Der Tempel der Eriadne mag zwar nicht das größte Gebäude in Palastviertel sein, doch es ist sicherlich eines der schönsten. Aus weißem Marmor erbaut, der von einem zarten Geflecht goldener Adern durchzogen wird und von zierlichen Säulen getragen, ist das Haus des Lichts der glanzvolle Mittelpunkt des Eriadne Glaubens.
Kristallene Kugeln sind in die Fassade eingelassen und hüllen sie jederzeit in einen sanften Schein, der die goldenen Linien schimmern lässt und die kunstvollen Reliefmuster betont. Großzügige Rundbogenfenster, die mit Ziergittern versehen worden sind, erlauben aus dem Inneren die freie Sicht auf die großen Gartenanlagen mit den duftenden Blumenbeeten und dem kleinen Teich, der neugierigen Blicken durch dichte Hecken und Bäume entzogen ist. Seerosen treiben auf der Wasseroberfläche und verströmen ein betörendes Parfum. Statuen beobachten stumm das Kommen und Gehen an diesem belebten Ort, an dem sich stets Künstler in großer Zahl versammeln und Aufmerksamkeit suchen. Musik erklingt zu jeder Tageszeit, manchmal durch den Gesang aus dem Tempel ergänzt, wenn eine Zeremonie zu Eriadnes Ehren stattfindet.
Beinahe erinnert dieser Ort an einen Park, weniger an das Gelände eines Tempels. Und so kommen viele Bewohner der Stadt an diesem Flecken zusammen, bewundern Darbietungen und Kunstwerke und genießen die fruchtbare Atmosphäre, die hier vorherrschend ist.
In der Nacht schweben weißlich leuchtende Kugeln über die Tempelanlagen und tauchen sie in ein sanftes Licht, das die sauberen weißen Wege beleuchtet. Es ist ein zauberhafter Anblick, der zu später Stunde häufig Besucher und Liebespaare in die Gärten lockt.
Auch das Innere des Tempels ist einen Besuch wert. Fresken mythologischer Darstellungen verwandeln die Wände in eine beeindruckende Geschichte Niel‘Anors. Skulpturen und Gemälde ziehen das Auge an. Manche sind uralt und wurden von den größten Künstlern Beleriars geschaffen, derer man sich mit Ehrfurcht erinnert.
Aber es ist vor allem der Altarraum mit der beinahe lebendig wirkenden Statue der Eriadne, der als Wunder gilt. Denn die transparente Kuppel des Tempels zeigt nicht das allgegenwärtige Meer. Hoch über dem Kopf der Göttin kann man ein Abbild des Himmels erblicken, der über Beleriar läge, wenn sich die Insel noch über dem Ozean befinden würde.
Viele Sehnsüchtige kommen an diesen Ort, um die Wolken und die Sterne zu betrachten, die ihnen genommen worden sind. Andere sehen hier zum ersten Mal mit eigenen Augen, was sie niemals selbst erleben durften.
Nie ist es in diesen Hallen völlig dunkel. Selbst in der tiefsten Nacht werden die Gänge von einem schwachen Schein erhellt, der die Dunkelheit nicht eindringen lässt. Es ist wahrhaft der strahlende Tempel der Göttin des Lichts, frei von Schatten und Schwärze.
Neben den Wohnräumen der Priesterschaft befindet sich in direkter Nachbarschaft des Tempels ein Krankenhaus, in dem alle Priester Eriadnes in Nir‘alenar zeitweise ihren Dienst versehen. Dieses Krankenhaus darf von jedem aufgesucht werden, der Hilfe benötigt und es wird keinerlei Gegenleistung verlangt. Sogar Falila Mondtänzer, die Hohepriesterin der Eriadne, scheut sich nicht, selbst Hand an die Kranken zu legen und ihrer Berufung zu folgen.