Es brodelt in Ilassea. Eine Atmosphäre von Geschäftigkeit, von Entdeckergeist und Abenteuerlust liegt über der Stadt und lässt die Luft förmlich vibrieren.
Einst eine Hafenstadt, die beim Untergang der Insel zerstört und von ihren Bewohnern verlassen worden ist, wurde Ilassea erst vor gut 150 Jahren neu besiedelt. Seltsamerweise war es ausgerechnet das Windvolk, jenes unstete, freiheitsliebende Volk, das Ilassea für sich beansprucht und den alten Ruinen neues Leben eingehaucht hat.
Es ist keine schwebende Stadt wie das sagenumwobene Shanasar, aber dennoch eine Art von Heimat, ein Stützpunkt für das in seiner Freiheit beschnittene Windvolk, um interne Angelegenheiten zu regeln, der besonders durch die großzügigen Hafenanlagen interessant gewesen ist.
Hier liegen stets die prächtigen Wolkenschiffe vor Anker und schaukeln sanft auf den Wellen, während andere davonsegeln und sich in die Lüfte erheben, wieder andere vom Himmel herabsteigen, um den Hafen anzulaufen. Es ist jederzeit ein erhabener, atemberaubender Anblick, der viele Beobachter anzieht und so verwundert es keineswegs, dass der Hafen dieser Stadt ausgesprochen gut instand gehalten wird und einen prachtvollen Anblick bietet.
Ilassea ist vom Geist des Windvolkes erfüllt. Es ist keine ruhige, beschauliche Stadt. Ständig scheint sie in Bewegung zu sein, niemals steht das Leben still. Irgendwo entsteht jederzeit ein neues Geschäft, das aus den alten Ruinen emporwächst und diese verdrängt. Stetig erblüht ein neuer Funken des Lebens dort, wo vorher Verfall geherrscht hat.
Die Stimmung gleicht nie der Erhabenheit, die man erlebt, wenn man durch die Straßen von Nir’alenar wandert. Es ist keine stumme Traurigkeit spürbar, keine Melancholie, die man dort oftmals empfinden kann. Die junge Stadt blickt stets nach vorn und strebt nach Aufbau und Erweiterung. Große Lagerhallen enthalten alle Waren, nach denen es ein Wesen verlangen könnte und der Markt ist riesig. Nahe den Hafenanlagen gelegen ist er mit seinen vielfarbig schimmernden Zelten der Mittelpunkt Ilasseas, ein Ort, der in dem Ruf steht, dass man dort alles bekommen kann, was man sich wünscht. Es gibt nichts, was man hier nicht zu kaufen vermag. Wer zum ersten Mal einen Blick auf diesen lauten, bunten Platz erhaschen darf, der mit seinen tausend Gerüchen, Farben und Geräuschen alle Sinne verwirrt, der hegt kaum mehr Zweifel an dieser Tatsache.
Doch auch fern des Handels ist Ilassea ein erstaunlicher Ort. Duelle sind in entlegenen Ecken der Parks an der Tagesordnung, wenn junge Heißsporne aufeinandertreffen und das Klirren stählerner Klingen stört nur allzu oft die Nachtruhe.
Rivalitäten und Streitereien zwischen den herrschenden Familien der Stadt sind keine Seltenheit und wer sich in das Viertel einer gegnerischen Familie wagt, tut gut daran, sich nicht dabei erwischen zu lassen.
Jene Rivalitäten entladen sich oft in den Tagen der großen Wolkenschiffrennen, die in jedem Frühjahr stattfinden. Es sind spektakuläre und durchaus gefährliche Turniere, bei denen oft der Ruf und der Stolz einer Familie auf dem Spiel stehen. Intrigen, Bestechung und unsaubere Mittel sind dabei nicht selten. Ebenso wenig wie in allen anderen Belangen Ilasseas, bei denen es um Machtgewinn, Reichtum und Ansehen geht.
Ilassea wird vom Rat der großen Familien regiert, in dem zurzeit Alastan Zarandar den Vorsitz innehat. Es ist ein Rang, den die wohl prominenteste Windvolkfamilie Beleriars nun schon seit vielen Jahren besetzt und es ist gewiss, dass ihr nicht daran gelegen ist, diesen wieder aufzugeben.
Ohnehin befürchtet man, dass die Macht der Zarandar über Ilassea so stark werden könnte, dass das als skrupellos geltende Familienoberhaupt Alastan versuchen könnte, die alleinige Herrschaft anzustreben. Schließlich sind die Zarandar dafür bekannt, dass sie sehr darauf bedacht sind, ihre Interessen zu wahren.
Dies mag zwar durchaus auf alle Familien des Windvolkes in einem gewissen Maß zutreffen, doch kaum eine agiert dabei gleichermaßen effektiv wie die Zarandar, die immerhin den gesamten Wolkenschiffverkehr kontrollieren. Es wäre nicht erstaunlich, wenn ihre stärksten Konkurrenten, die Daramir, bald höchst drastische Maßnahmen ergreifen, um diesen Zustand zu ihren Gunsten zu ändern. Denn nicht jede Familie steht bedingungslos hinter den Zarandar und so manche würde nur zu gerne ihrerseits ein Stück von diesem lukrativen Kuchen abbekommen.
Ja, in der Tat, das Konfliktpotenzial in Ilassea ist jederzeit im Übermaß vorhanden.