Avera gleicht einem funkelnden Juwel. Die Stadt, die am Spiegelfluss gelegen ist, zeigt der Welt stets ihr schönstes Gesicht. Das blühende Kunsthandwerk hat Avera selbst zu einem Kunstwerk werden lassen und oftmals hört man, dass ihre Schönheit selbst Nir’alenar übertrifft. Zumindest ist dies die gängige Meinung all jener, die Avera ihr Zuhause nennen.
Die größte Bekanntheit hat diese Stadt wohl für das Können der hier ansässigen Glasbläser erlangt. Ihre Werke grenzen beinahe an Magie und schmücken jeden Winkel Averas. Zarte, zerbrechlich wirkende Kristallkelche, mit Edelsteinen besetzte Gläser und sogar filigrane, bunte Skulpturen, wie man sie an keinem anderen Ort finden kann, haben der Stadt ihren Wohlstand beschert.
Auch Glasmaler und Spiegelmacher sind hier ansässig und fertigen unglaublich wertvolle Stücke, die auf ganz Beleriar begehrt sind und überall zu hohen Preisen verkauft werden können.
Manche der Spiegel sind mit Zaubern belegt. Einige Magier haben sich der Fertigung solcher magischer Gegenstände verschrieben und bringen Werke hervor, die die Wahrheit verschleiern, ein Spiegelbild unglaublich schön erscheinen lassen oder einen Blick an einen anderen Ort erlauben. Solche Spiegel sind zweifelsohne ein Vermögen wert und können nur in den exklusivsten Werkstätten in Auftrag gegeben werden.
Insbesondere der Spiegel der Wahrheit, der auf dem Platz aufgestellt worden ist, den man Ilaias Tränen nennt, vermag es, jede Lüge zu enthüllen, die davor gesprochen wird. Das Wesen, das die Wahrheit zu verbergen sucht, wird seine Haut auf seinem Abbild von dunklen Flecken übersät vorfinden und kann somit mühelos überführt werden. Es ist ein mächtiges, unbezahlbares Artefakt, das stets von eigens dazu berufenen Wächtern bewacht wird.
Averas Reichtum sorgt dafür, dass beinahe kein Gebäude in der Stadt schlicht wirkt. Mächtige Steinvillen bieten sich an breiten Straßen dem Auge dar und bunte Glasfenster schimmern bei Tag und bei Nacht in allen erdenklichen Farben. Manche von ihnen erzählen ganze Geschichten, die meist den Legenden Niel‘Anors entstammen. Besonders der Eriadne Tempel ist einen Besuch wert, zeigt er doch die Geschichte des Untergangs der Insel in beeindruckenden Bildern. Beinahe meint man die Macht der Göttin zu spüren, die seinerzeit auf die Insel herabgestiegen ist, um gegen Narion zu kämpfen.
Die weitläufigen, öffentlichen Plätze sind mit festen Glasmosaiken versehen, die man in sie eingelassen hat und auf der die Bevölkerung lustwandelt. In der Nacht werden sie von bunten Laternen beleuchtet, die hier jede Straße säumen.
Besonders die prachtvolle, breite Allee, die zum Palast von Avera hinaufführt, ist nahezu unglaublich anzusehen. Verschlungene Rankenmosaike ziehen sich den ganzen Weg unter den gläsernen Bäumen entlang, die die Allee wie stumme Wächter säumen. Winzige Blüten sind an ihren Zweigen angebracht und fangen das Licht in ihren Blütenblättern ein, die in der Dunkelheit zu leuchten beginnen.
Der erhöht gelegene Palast ist ein prachtvolles Gebilde, dessen Anblick man niemals mehr vergisst. Magie härtet das milchige, weiße Glas, aus dem er erbaut worden ist. Ein unglaublich graziles Bauwerk mit zarten Türmchen und Brücken, das einem Märchenschloss gleicht, ist das Ergebnis.
Ein Garten aus gläsernen Pflanzen umgibt den Palast und bildet einen beliebten Rückzugsort für die hier ansässigen Höflinge, die die komplexen Wasserspiele genießen, die in seiner Mitte aufgeführt werden. Besucher von der ganzen Insel zieht es nach Avera, um einen Blick auf dieses glitzernde Wunder zu erhaschen, doch nur den wenigsten gelingt es.
Doch trotz aller Schönheit, trotz des offensichtlichen Wohlstandes, ist die Lage in der Stadt heikel. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Baron Akoras Belurion, der Stadtherr von Avera, dem Wahnsinn, der seit Generationen in seiner Familie schwärt, zu nahe gekommen ist.
Akoras war einst ein vielversprechender, junger Mann, bis sich die ersten Anzeichen einer Geisteskrankheit in Form einer ausgeprägten Paranoia in ihm gezeigt haben. Es dauerte nicht lange, bis der Baron allen Wesen in seiner Umgebung zu misstrauen begann und überall Verschwörungen und Verrat witterte.
Mittlerweile lebt Akoras sehr zurückgezogen und kommuniziert nahezu ausschließlich mit seinem eigenen Spiegelbild. Eine Unmenge von Spiegeln, die im ganzen Palast verteilt sind, gibt ihm genügend Gelegenheit, sich niemals allein zu fühlen. Häufig sieht man den Baron dabei, wie er Antworten lauscht, die nur er allein zu hören vermag und nicht selten gerät er in einen seiner berüchtigten Wutanfälle, bei denen einige der Spiegel zu Bruch gehen. Die Dienerschaft bemüht sich dann, schnellsten die zu Bruch gegangenen Stücke zu ersetzen, bevor er bemerkt, dass einer von ihnen fehlt.
Natürlich ist es Akoras kaum mehr möglich, sich um die Belange der Stadt zu kümmern. Aus diesem Grunde wurde der Rat der Zehn ins Leben gerufen. Ein Zusammenschluss der mächtigsten Zunftmeister Averas, die jedoch niemals offen in Erscheinung treten.
Alle Zehn verbergen ihre Gesichter hinter Spiegelmasken, die das komplette Antlitz bedecken, und kleiden sich in dunkelblaue Roben mit Kapuzen, die ihre Gestalt unkenntlich machen. Auch die Stimmen werden durch die verzauberten Masken verzerrt, damit niemand ihre Identität zu entschlüsseln vermag.
Es ist eine wichtige Sicherheitsmaßnahme, denn es ist gewiss, dass der Baron jeden von ihnen wegen Hochverrats hinrichten lassen würde, sobald er Kenntnis von ihrem Tun erhielte.
Der Rat kämpft darum, das Gleichgewicht in Avera zu erhalten und sucht verzweifelt nach einem Weg, um den Baron auf friedlichem Wege zu entmachten, ohne dass dieser mit der Hilfe jener, die ihm noch immer treu ergeben sind, ein Blutbad anrichtet. Die Familie der Belurion war schon immer überaus mächtig und hat beinahe unerschöpfliche finanzielle Mittel, die es dem Baron erlauben, seine Macht auch in seinem jetzigen Zustand zu erhalten.
Bis dahin arbeiten die Mitglieder des Rates fieberhaft daran, Akoras mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln davon abzuhalten, in seinem Wahn Entscheidungen zu treffen, die Avera ins Chaos stürzen könnten.