wilder Tiere erfreute, die in den Gartenanlagen des Palastes mit den Flaschentürmen gehalten werden, sind Frauen seine Leidenschaft, neben einer ungesunden Vorliebe für magische Forschung der dunklen Art.
Khalid wurde auf Beleriar geboren. Er kennt die Sehnsucht nach seiner Heimat kaum, die schließlich nur in den Geschichten seines Vaters lebendig geworden ist. Trotzdem führt er ihm zuliebe sein Werk als sein eigenes fort.