Schon seit jeher hat Beleriar das Volk der Cygnai nahezu magisch angezogen. Und so ist es kaum ein Wunder, dass viele Angehörige dieser Spezies die Insel ihr Heim nennen.
Lhorean, die Heimatstadt vieler Cygnai, ist entsprechend keineswegs jüngeren Datums. Schon lange vor der Zeit des Untergangs wurde dieses Wunder an den Ufern der Goldseeregion vom Schwanenvolk errichtet.
In gewisser Weise besitzt Lhorean viele Ähnlichkeiten mit Lhear und den dort bekannten Städten der Cygnai. Helle Bauwerke von betörender Schönheit winden sich kunstvoll in den Himmel hinauf. Zarte Brückenbogen schaffen Übergänge in luftiger Höhe oder über schmale Flüsschen, die den Boden der Stadt durchbrechen. Fragil wirkende Skulpturen verteilen sich über das ganze Stadtgebiet oder heben sich von Häuserfassaden ab. Dekorative Reliefs ziehen das Auge auf Türme und Kuppeln, vervollkommnen das Stadtbild schließlich zu einem Gesamtkunstwerk.
Es gibt keine Enge in Lhorean. Großzügige Torbögen und gerundete Fenster lassen Luft und Licht in weitläufige, von Fresken verzierte Hallen und Gemächer dringen. Feine Säulen stützen Pavillons, die inmitten eines dichten Blütenmeeres auf müde Passanten warten, die von Lhorean überwältigt worden sind.
Kaum weiß das Auge, wohin es sich zuerst wenden soll. Ein wenig erhöht, nahe der Felswand, die Lhorean schützt, steht der Palast der Dorielle, der herrschenden Cygnai Familie. Im Rücken dieses erstaunlichen Bauwerks mit den unzähligen Türmchen und Erkern rauscht ein großer Wasserfall in die Tiefe, der von den Münzenbergen hinabfällt. Das tosende, sprühende Nass verteilt sich um den Palast herum wie ein feiner, seidener Schleier, umhüllt seine blühenden Gärten, die sich auf Felsbänken verteilen, die man mit Treppen und Brücken verbunden hat. Der Adel wandelt dort in seinen edlen Kleidern juwelengleich über breite Steinwege oder ruht sich in geschützten Lauben aus.
Doch dies ist noch nicht das letzte Wunder Lhoreans. Nach dem Vorbild Lhears haben die Cygnai auf Beleriar eine schwimmende Stadt erbaut. Ein Teil Lhoreans erstreckt sich über die Wasseroberfläche der Goldseen. Bauwerke treiben frei auf dem Wasser, nur von einer ausgeklügelten Seilkonstruktion an Ort und Stelle verankert. Weiß-silberne Boote tragen die Bevölkerung vom Festland hinüber, um den schwimmenden Marktplatz, eine Taverne oder eines der öffentlichen Gebäude aufzusuchen.
Doch auch Wohnhäuser finden sich in diesem schwimmenden Stadtteil. Meist sind es reiche Individuen, die eine der mächtigen Wasservillen bewohnt, die auf dem See treiben. Es ist teuer, auf dem See zu wohnen. Eine solch exklusive Wohnlage geht bereits in der Planung mit hohen Kosten einher und erfordert die besten Architekten der Cygnai und eine Prise Magie.
Lhorean ist sauber und makellos, auf eine Art gestaltet, die einem Besucher den Atem raubt. Es ist eine Stadt großer Künstler und noch größerer Kunstwerke. Wer die Besten ihres Faches sucht, ist gut damit beraten, dies in der Stadt der Cygnai zu tun, falls er über die nötigen Mittel verfügen kann.
Ereas Dorielle, der Herr von Lhorean, ist an fähiger Cygnai, der stets sicherstellt, dass es seinem Volk an nichts fehlt. Zwar ist der schwarzhaarige Adelige nicht mehr als ein Baron Beleriars, doch für die Cygnai ist er ihr heimlicher König und es ist gewiss, dass sie nur ihm allein treu ergeben sind. Folglich wird er von den Cygnai als König Ereas angesprochen. Eine Ehre, die auch all seinen Vorfahren zuteilgeworden ist.
Und doch gibt es ebenso ein Geheimnis im Dasein dieses edlen Cygnai, wie es auch eine dunkle Seite Lhoreans gibt. Denn hinter dem Schutz des Wasserfalles, vom Glanz des Palasts überstrahlt, erstreckt sich eine zweite Stadt, die den Augen ihrer Besucher verborgen bleibt.
In tiefen Höhlen leben dort die Grauen in ihres engen, dunklen Behausungen, fern von dem öffentlichen Gesicht Lhoreans. Es ist ein seltsames Abbild der äußeren Stadt, ein Blick in einen dunklen Spiegel, der letztlich die Kunstfertigkeit der Grauen zeigt.
Dieses dunkle Lhorean wirkt schlicht und trostlos, wenn man es zum ersten Mal erblickt. Doch dieser Eindruck schwindet, sobald man die ersten Wege überwunden hat und tiefer in die steinerne Welt vorgedrungen ist.
Von magischen Lichtern beleuchtet schälen sich Skulpturen und Reliefs aus dem grauen Stein. Gewundene Wege führen zu von kristallenen Türen verschlossenen Felsnischen, in denen die Grauen leben, wenn sie nicht ihrer Arbeit nachgehen. Kristalle zeigen sich im Stein und beleben dieses Ort mit ihrem Funkeln, wachsen wie Blumen in kunstvollen, lebensechten Gärten, die man aus Stein gebildet hat.
Kein edler Cygnai übertritt jemals die Grenze zu diesem inneren Herzen Lhoreans und weiß um die wahre Natur der grauen Stadt, die hinter Trostlosigkeit und Dunkelheit erblüht.
Und so gedeiht hier, im Verborgenen, eine seltene Blume. Dahia Talan. Dies ist der Name der jungen Grauen, die Graf Ereas wie aus dem Gesicht geschnitten wirkt. Die gleichen, ungewöhnlich hellgrauen Augen, die ihn mit Scham erfüllen, die gleichen Linien von Nase, Mund und Wangen. Sogar das Alter stimmt überein. Dahia weckt Erinnerungen. Gerüchte über einen tot geborenen Zwilling, den niemand jemals zu Gesicht bekommen hat.
Die junge Frau zieht viele Blicke auf sich, verursacht Getuschel, wo auch immer sie geht. Denn sollte es tatsächlich eine Verbindung zwischen ihr und Ereas geben, würde dies die Welt der Cygnai nachhaltig erschüttern, bedeutet es doch, dass entweder unreines Blut in den Adern des Königs fließt oder ein edles Cygnai Paar einen Grauen zeugen kann und diese demnach nicht von minderwertigem Blut sein können.