Es ist eine eigene Welt, die sich dort, hoch oben in die Felsen der Wolkenspitzen schmiegt. Kleine Häuser erheben sich zwischen den unwirtlich wirkenden Steinen, verschmelzen förmlich damit, als seien sie eins mit dem Gebirge. Kleine, wilde Blumen und Kräuter blühen aus engen Ritzen und trotzen der kargen Umgebung, beweisen ihre Zähigkeit, die der der Bewohner dieser Stadt gleicht.
An manchen Stellen sind Stufen in den Fels gehauen und bilden eine natürliche Treppe, die zur nächsten Häuserebene führt.
Am höchsten Punkt der Stadt erhebt sich die Burg Felsenspitze. Alt und mächtig thront sie über den Häusern und erinnert an einen grau gewordenen König, der über seine Untertanen wacht. Sie ist ein Bild der Stärke, ein wahrhaftiges Sinnbild für die Wesen, die sich hier angesiedelt haben. Trotzig und unbeugsam, unerschrocken und unbezwingbar.
Felsenspitze ist berühmt für die kräftigen Bergpferde, die hier gezüchtet werden und die die Charaktereigenschaften der Bevölkerung in sich tragen. Beinahe jede Familie züchtet ihre eigenen Pferde und viele Bewohner Beleriars nehmen den beschwerlichen Weg ins Gebirge auf sich, um den Pferdemarkt zu besuchen, der einmal alle drei Monate stattfindet. Es ist stets eine besondere Atmosphäre, die dann das kleine, runde Tal zwischen den Berghängen erfüllt, in dem der Markt abgehalten wird. Bunte Zelte verleihen der grauen Umgebung ungewohnte Farbtupfer und eine seltene Geselligkeit liegt in der Luft. Sogar mancher Adelige reist an, um die eigene Pferdezucht mit den Eigenschaften der Bergpferde zu optimieren und somit sind die Pferde die wichtigste Existenzgrundlage der Bewohner.
Jede Familie rühmt sich nur zu gerne, die beste Zucht zu besitzen, doch es sind die Pferde der Sturmfalken, der Herren von Felsenspitze, die diesen Ruf wohl tatsächlich verdienen. Baron Theonor Sturmfalke und drei seine Söhne sind weithin als ebenso tapfer und gerecht wie auch als wagemutig bekannt. Sie gelten als die besten Reiter Felsenspitzes, was sie in jedem Jahr bei dem großen Pferderennen unter Beweis stellen, das unter großen Gefahren einmal quer durch die Wolkenspitzen führt und bei dem die besten Rösser ihren Wert unter Beweis stellen.
Der Baron ist das Gesetz von Felsenspitze und den die Stadt umgebenden Sieben Dörfern, die ihm direkt unterstellt sind. An jedem Falaviar hört er sich in der großen Thronhalle seiner Burg die Klagen der Bevölkerung an und entscheidet über Streit oder verhängt Strafen. Im Augenblick handelt es sich dabei meist um die Überfälle, die seit einiger Zeit das Volk der Sieben Dörfer in Aufruhr versetzen.
Dabei konzentrieren sich die Räuber keineswegs auf Wertgegenstände, die hier ohnehin selten sind, sondern haben es auf das wertvollste abgesehen, das Felsenspitze zu bieten hat – die besten Bergpferde, die aus den Zuchten hervorgehen.
Dabei wissen die Diebe offenbar sehr genau, an welcher Stelle sie zuschlagen müssen und scheinen selbst exzellente Reiter zu sein, die schon bei einigen Gelegenheiten ihren Verfolgern zu entkommen wussten. Es ist kein Wunder, dass Gerüchte aufgekommen sind, dass es sich um Delorn Sturmfalke, den ältesten Sohn des Barons handeln könnte, der die Burg nach einer heftigen Auseinandersetzung mit seinem Vater verlassen musste. Was der Grund für dieses Zerwürfnis sein mag, liegt im Dunklen. Betrachtet man jedoch den Zusammenhalt innerhalb der Familie, so muss es etwas Gravierendes gewesen sein. Es ist gewiss, dass diese Gerüchte dem stolzen Theonor missfallen dürften und dass er alles daran setzt, die Räuber zu fassen.
Abseits von allen Störungen nimmt das Leben in den Sieben Dörfern seinen gewöhnlichen Lauf und könnte beinahe idyllisch wirken, wären da nicht der schneidend kalte Wind, der stets über die Bergweiden weht und das Wasser in den Bächen auf eisige Temperaturen abkühlt oder die Bären und Wölfe, die die Wolkenspitzen zu ihrem Heim erkoren haben.
Die einfache Bevölkerung tritt Fremden mit Misstrauen entgegen und zieht die Einsamkeit und Ruhe der Aufregung vor, die Besucher oftmals mit sich bringen. An den Abenden trifft man in den Tavernen zusammen, trinkt das warme Gewürzbier, das die Kälte aus den Adern treibt und sitzt um das Kaminfeuer, um den Geschichten zu lauschen, die die Dorfältesten erzählen. Und wenn ein wandernder Barde des Weges kommt, kann er sich sicher sein, dass es ihm nicht an Publikum mangeln wird.