Shay’vinyar, direkt am Vilnora gelegen, wird häufig als die Stadt der Vögel bezeichnet, denn hier züchtet man die schönen, bunten Singvögel, die auf ganz Beleriar beliebt sind und die in großen Volieren die Gärten der Wohlhabenden zieren. Doch auch als Stadt der Masken ist sie bekannt und dies bezieht sich nicht allein auf ihre Bewohner, sondern auch auf die Stadt selbst, die am Tage eine Maske der Unschuld trägt und sich bei Nacht in einen gefährlichen Ort verwandelt, den man auf den ersten Blick niemals vermuten würde.
Im Tageslicht ist die Stadt ein heller, lebhafter Flecken, der von hohen, weißen Marmorgebäuden mit Balkonen und Galerien, die hinter Fensterbögen verborgen sind, dominiert wird. Einige dünne, silbrige Flüsschen spalten sich vom Vilnora ab und unterteilen Shay’vinyar in verschiedene Bezirke. Sie werden von Brücken überspannt und von Gondeln befahren, die die Bewohner sicher an ihr Ziel tragen.
Überall zwitschern die bunten Vögel, die Shay’vinyar bekannt gemacht haben, ihre Melodie. Sie sind an jedem Platz, auf jedem Baum und an jeder der vielen Vogeltränken, die man in der ganzen Stadt aufgestellt hat, zu sehen. Oftmals lassen sie sich auch in den Rosenhecken nieder, die hier überaus beliebt sind und an allen Orten ihren Duft verbreiten.
Besonders der große Vogelmarkt, auf dem die Händler die kleinen Tierchen mit lauten Stimmen anpreisen und vorgeben, dass ihre Vögel die schönsten Stimmen von allen besitzen, ist ein beliebter Treffpunkt für die Bevölkerung, die nicht immer nur auf der Suche nach einem Vogel und einem Käfig ist. Hier trifft man zusammen, um Klatsch und Tratsch auszutauschen, gemeinsam an einem der Stände die vielfältigen Speisen zu kosten oder einer der Darbietungen zuzusehen, die von Straßenkünstlern aufgeführt werden.
Doch nicht allein auf dem Markt kann man einen Singvogel erstehen. An vielen anderen Ecken der Stadt findet man die edleren Läden, in denen man jene dressierten Vögel erstehen kann, die besonders in den Kreisen des Adels gerne für Spionagedienste oder ähnliche Aufgaben eingesetzt werden. Diese Vögel, mit dem in allen Regenbogenfarben schillernden Federkleid, kosten eine nicht unerhebliche Summe an Golddukaten und sind ausgesprochen wertvoll. Wer sie in Vollendung zu dressieren vermag, kann des eigenen Aufstiegs sicher sein und womöglich selbst in die Reihen des Adels gelangen, der sich aus den erfolgreichsten Händlerfamilien zusammensetzt.
Und genau diese kleine Spezialität der Stadt ist es, was bereits darauf hindeutet, dass Shay’vinyar noch ein zweites Gesicht besitzt. Sobald die Nacht ihr dunkles Tuch über die Straßen der Stadt senkt, nimmt sie ihre Maske ab und zeigt, was darunter verborgen liegt. Der Adel ist nicht dekadent und verwöhnt wie in Rosandrié oder Nir’alenar. Er ist ambitioniert und in dunkle Machenschaften verstrickt, besitzt einen kühlen Kopf und eine Leidenschaft für komplexe Intrigen. Beinahe jeder verbirgt seine Gefühle hinter einer kühlen, emotionslosen Fassade. Dahinter werden Pläne zum eigenen Vorteil und dem Aufstieg der Familie geschmiedet, Intrigenspiele entworfen und schließlich in die Tat umgesetzt. Das eigene Fortkommen ist überaus wichtig für den Adel Shay’vinyars. Nahezu niemand ist mit seiner eigenen Position zufrieden und jeder trachtet danach, noch mehr zu erreichen.
Besonders die prachtvollen Maskenbälle, die über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt sind, ziehen ihre hochgeborenen Bewohner und Gäste gleichermaßen an. Häufig nehmen Bündnisse und gemeinsame Vorhaben hier ihren Anfang und ziehen jene ins Verderben, die auf der falschen Seite stehen.
Doch auch sonst gehen die Frauen des Adels kaum jemals ohne eine gefiederte Maske vor die Tür, die farblich auf die Familie der Trägerin hinweist. Es gilt als unschicklich und obszön, das Gesicht offen vor jenen zu zeigen, die nicht zur eigenen Familie gehören. Zudem verbergen die Masken Gefühlsregungen zuverlässig.
Ohnehin liebt man Federn jeglicher Art. Sie spielen eine große Rolle in der Mode und weisen auf das hin, was der Stadt ihren Reichtum und ihre Bedeutung verschafft hat.
Doch Shay’vinyar besitzt noch andere Facetten, wird hier doch die Musik geliebt und Komponisten besonders gelungener Stücke werden in höchstem Maße verehrt. Dies ist die Stadt, in der die erste Oper Beleriars errichtet worden ist, und wer etwas auf sich hält, besucht dieses große, majestätische Gebäude, das darauf ausgerichtet ist, die erlesensten Klänge in Perfektion wiederzugeben. Die Oper bietet Raum für Intrigenspiele und dunkle Geschäfte, wenn die Sänger eine Pause einlegen und sich die Besucher in ihren abgegrenzten Logen tummeln.
Eine weitere Sehenswürdigkeit ist der große Spiegelsaal, eine Festhalle, in der man offizielle Bälle und Veranstaltungen abhält und die durch die Wirkung der Spiegel, die jeden Millimeter der Wand bedecken, das Auge verwirrt.
Shay’vinyar wird von einem Menschen regiert, der direkt dem Fürsten von Nir’alenar untersteht. Doch er versteht es gut, nicht jeden seiner Schritte preiszugeben und seine Geheimnisse zu wahren. Insbesondere gehört dazu wohl die Tatsache, dass er seinen Einflussbereich nur zu gerne ein wenig über die Grenzen seiner Stadt hinaus ausdehnen würde.
Jaskyr Belanor ist ein ebenso geheimnisvoller wie auch charmanter Mann mit dichten, schwarzen Haaren und den ebenso dunklen Augen, die stets aufmerksam alles um sich herum beobachten. Oft ruht seine Hand auf dem Knauf des wertvollen Degens, den er jederzeit an seiner Seite trägt. Sein Ruf, ein meisterlicher Fechter zu sein, ist weit über die Grenzen seiner Stadt hinausgedrungen und nur wenige wagen es, ihn offen zu einem Duell zu fordern. Jaskyr ist intelligent und skrupellos, doch er beherrscht es mühelos, sein schwarzes Herz und seine Ambitionen gut zu verbergen. Trotzdem wird er gefürchtet und man redet hinter vorgehaltener Hand über zahlreiche Gräueltaten, die in seinem Auftrag begangen worden sein sollen. Doch niemand würde es wagen, solche Worte offen auszusprechen, wenn er sich in der Nähe befindet.
Jaskyr residiert in einem palastartigen Gebäude aus hellem Marmor im Süden der Stadt, das über eine eigene Oper und mehrere Ballsäle, sowie einen großen Park verfügt, jedoch in den Kellerräumen einige Dinge verbirgt, über die oft spekuliert wird.

Taer’ilor
Sie sind die letzten Überbleibsel des sagenumwobenen Reiches Taer’il im Osten Ashar‘vians, das vor Jahrhunderten in den Wellen des Ozeans versunken ist. Die Taer‘ilor, jene wunderschönen Singvogel mit den reinen Stimmen, die Shay‘vinyar berühmt gemacht haben.
Von den Wundern Taer’ils berichten noch heute viele Geschichten. Sie erzählen von den hochgewachsenen Bewohnern dieses Reiches, einem Volk, das mit den Syreniae verwandt gewesen sein muss, von dem man jedoch sagt, dass ihre Stimmen noch zauberhafter, ihre Gestalt noch schöner anzusehen gewesen ist.
Natürlich musste ein solches Volk Neid wecken. Die Reichtümer Taer‘ils lockten all jene, die von Gier verdorben worden waren und die danach trachteten, die Schätze dieses Reiches für sich zu beanspruchen. In den Jahrhunderten der Existenz Taer‘ils wurde das Reich von vielen Kriegen und Eroberungsversuchen erschüttert. Doch die Bewohner Taer’ils waren kein Kriegervolk. Nach und nach zerfiel ihre Heimat immer mehr, das Volk schwand immer weiter, bis es nahezu ausgelöscht war.
Das Volk von Taer’il begann, in seiner Hilflosigkeit zu beten. Der Wunsch nach Erlösung und Freiheit, einem Ende der ewigen Gewalt drang an das Ohr der Göttin Eriadne und weckte Mitleid in ihrem Herzen.
Sie stieg von einem hellen Leuchten umgeben aus Dol’Shanor hinab und umhüllte die verzweifelten Wesen mit ihrer Macht, die sich rasch über das ganze Reich ausbreitete. Als Eriadnes Zauber erlosch, war nichts mehr von den leuchtenden Gestalten geblieben. Stattdessen erhob sich ein Lied aus unzähligen, winzigen Kehlen. In den Zweigen der Bäume saßen Schwärme kleiner, leuchtend bunter Vögel, die den Namen Taer‘ilor, die Überlebenden von Taer‘il, tragen sollten.
Noch ein weiteres Mal erschütterte eine Welle von Eriadnes göttlicher Kraft den Kontinent und das Reich Taer‘il löste sich von ihm und versank in den Wellen des Ozeans, während sich die Taer‘ilor in die Lüfte erhoben, um sich über ganz Niel‘Anor auszubreiten. Niemand sollte den Reichtum Taer’ils für sich beanspruchen. Und wenn sich die Welt jemals wandeln würde und Gier und Neid aus den Herzen ihrer Völker verschwunden waren, sollte es sich wieder aus den Wellen erheben und seinem Volk eine neue Heimat schenken.
Diese Legende rankt sich um die zarten Vögel, die insbesondere auf Beleriar schon immer sehr verbreitet waren. Man schätzt die Taer‘ilor wegen ihrer einzigartigen Singstimmen, die so melodisch sind, dass sie jeden Zuhörer verzaubern können. Auch das bunte Federkleid macht sie sehr beliebt. Taer’ilor treten in allen möglichen Farben auf. Manche so prächtig, dass sie unweigerlich alle Blicke auf sich ziehen, andere unauffällig, sodass man sie kaum von gewöhnlichen Vögeln unterscheiden kann.
Zudem sind sie unfassbar intelligent. Man kann Taer‘ilor für vielerlei Zwecke abrichten. So können sie kleine Gegenstände stehlen oder transportieren, Botschaften befördern oder Zuschauer durch Kunststücke ablenken. Man hat sogar schon mehrere Taer’ilor dabei beobachten können, wie sie eine Art Tanz in der Luft aufgeführt haben.
Besonders nützlich ist zudem ihre Fähigkeit, etwas Belauschtes wiederzugeben. Dies geschieht in einer Art gezwitscherten Sprache, über die man ihnen auch Befehle erteilen kann. Man nennt diese Form der Kommunikation Taer‘ilai, die Sprache Taer‘ils, wenngleich dies kaum den Tatsachen entsprechen dürfte.
Die meisten Vogelhändler nutzen zusätzlich eine eigene, abgewandelte Form des Taer’ilai für ihre Dressur, die allein an die Mitglieder ihrer Familie oder ihre Lehrlinge weitergegeben werden. Durch diese Abwandlung sind sie in der Lage, den Vögeln Dinge beizubringen, die allein durch ein Kommando in dieser Sprachform auszulösen sind. Ein Händler behält also stets eine gewisse Macht über seine Vögel, die niemandem sonst gewährt wird und ein Taer’ilor wird im Zweifelsfall eine solche Anweisung über jede andere stellen.
Ein Käufer lernt lediglich die Befehle in dem gebräuchlichen Taer’ilai und beherrscht dadurch allein die offensichtlichen Fähigkeiten seines Vogels.
Nicht jeder Taer’ilor ist jedoch dressiert. Viele dieser zarten Tiere leben frei auf der ganzen Insel. Sie unterscheiden sich von den Vögeln, die man züchtet, um ihre besonderen Talente zu fördern und zu vervollkommnen. Manche werden gefangen und schlicht als hübsche Singvögel zur Dekoration eines Gartens oder eines Hauses angeboten.