Einst war der Faunwald einer der schönsten Orte, die je das Auge eines Lebewesens erblicken durfte. Die Wesen des Waldes führten ein sorgenfreies Leben unter den Zweigen der uralten Bäume, deren Blätter förmlich im Rauschen des Windes zu singen schienen. Sonnenbeschienene Lichtungen wechselten sich mit friedlichen Hainen ab und schattige Plätzchen luden zum Verweilen, um der Melodie des Windes zu lauschen.
Unter den mächtigen Baumkronen erhob sich das Elfenreich Y’sarea und die Elfen schützten die Wesen des Waldes mit jenem mächtigen Schutzzauber, der alles Böse aus dem Faunwald verbannte.
Y’sarea war ein blühendes, lebendiges Reich. Das wahrhaftige Ideal eines Elfenreiches, das in Harmonie mit der Natur existierte. Die grazilen Türme seiner Städte erstreckten sich durch den ganzen Wald, verbunden durch die von Blumen gesäumten Wege, die von stolzen Elfenkriegern bewacht wurden.
Doch nachdem Y’sarea für an die 5000 Jahre friedlich existiert hatte, wurde seine magische Barriere schwächer. Immer wieder wurden die Elfen von Bedrohungen heimgesucht und der Schatten begann Y’sarea zu trüben und breitete sich über den Faunwald aus.
Zur Herrschaftszeit des Elfenkönigs Alirendras von Y’sarea im Jahre 824 begab es sich schließlich, dass der Schattenelfenmagier Darandas ein Portal zur Sphäre der Götter öffnete und damit fremdartigen Kreaturen Einlass in das uralte Reich der Elfen gewährte.
Es waren seltsame, unheimliche Geschöpfe, die nun durch den Faunwald wandelten. Ausgezehrt, die Haut so durchscheinend wie Porzellan, hochgewachsen und mit glühenden, weißen Augen. Stets in helle Roben gekleidet, die ihre Körper verbargen, verbreiteten sie Schrecken in Alirendras Reich. Wer in ihre leeren Augen blickte, erstarrte auf der Stelle und ihre Berührung brachte einen langsamen Tod, der sich verbreitete wie eine Krankheit, die die Wesen Y’sareas dahinsiechen ließ.
Ai’safari, die Weißen, so nannte man die Geschöpfe, die den Elfen die Lebensenergie raubten und unter deren langen Fingern alles verdorrte. Das Leben wich aus dem Faunwald und das Elfenvolk war machtlos gegen diese Bedrohung. Viele Elfen und viele der anderen Kreaturen, die das Waldstück ihr Heim genannt hatten, flohen und suchten sich eine neue Heimat auf der Insel oder traten den Weg auf das Festland von Niel’Anor an, um den Ai’safari zu entkommen.
Immer mehr dieser fremden Kreaturen durchbrachen das Portal, das elfische Magier notdürftig verschlossen hatten, und König Alirendras erkannte, dass die Elfen von Y’sarea einen letzten heldenhaften Versuch unternehmen mussten, um das Portal endgültig zu verschließen und die Kreaturen zu bannen, bevor sie die ganze Welt mit ihrer Seuche überziehen würden.
Und so sammelte der Elfenkönig die mächtigsten noch verbliebenen Magier seines Volkes um sich, um die Ai’safari im Faunwald einzuschließen und sie für alle Zeiten zu vernichten.
Die Macht des Zaubers war schrecklich. Seine Kraft strömte durch den Wald und erschütterte ihn in seinen Grundfesten. Die Erde erbebte und die Türme Y’sareas stürzten in sich zusammen und zerschellten am Boden.
Als die Magier vor Erschöpfung die Besinnung verloren, kehrte eine unheimliche Stille ein. Es war ihnen gelungen, die Ai’safari zu verbannen. Das Portal war geschlossen. Doch das Elfenreich Y’sarea war mit ihnen gefallen. Nur noch ein geisterhafter, leerer Ort voller Ruinen und Staub war geblieben.
Und die meisten der Magier würden ihren Triumph niemals mit eigenen Augen sehen, da der Zauber ihnen alle Kraft genommen hatte. Die überlebenden Elfen, ein klägliches Häufchen, verließen Y’sarea schweren Herzens, unter ihnen auch der König, dessen Herz gebrochen war.
Heute ist der Fall von Y’sarea nur noch eine Legende unter vielen. Von der Heimat der Klingentänzer sind nur noch überwucherte Ruinen geblieben. Das geschwärzte Portal ragt aus ihnen hervor wie ein ewiges Mahnmal für die Eitelkeit und die Gier der Mächtigen.
Das einst so leuchtende Weiß der Mauern ist von Moos überzogen. Nur wenig erinnert an die alte Pracht, wenngleich manche Schnitzerei noch einen Hauch der ursprünglichen Schönheit erahnen lässt. Melancholie und Traurigkeit liegen in der Luft. Der Gesang der Bäume ist verstummt und jede Fröhlichkeit ist verschwunden. Weht der Wind, so scheint er über den Verlust Y’sareas zu klagen.
Die unglaubliche Macht des Bannzaubers hat jedoch auch noch andere Spuren hinterlassen. In der Düsternis des Faunwaldes haben sich die Kreaturen verändert. Man spricht von Eichhörnchen, die die Zähne eines Wolfes besitzen, von Faunen mit rot glühenden Augen und riesigen Schlangen, die sich um wehrlose Besucher winden und deren Haut von giftigen Widerhaken bedeckt ist.
Auch die Pflanzenwelt hat sich verändert. Schlingpflanzen greifen jeden an, der des Weges kommt, und wickeln sich um unvorsichtige Füße. Blumen versprühen einen betäubenden Duft und finden Gefallen am Genuss von Fleisch. Selbst die Bäume scheinen von der Dunkelheit beseelt und wirken bedrohlich.
Kaum jemand wagt sich heute noch in diesen uralten, dunklen Wald, um die Ruinen Y’sareas zu besuchen. Denn niemand kann ahnen, was sich wohl alles in den Überresten des Elfenreiches verbergen mag.