In keiner anderen Stadt Beleriars ist der Gegensatz zwischen Arm und Reich so deutlich spürbar wie in Lysielle. Hinter den Stadtmauern erstreckt sich eine geteilte Welt. Die tiefer gelegenen Behausungen sind schlicht. Einfache Fachwerkhäuser, in den ärmsten Gebieten gar baufällige Holzhütten, die wirken, als ob ein Windstoß ausreicht, um sie zum Einsturz zu bringen.
Je weiter die Stadt ansteigt, desto mehr ändert sich dieses Bild. Mächtige, protzige Marmorvillen thronen hoch oben auf den Hügeln. Die breiten Straßen sind bepflanzt und sauber, kein Vergleich zu den schmalen, von Schmutz übersäten und unbefestigten Lehmwegen in den unteren Gebieten. Kutschen und Sänften verkehren hier bei Tag und bei Nacht. Niemand, der aus den wohlhabenden Teilen Lysielles stammt, durchquert die Stadt zu Fuß und beschmutzt freiwillig sein Schuhwerk.
Tatsächlich ist die reiche Bevölkerung Lysielles sehr stark auf ein gepflegtes Erscheinungsbild bedacht und folgt jeder modischen Strömung. Schneidereien, Schuhmacher und Juweliere verdienen ein Vermögen an der Sucht des Adels, sich von dem einfachen Volk abzuheben und die Mode treibt zuweilen skurrile Blüten. Es wimmelt vor schreienden Farbkombinationen und extravaganten Schnitten. Beinahe kein Mann geht ohne den gefiederten Hut und seinen weiten, dramatisch schwingenden Umhang vor die Tür, das glänzende Rapier stets griffbereit an der Seite. Und zuweilen sieht man gar eine Frau, die sich auf diese Weise kleidet, Hosen und hohe Stiefel bevorzugt.
Die Bewohner Lysielles sind temperamentvoll und stolz, nehmen keine Beleidigung hin, ohne dafür Genugtuung zu verlangen. Wer einem Duell aus dem Weg geht, wird als Feigling betrachtet und sorgt in der Folge unweigerlich für seinen gesellschaftlichen Absturz.
In der Tat sind öffentliche Duelle in Lysielle nicht verboten und so kann man an vielen Stellen, auf weitläufigen Brücken und in Parks oder auf öffentlichen Plätzen Zeuge davon werden, wie ein solches ausgetragen wird.
Das Interesse am Fechtkampf ist groß. Es gibt einige große, berühmte Fechtmeister, die Schüler aufnehmen, um ihnen einen besonders ausgefallenen und effektiven Stil zu vermitteln und dafür zu sorgen, dass sie nicht in Vergessenheit geraten.
Im Augenblick macht besonders der charismatische, junge Fechtmeister Deoran Sarien von sich reden, ein heißblütiger Elf, der jedoch im Duell stets einen kühlen Kopf bewahrt und all seine Herausforderer in die Schranken weist.
Deoran kämpft mit der linken Hand, was ihn zu einem schwierigen Gegner macht. Man bewundert seine Eleganz und seine Schnelligkeit. So mancher möchte ihm nur zu gerne darin nacheifern und zu seinem Schüler werden, doch Deoran möchte seine Kunst noch nicht weitergeben und weigert sich, als Lehrer zu fungieren.
Der aufregende, ausschweifende Lebensstil des Adels und Lysielles reiche Bezirke blenden. Sie täuschen über das große Gefälle in der Bevölkerung hinweg, das für die Reichen nicht existent ist. Das Volk ist unglücklich. Viele mismutige Blicke richten sich auf den rosenfarbenen Palast mit den goldenen Verzierungen und die Unzufriedenheit der Bevölkerung wird am Abend in den Tavernen offenbar, wenn der Unmut über die Verschwendungssucht des Stadtherren laut wird.
Seine Extravaganzen sind weithin bekannt. Rauschende Feste, die teuersten Stoffe und Juwelen, exotische, seltene Speisen – Eryan Fenomir neigt zu einem ausschweifenden Lebensstil und lässt sein Volk dafür bluten. Ständig erhöht er die Abgaben, fordert von der Bevölkerung ein, was er benötigt, um seinen Luxus zu finanzieren.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das Volk von Lysielle erhebt, um dem Treiben des Cath’shyrr ein Ende zu bereiten. Und tatsächlich hat es bereits einen Streiter gefunden, ein wagemutiges Individuum, das man den dunklen Rächer nennt. Ein Dieb und Wegelagerer, der die Reichen um ihr Vermögen bringt, den Armen gibt, was er erbeutet und flammende Reden hält. Manchmal bewaffnet und auf direktem Wege, manchmal durch aufsehenerregende, komplexe Pläne, die er mit seinen Getreuen ausführt und in extravaganter Verkleidung.
Niemand weiß, wer sein Gesicht hinter der silbernen Maske verbirgt. Doch viele munkeln, dass Deoran Sarien dahinterstecken könnte. Wer den dunklen Rächer während eines Duells erlebt hat, ist nur zu schnell dazu bereit, Parallelen zu erkennen. Deoran äußert sich nicht zu den Gerüchten, wiegelt ab, wenn er danach gefragt wird. Sein Lebensziel ist es, Duelle auszutragen und zu gewinnen, um zum größten Fechtmeister aller Zeiten zu werden, nicht mehr und nicht weniger. Zumindest ist es das, was er stets behauptet.