Während des Untergangs der Insel Beleriar wurden gewaltige magische Energien freigesetzt. Diesen Energien ist es zu verdanken, dass sich so manche Gegend mit wundersamen Eigenschaften schmücken darf, egal ob diese positiver oder negativer Natur sind.
Diese magischen Energien sind auch die Ursache für das Entstehen einer geheimnisvollen Bucht im Süden der Insel. Eine Bucht, deren Ruf bei den Küstenbewohnern und Seeleuten einen eiskalten Schauer erzeugt. Die Schattenbucht.
Dutzende von Geschichten werden über die Bucht erzählt. Wagemutige Helden berichten von unheimlichen Begegnungen, andere sprechen über grausame Piraten, die jedes Schiff, welches der Bucht zu nahe kommt, sofort entern und die Besatzung auf vielerlei grausamen Wegen ins Jenseits befördern. Geschichten über mordende Schatten, geisterhafte Wesen, gewaltige Schätze, die in gesunkenen Schiffwracks auf den mutigen Finder warten, und vieles mehr werden über die Bucht erzählt.
Einige dieser Geschichten sind wahr, andere an den Haaren herbeigezogener Unsinn. Die Schattenbucht ragt tief in das Innere der südlichen Insel Beleriars hinein. An beiden Seiten der Bucht sind malerisch wirkende Sandstrände zu finden, die zu einem erholsamen Verbleiben in der Sonne einladen. Folgt man der Bucht weiter, wandeln sich die Sandstrände und werden von ansteigenden Sandsteinfelswänden verdrängt, die am höchsten Punkt eine stattliche Höhe von bis zu einhundert Metern erreichen können. Kleine Höhlen, manche oberhalb der Wasserlinie, andere unter den Fluten des Meeres, sind häufig zu finden. Einige dieser Höhlen sollen den Geschichten zufolge tief ins Innere der Erde zu einem Piratenversteck führen. Ob dies wahr ist, kann jedoch niemand bestätigen.
Je weiter man in die Bucht gelangt, desto breiter wird sie. Das Wasser ist tief, man kann nicht bis zum Grund sehen. Auffallend ist die Stille hier. Kein Geschrei von Möwen, kein Delfin, der herumtollt, keine Anzeichen von Fischen. Totenstille. Kein Leben, jedenfalls kein natürliches Leben. Denn die Schattenbucht ist nicht unbewohnt.
Hier lebt oder besser gesagt, existiert eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die seit Hunderten von Jahren ihr Unwesen treibt. Kalt, grausam, heimtückisch und kalt wie Eis beherrschen sie die Bucht. Piraten, Mörder, Abschaum zu Lebzeiten und nun noch viel gefährlicher. Die Horde des Piratenkönigs Sharidhal, einem Untoten, ständig auf der Suche nach Schätzen und Seelen und ab und an einem neuen Mitglied für seine beiden Schiffe “Sturmdonner” und “Windfaust”.
Sharidhal kam vor dem Untergang Beleriars auf die Insel. Schon damals war er ein Halsabschneider und kannte keine Skrupel. Ausgebildet in der Kunst der Zauberei und ein passabler Fechter, trieb er mit seinen Mannschaften lange Zeit sein Unwesen an den Küsten Beleriars.
Es gelang ihm immer wieder, seinen Jägern zu entkommen. Erst als die Insel unterging, ereilte ihn das Schicksal. Tödlich getroffen von einem Pfeil, verkaufte er seine Seele an die Schatten und diese erlaubten es ihm, weiter zu leben. Ein unsterbliches Leben, ein Leben im Tode als Untoter, der seine Kraft aus der Lebensenergie der Sterblichen zieht. Getrieben von einem Hunger nach Leben und Gold und vom Wunsch beseelt, den größten Piratenschatz aller Zeiten zu besitzen. Seine Mannschaft ist ebenso getrieben von diesem Wunsch und sie töten jeden, der sich ihnen in den Weg stellt.
Aber Shardihal ist nicht die einzige wahre Geschichte, die sich um diesen Ort rankt. In der Nacht wird die Bucht lebendig. Aus den Tiefen der Höhlen kommen sie hervor. Tausende von Schattenwesen, die in der Bucht herumwandern. Und wehe dem allzu Neugierigen, der dann in ihre Nähe kommt. Er wird es nicht überleben und am nächsten Morgen als leere Hülle gefunden, jegliches Leben aus ihm ausgesaugt.
Aus diesem Grund ist die Bucht ständig unter Beobachtung. Eine Buchtwacht wurde gegründet und sie besteht aus fünfzig Männern und Frauen, unter ihnen auch Priester und Zauberer, welche ihren Dienst Tag ein, Tag aus verrichten, um die Lebenden vor den Gefahren der Schattenbucht zu schützen. Ihren Stützpunkt haben sie in einer kleinen Küstenfestung, etwa sieben Kilometer westlich der Bucht. Von dort starten sie ihre Patrouillen in die Umgebung der Schattenbucht und dies tun sie seit mittlerweile zehn Jahren mit großem Erfolg.
Die Schattenbucht ist wahrlich kein angenehmer Aufenthaltsort, besonders dann, wenn die Nacht hereinbricht, und es ist jedem angeraten, nicht in die Nähe dieser Bucht zu gehen, es sei denn, er verspürt den Wunsch, zu einem untoten Piraten zu werden oder als Nahrung für die Schatten zu dienen.
Ob man jemals die Schatten vertreiben oder die untote Piratenhorde um Sharidhal eines Tages vernichtet wird, kann niemand vorhersagen. Nur eines ist sicher – die Schattenbucht ist einer der gefährlichsten Orte auf ganz Beleriar und niemand sollte sich freiwillig dorthin begeben.