Von einem felsigen Hügel aus ergießt sich Ji San bis zum Meer hinab und bietet einen Anblick, den man auf Beleriar an keiner anderen Stelle zu finden vermag.
Die Bauwerke wirken fremdartig, ihre Formen und Materialien ungewohnt, wenn man sich die steinernen Villen und schmucken Fachwerkhäuser der Insel ins Gedächtnis ruft. Die Häuser sind aus Holz errichtet und mit Ziegeln gedeckt. Oft werden sie von Malereien und Schnitzereien geziert, die Fenster mit kunstvollen hölzernen Gittern versehen.
Nach oben geschwungene, flache Dächer sitzen auf meist niedrigen, eckigen Gebäuden, die in den höheren Lagen von sorgfältig angelegten Gärten umrahmt werden. Im Frühling blühen dort die berühmten Kirschbäume, die dem Land der Kirschblüte seinen Namen gegeben haben. Sie verwandeln die Stadt in ein Meer aus Blüten, die an windigen Tagen dem Regen gleich durch die Straßen tanzen.
Vor dem Untergang Beleriars war Ji San ein wichtiger Handelsstützpunkt der Kinder des Drachen, die von hier aus ihre Waren an die Bevölkerung der Insel verkauft haben. Der berühmte Tee ist seither selten geworden. Nur wenigen gelingt der Anbau der zarten Teeblätter und so ist das Getränk zu kostbar, um es außerhalb der Stadt zu verkaufen. Gelegentlich findet sich in den Straßen ein Teehaus, das seinen Betreibern Wohlstand verleiht und es Gästen erlaubt, diese Spezialität zu kosten.
Doch die leuchtende Seide, die auf ganz Niel’Anor geschätzt wird, wird in Ji San noch immer hergestellt und die Zucht der Seidenraupen ist ein stets florierendes Geschäft. Stoffe aus Ji San erzielen hohe Preise. Man liebt die vielfarbige Seide, die zu feinen Gewändern verarbeitet wird und bewundert die Kunstwerke der hier ansässigen Seidenmalerinnen, die insbesondere der Adel Beleriars zu schätzen weiß.
Das Erbe der Kinder des Drachen ist den Bewohnern noch immer anzusehen. Das reisefreudige, tüchtige Volk hat zu einer großen Zahl auf der Insel gelebt und die mandelförmigen Augen und das glatte, schwarze Haar haben sich über die Generationen erhalten. Gleiches gilt für viele Traditionen des fernen Landes, die in Ji San weiterleben.
Auf einer Vielzahl der Gebäude finden sich die Abbilder der Drachen, die dem Volk aus dem Osten so nahe stehen wie keinem anderen Menschenvolk. Geschnitzte und steinerne Skulpturen, Bildnisse und seidene Banner sind in der ganzen Stadt verteilt und zeigen das majestätische Tier. Auch vielerlei andere Kreaturen finden sich in geringerem Maße. Sie sind ein Zeugnis für die reiche Mythologie der Kinder des Drachen, die von allerlei Dämonen, Geistern und fantastischen Geschöpfen zu erzählen weiß.
Ein dünner Kanal teilt Ji San in der Mitte. Kleine Boote treiben auf dem trüben Wasser und tragen Güter von einem Ende der Stadt zum anderen. Der Markt von Ji San erstreckt sich zu beiden Seiten. Es ist ein lebhafter, dicht bevölkerter Ort, der von engen Gässchen umgeben wird. In der Nacht herrscht hier eine tiefe Stille, wenn sich das Leben in die Tavernen verlagert, die sich in diesen Gassen verbergen.
Dieser Bezirk, in dem die einfachen Leute leben, ist immer ein wenig schmutzig und weitaus schäbiger als die höher gelegenen Bereiche der Stadt, in denen die wohlhabenden Händler und adeligen Familien residieren, die seinerzeit auf Beleriar gelebt haben. Oft sind die Häuser mit Stroh gedeckt, die Straßen wirken eng und überfüllt und die Gerüche sind überwältigend.
Am höchsten Punkt der Stadt thront der mächtige, goldverzierte Palast des großen Drachen, einstmals eigens für den anstehenden Besuch des Kaisers Sen Xuan erbaut, der Beleriar jedoch niemals mit eigenen Augen erblicken durfte. Allerdings ist es noch immer ein Mitglied der kaiserlichen Familie, Prinzessin Sarei, die von hier aus über Ji San gebietet. An ihrer Seite steht der uralte Drache Li Xin, der die meiste Zeit in seiner menschlichen Gestalt verbringt und den Nachkommen der kaiserlichen Dynastie zur Seite steht.
Es fällt der Prinzessin schwer, zu akzeptieren, dass das kaiserliche Blut ihrer Heimat den Kopf vor einem einfachen Fürsten beugen soll, der in den Adelsstand erhoben worden ist und so strebt Ji San unter Sarei nach Unabhängigkeit, vielleicht sogar nach mehr.
Man hat das Blut der kaiserlichen Familie rein gehalten, über Generationen Hochzeiten mit den mächtigsten hier ansässigen Familien aus dem Land der Kirschblüten arrangiert, um ein starkes Adelsgeschlecht zu erhalten. Momentan ist es ein Prinz aus dem Hause des Tigers, der mit dem Haus des Drachen verbunden werden soll, damit Sarei einen reinblütigen Erben zur Welt bringen kann. Es verwundert also nicht, dass die hiesigen Familien Sareis Streben unterstützen und mit der jetzigen Situation höchst unzufrieden sind. Schließlich ist Sarei ranggemäß die wahrscheinlich am höchsten stehende, menschliche Persönlichkeit Beleriars und so ist es kaum zu ertragen, dass ihre Macht kaum über die Mauern der Stadt hinausreicht.
Gefährlich wird dies, wenn man bedenkt, dass jede der adeligen Familien über einen der Kampfstile gebietet, die die Kinder des Drachens zu gefürchteten Gegnern machen. Jede von ihnen hütet die Geheimnisse der eigenen Kampfkunst eifersüchtig. Es braucht wenig Fantasie, um sich vorzustellen, zu welchen Taten ihre lautlosen, beinahe übermenschlich wirkenden Assassinen fähig sein könnten.