Kirealas Wacht ist zwar nur der zweitgrößte Tempel der Kireala auf Beleriar, doch es ist mit Abstand der prächtigste. Am Rande eines Wäldchens nahe den Toren Nir‘alenars gelegen, mag sein Standort zunächst irritieren. Bedenkt man jedoch, wie viele wohlhabende Bauern in der Umgebung leben, wird das Bild klarer.
Die Priesterschaft von Kirealas Wacht erfreut sich stetiger Opfergaben, die es erlauben, einen Tempel dieser Größe angemessen auszustatten. Das Bauwerk, das komplett aus Holz besteht, ist wahrhaft ein außergewöhnlicher Anblick. Die Fassade ist über und über mit kunstvoll geschnitzten Blättern versehen, die man in allen Schattierungen der Farbe Grün ausgemalt hat. Efeu rankt sich daran empor und vermischt sich mit den geschnitzten Blättern zu einer Einheit. Säulen, die ebenfalls überwuchert sind, rahmen das Eingangsportal, das schließlich ins Innere führt und den Blick auf den großzügigen Altarraum freigibt, in dem der Altar von lebendigen Pflanzen umgeben wird, die aus dem naturbelassenen Boden wachsen. Dahinter erstreckt sich ein kleiner Wald aus dichten Bäumen unter einem offenen Dach. Ihr Duft erfüllt jeden Winkel des Tempels und lässt die täuschend echte Illusion zu, sich in der Tat in freier Natur zu befinden. Es ist ein erstaunliches Phänomen, das nur durch Kirealas Segen möglich sein kann. Sogar Vögel und kleine Nagetiere haben sich hier eingenistet und erfüllen den Ort mit Leben.
All diese Pracht ist den Anhängern Kirealas aus anderen Teilen der Insel ein Dorn im Auge. Sie beschuldigen den Hohepriester, Saran Daronis, der Eitelkeit und der Anhäufung von Profit, werfen ihm vor, von der nahen Stadt verdorben zu sein und Kirealas Willen zu missachten.
Saran, der aus einer niederen Adelsfamilie stammt, stört sich daran indes recht wenig. Er sieht Kirealas Wacht als ein Bollwerk gegen zu weitreichenden Fortschritt und hält seine Arbeit für unerlässlich. Für ihn ist es die Art der Kontrolle, die ständige Wache über das Geschehen in der Stadt, die sicherstellt, dass die Natur durch Nir’alenar nicht allzu sehr zu leiden hat.
Der Rat von Nir‘alenar kann ein leidvolles Lied davon singen, denn Sarans oftmals unrealistische Forderungen sind nicht selten Gegenstand der Ratssitzungen und der wachsame und gestrenge Priester lässt es sich nicht nehmen, selbst zu so mancher Sitzung zu erscheinen, um seine Klagen vorzubringen und Entscheidungen zu überwachen. Es ist keine Frage, dass er kein sonderlich gerngesehener Gast ist.
Fern von all diesen Querelen hat der Tempel jedoch auch im Inneren mit Unruhen zu kämpfen. Denn im Außenbereich des Bauwerkes befindet sich ein kleiner Schrein, der Shevaré geweiht ist. Die dort tätige Hohepriesterin, Vhelai, ist eine Tua‘Tanai von wildem Temperament, deren Ansichten oft mit denen Sarans kollidieren. Zu seinem Leidwesen ist er machtlos dagegen, denn er kann schlecht die Priesterschaft von Kirealas geliebter Tochter aus seinem Tempel verbannen, ohne die Göttin zu erzürnen.