Schattenhügel, die Hauptstadt der Grafschaft Astir. Herrschaftssitz derer von Dunkelschwinge. Es ist ein Ort, der einen unheimlichen Ruf sein Eigen nennt. Man sagt, dass Schattenhügel verflucht ist, und hütet sich davor, dort ohne Zwang zu verweilen.
Dabei hinterlässt die Stadt zunächst keinen sonderlich bedrohlichen Eindruck. Saubere Straßen winden sich zwischen hohen Fachwerkhäusern hindurch, die von feinen Schnitzereien und Blumen geziert werden. Die Bewohner sind freundlich, wenngleich ihr Aberglauben und ihre Angst vor der Nacht ebenso ausgeprägt sind, wie im restlichen Astir.
Noch nicht einmal Schloss Dunkelschwinge wirkt in irgendeiner Weise furchterregend. Der uralte, dunkelgraue Stein des imposanten Gemäuers wirkt erhaben und majestätisch, wird hinter hohen Mauern von edlen Rosengärten gerahmt, die einen überwältigenden Duft verströmen. Man sieht die kunstfertige Hand der Gräfin von Astir in jeder Facette des mächtigen Bauwerkes und die flatternden rot-goldenen Flaggen mit dem fliegenden Raben untermalen seine Wichtigkeit, ohne einen Zweifel daran zu lassen.
Bei Tage ist das Geschehen bunt und lebhaft. Beinahe ist man geneigt, es idyllisch zu nennen. Schattenhügel glänzt nicht mit Prunk und vollendeter Baukunst. Sein Charme ist schlichter, bodenständiger, ja, nahezu altmodisch. Oftmals wirkt es, als ob die Zeit ein wenig langsamer verläuft.
Man ist Traditionen verbunden, hat das Staunen noch nicht verlernt, wie es an vielen anderen Orten der Fall ist. Ein Gaukler, ein gelungenes Lied oder eine Geschichte genügen, um die Bewohner von Schattenhügel in Entzücken zu versetzen und lassen sie auf dem großen Marktplatz zusammenkommen, um eine gekonnte Darbietung zu bewundern. Die Bevölkerung ist ordentlich gekleidet, trägt helle Farben zur Schau und vermittelt das Bild eines Fleckchens, an dem man sich gerne aufhalten möchte.
Frohsinn und Lebendigkeit schwinden jedoch, sobald die Nacht anbricht. Dann leeren sich die Straßen, die dichten, vielfarbigen Fensterläden werden flugs geschlossen und aus Schattenhügel wird ein geisterhafter Ort.
Und tatsächlich, wenn der Mond hoch über Niel‘Anor steht, geschehen seltsame Dinge in der totenstillen Stadt. Wer einen Blick hinaus auf die nächtlichen Straßen wagt, erblickt, was im Tageslicht verborgen bleibt. Das Stadtbild verändert sich. Gebäude tauchen aus dem Nichts auf, ersetzen vorhandene oder füllen leere Stellen. Sie wirken alt, als ob sie einer fernen Zeit entstammen, sind in einem Stil erbaut, den man seit Jahrhunderten nicht mehr nutzt.
Und plötzlich erwacht neues Leben in den Gassen. Wesen in antiquierter Kleidung wandeln durch die Straßen. Ihre Haartrachten weisen Ähnlichkeit mit den Darstellungen auf uralten Porträts auf, ihr Benehmen mutet fremdartig an. Sie gehen ihren Geschäften in unheimlicher Stille nach und wer auf die Geräusche ihres Tuns lauscht, wird nichts vernehmen.
Fragt man einen Einheimischen nach diesem Phänomen, so gibt er niemals eine klare Antwort. Ein gemurmeltes Gebet, das Berühren eines heiligen Symbols, mehr ist nicht zu erwarten, wenn die Rede auf den Tanz der Toten kommt. Und plötzlich erscheinen die Redensarten, derer man sich hier häufig bedient, in einem neuen Licht. Nichts vergeht in Schattenhügel. Der Schlaf bleibt jenen fern, die ihren Fuß auf den Boden der Stadt setzen. Hüte dich vor einer Einladung zum Tanz der Toten, denn wer mit ihnen tanzen möchte, wird niemals mehr den neuen Morgen erblicken.
Und tatsächlich, wer in Schattenhügel nach Einbruch der Nacht das Haus verlassen möchte, wird notfalls mit Gewalt daran gehindert. Es gibt kein zurück, wenn eine Tür geöffnet wird und niemals sollte man nachsehen, wer draußen stehen mag, wenn es des Nachts klopft.
Sobald der Morgen anbricht, ist jedoch nichts mehr von den Schrecken der Nacht zu spüren. Die Bürger der Stadt nehmen ihr Leben wieder auf, als ob nichts geschehen wäre, Türen und Fenster öffnen sich, um frische Luft in die Häuser zu lassen. Denn der Tag gehört den Lebenden. Dieses Sprichwort wird man hier oft zu hören bekommen und es ist erschreckend, wie viel Wahrheit darin liegt.
Ist Schattenhügel wirklich verflucht? Wer aufmerksam ist, wird vielleicht den Namen des Grafen Dero Talivor vernehmen, den man nur im Flüsterton ausspricht. Man nennt ihn den Wahnsinnigen und erzählt sich, dass er einstmals seine ganze Stadt in ihr kühles Grab geführt hat, um einen Handel mit einem unheimlichen Wesen zu besiegeln und selbst das ewige Leben zu erlangen, alles hat zerstören lassen, um dem Tode zu trotzen. Es ist eine schaurige Geschichte von Verrat, Gier und Wahnsinn, die man sich in dunklen Nächten zu erzählen pflegt, wenn die Familien an ihrem Kamin zusammenkommen und dem Klagen des Windes lauschen, der über die Stadt hinweg fegt.