Schon das Wahrzeichen der Stadt Rosandrié, die voll erblühte, rote Rose deutet auf die große Leidenschaft all jener hin, die diesen Ort ihr Zuhause nennen. Über den Stadttoren hat man sie in den Stein gemeißelt und so fällt sie den Besuchern sofort ins Auge, noch bevor sie einen Fuß über die Stadtgrenze gesetzt haben. Rosenranken winden sich über die Torbögen und ziehen sich an der gesamten Stadtmauer entlang. Es ist ein schöner Anblick, vielleicht auch eine Warnung, dass Rosandrié verborgene Dornen besitzen könnte.
Sobald man das Haupttor der Stadt passiert und die saubere, hellgraue Straße betritt, erblickt man zu beiden Seiten die üppige Bepflanzung. Ein Blütenmeer voller prachtvoller Farben erstreckt sich von dort aus so weit das Auge reicht und zerstreut den letzten Zweifel – Rosandrié hat sich mit Leib und Seele der Gärtnerei verschrieben.
Nahezu jedes Haus besitzt einen kleinen, bepflanzten Gartenflecken und selbst die ärmeren Viertel der Stadt zeigen noch eine kleine Spur von Grün und wirken gepflegter, als man es von anderen Städten kennt. Betritt man schließlich die reichen Gebiete, so scheinen dort die kunstvoll angelegten Gärten einen Wettstreit um die größtmögliche Schönheit auszufechten. Sie streben danach, die hohen Marmorvillen mit den vielfältigen Reliefs aus der Tier- und Pflanzenwelt zu unterstreichen und eine Harmonie zu bilden, die den Betrachter erfreut.
Beinahe meint man, in eine andere Welt getreten zu sein. Häufig hält man die Bewohner Rosandriés deswegen für weltfremd und naiv. Die märchenhafte Blumenpracht und die Sauberkeit erscheinen so fern von der oftmals unerfreulichen Realität, dass es so manchem schwerfällt, die Arbeit dahinter zu erkennen. Allerdings ist es den Wesen, die diesen Ort zu ihrer Heimat erkoren haben, noch nicht einmal unrecht, wenn man sie unterschätzt. Der Rosandriér neigt dazu, gerne ein unerwartetes Ass aus dem Ärmel zu schütteln und eine Situation zu seinem Vorteil zu wenden.
Auch wenn die Pracht im ersten Augenblick so überaus dominant erscheint, so leben in Rosandrié doch zum größten Teil einfache, hart arbeitende Leute, die sich in ihren kleinen Fachwerkhäuschen mit den obligatorischen Blumenkästen und den rauchenden Kaminen ein gemütliches Heim geschaffen haben.
Die Straßen sind voller Tavernen und Gasthäuser, in denen sich Reisende einfinden, um die Wunder der Stadt zu bestaunen, seien es die wundervollen Gärten und Parks mit den vielfältigen Wasserspielen, die oft von den Klängen der hier ansässigen Musiker untermalt werden oder die Bauwerke, für die man die besten Architekten verpflichtet hat. Allen voran der große Brunnen in der Mitte der Stadt, aus dessen geöffneter Rosenblüte das Wasser hinabströmt, gilt als beliebte Sehenswürdigkeit. Schließlich erzählt man sich, dass der Brunnen von den Göttinnen der Liebe gesegnet sei und es soll Liebesglück verheißen, wenn man in der Nacht nackt in dem Wasser des Brunnens badet und dabei laut den Namen seines Liebsten nennt. Man muss kaum dazu sagen, dass es an dieser Stelle nicht selten zu recht prekären Situationen kommt.
Rosandrié profitiert wie kaum eine andere Stadt von der Nähe zu Nir’alenar und dem dort ansässigen Adel, der sie gerne als Zweitdomizil und Reiseziel zur Erholung nutzt. Sie hat seit der Stadtgründung durch Velana Falkenauge einen steilen Aufstieg hinter sich gebracht, der schließlich in die Ernennung zur Hauptstadt von Silvriar mündete.
Darüber hinaus lebt Rosandrié von dem regen Handel mit den anderen Städten Beleriars. Die Dörfer Silvriars mit ihren fruchtbaren Feldern spielen keine geringe Rolle bei der Versorgung der Insel. Und die Gärtnergilde tut das Übrige, um der Stadt mit ihren wundervollen Blumen und Bäumchen zu Reichtum zu verhelfen. Die Gärtner aus Rosandrié, die die dort ansässige Gartenbauakademie absolviert haben, werden auf ganz Beleriar geschätzt und sind an jedem Hofe gern gesehen, gehören sie doch zu den Besten ihres Faches.
Doch Rosandrié, jene wundervolle Stadt, die auf ihre Besucher so ruhig und friedlich wirkt, besitzt ein zweites Gesicht. Der Adel ist dekadent und verfügt über nahezu unerschöpfliche finanzielle Mittel, die es ihm erlauben, jegliche Laune auszuleben. Jede adelige Familie mischt auf irgendeine Weise in den Geschäften mit, die mit den Blumen Rosandriés gemacht werden. Einige von ihnen halten die Hand auf besonders beliebte Züchtungen und nicht selten muss der Zugang zu einer speziellen Pflanze teuer erkauft werden. Spionage und Diebstahl sind keine Seltenheit, denn man neidet es dem Konkurrenten, wenn er eine vielversprechende Züchtung hervorbringen kann und versucht dies mit allen Mitteln zu vermeiden oder seine Geheimnisse zu stehlen, um ihm zuvorzukommen.
Man gibt sich zudem in Adelskreisen noch einer anderen Kunst als der Gärtnerei hin – der Kunst der vollkommenen Intrige, die hier so fein und dicht gesponnen wie Spinnennetze die ganze Stadt überzieht und dafür sorgt, dass sich so mancher unschuldige Besucher darin verwickelt. Dabei ist der Adel keineswegs nur auf Macht und Gewinn aus. Intrigen sind ein Zeitvertreib, eine Kunstform, die man zu vervollkommnen sucht und deren Resultate man als amüsant empfindet, auch wenn sie ein anderes Wesen Kopf und Kragen kosten. Eine gelungene Intrige ist ein Zeichen für Einfallsreichtum und Intelligenz. Es ist erstrebenswert, darin zu den Besten zu gehören, auch wenn dies bedeutet, dass man ohne Rücksicht mit dem Leben eines anderen spielt.
Die unangefochtene Meisterin der Intrige ist wohl Aliene Varaskar, die „Rose“ der Stadt, wie sich die Herrin über Rosandrié und Silvriar zu nennen beliebt und die der langen Tradition der weiblichen Stadtherrinnen steht und diese fortführt. In der Tat gleicht die schöne Frau mit den schwarzen Augen und den schwarzen Locken dieser Blume und sie verstärkt diesen Eindruck gerne mit den stets blutrot geschminkten, vollen Lippen und den dunkelroten Kleidern, in die sie ihren Körper hüllt.
Aliene kann so lieblich wie eine Rose wirken, doch ihre Dornen stehen außer Frage und niemand könnte die Geschicke der Stadt so gut leiten wie sie. Nur zu gerne würde Aliene ihren Einfluss auf Beleriar erweitern. Und so schmiedet sie in ihrem Rosenpalast, der von den dunkelroten Rosen umgebenen Villa der Varaskar, unermüdlich Pläne, um diesen Wunsch in die Tat umzusetzen.