Zu einer Zeit, als Nir’alenar noch nicht mehr war als eine der vielen Möglichkeiten, die die Zukunft für Beleriar bereithalten würde, war Kasrai eine der prachtvollsten Städte der Nordelfen, die jemals auf dem Antlitz Niel’Anors existiert haben.
Die spitz zulaufenden, schmalen, weißen Türme erheben sich rund um den schneebedeckten Fels des höchsten Berges der Wolkenspitzen und erinnern dort noch heute an die märchenhafte Stadt, die schon vor Jahrhunderten aufgegeben worden ist. Schimmernde, bogenförmige Brücken spannen sich über Abgründe und verbinden die Türme in der luftigen Höhe. Die Straßen, die sich darunter in Spiralen bis zum Gipfel hinauf winden, sind unter der dichten Schneedecke verborgen und werden selten von einem Fuß berührt.
Statuen ragen an vielen Stellen aus den Schneeverwehungen. Es sind lebensechte Tierfiguren, die wirken, als seien sie in der Bewegung erstarrt, um einen Besucher aus aufmerksamen Augen zu beobachten.
Eine unheimliche Stille liegt über diesem Ort. Eine Ruhe, die nur von dem klagenden Heulen des Windes unterbrochen wird, der gelegentlich durch das Gebirge streift und einem einsamen Wanderer Schauer über den Rücken laufen lässt.
Doch Kasrai ist nicht so verlassen, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Hoch oben auf dem Gipfel stechen die nadelspitzen Türme der Festung Nahi’Kasrai in den Himmel über der Kuppel. Die Ringe der Festungsmauer beherbergen in ihrem Inneren noch immer Leben, wenngleich man ihre Bewohner niemals zu Gesicht bekommt.
Es ist das Heim des Eiskönigs, eines Wesens, dessen wahrer Name in den Nebeln der Vergangenheit verborgen liegt. Er ist kaum mehr als eine Legende, eine Märchengestalt, von der man an langen Winterabenden vor dem Kaminfeuer erzählt, an deren Existenz man aber nicht glaubt.
Tatsächlich ist er jedoch überaus lebendig und darüber hinaus hat er nur noch wenig mit dem edlen König gemein, dessen tragische Geschichte auf Beleriar nahezu jedes Kind kennt. Es ist eine Geschichte von Liebe, Verrat und Verlust. Sie erzählt davon, wie der König der Nordelfen seine große Liebe durch die Hände seines eigenen Bruders verlor, der es nicht verwinden konnte, dass die junge Prinzessin der Lichtelfen nicht ihm gehören durfte.
Es ist die Erzählung von der schönen Prinzessin Sahea, die ihr Leben lassen musste, als man ihr einen Kelch voll vergifteten Weines überreichte. Sie starb in den Armen des Königs, der in dem Kummer über seinen Verlust einen grausamen Rachefeldzug begann. Er erschlug seinen Bruder, und all jene, die ihm zur Seite gestanden hatten, kaum dass der letzte Atemzug Saheas Lippen verlassen hatte.
Das Entsetzen über diese Taten war groß und einige der ambitionierten Adeligen witterten eine Gelegenheit, die Macht über Kasrai an sich zu reißen. Über viele Tage andauernde Kämpfe entbrannten zwischen den hohen Familien Kasrais und ihren Verbündeten und kosteten so viele Leben, dass die Nordelfen die Stadt schließlich aufgeben mussten. Ohnehin hätte niemand an diesem Ort bleiben mögen, an dem die Geister der Gefallenen allgegenwärtig blieben und an dem der Wind wie ein ewiges Klagelied von toten Lippen klang. Die Scham über das, was innerhalb des eigenen Volkes geschehen war, war zu groß für die überlebenden Nordelfen. Zu überwältigend, um sich an jedem neuen Tag der Erinnerung daran zu stellen.
Allein der Eiskönig blieb mit seinen Getreuen in der Festung zurück. Doch die Leben, die er genommen hatte, lasteten schwer auf seinem Gewissen und die ruhelosen Seelen, die er zu einem Dasein in der Zwischenwelt verdammt hatte, plagten ihn ohne Unterlass. Einsamkeit, Schmerz und Trauer trieben ihn schließlich an dem Tag, an dem Saheas sterbliche Hülle dem Schnee übergeben werden sollte, zu einer verzweifelten Tat.
Er verbündete sich mit uralten, dunklen Mächten und erschuf mit der Hilfe der Magie, die sie ihm gewährten, einen Saal aus reinem Kristall, in dem er Sahea zur Ruhe bettete. Solange sie in diesem Saal lag, sollte ihr Körper erhalten bleiben, bis der Eiskönig einen Weg finden würde, um ihre Seele aus Moravons Traumreich zurückzuholen. Er wusste, dass es einem Wesen, das solche Gräueltaten begangen hatte, in seinem Nachleben verwehrt bleiben würde, wieder mit seiner Liebsten vereint zu werden. Er würde Sahea nur wiedersehen, wenn er selbst einen Weg fand, sie aus ihrem Schlaf zu erwecken.
Doch der Preis dafür war hoch. Der Eiskönig glitt immer weiter in den Wahnsinn hinab. Wie ein Besessener erschuf er das Abbild seiner verlorenen Liebe, wenn er nicht nach Wegen suchte, um Sahea wiederzuerwecken. Statuen und Bildnisse füllten bald jeden Raum der riesigen Festung und ließen ihre Augen auf jeden hinabblicken, der sich in ihr bewegte.
Beinahe lebendig erscheint ihr Blick, verfolgt jedes Lebewesen, das unter ihre Augen tritt, so als ob sein Teil von ihr tatsächlich in ihrem Abbild gefangen ist. Und obgleich der Eiskönig über Jahrhunderte beinahe jeden Winkel mit Sahea gefüllt hat, fährt er noch immer mit seinen Bemühungen fort, seine Erinnerungen an sie mit seinen Händen zu erhalten, jede ihrer Bewegungen, jedes Lächeln und jede Regung für die Ewigkeit einzufangen, um ihr nah zu sein.
Wenn er nicht an diesem schaurigen Werk arbeitet, geht er seinen Studien nach, sendet die verbliebenden Nordelfen aus, um auf der ganzen Insel nach verlorenem Wissen zu suchen, das Sahea zu ihm zurückbringen kann, und unternimmt Versuche, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Nur zu jenen Zeiten, wenn er auf die Jagd geht, lässt er davon ab. Es sind jedoch keine Tiere, die den Eiskönig und sein Gefolge aus der Festung treiben. Wenn die geisterhafte Jagdgesellschaft auszieht, dann ist es das Blut humanoider Wesen, nach dem sie dürstet.
Denn allein dieser kostbare Stoff, den der Eiskönig in der Nacht jedes Jahreszeitenwechsels in seinem kristallenen Saal vergießen muss, sorgt dafür, dass Saheas Körper nicht verfällt.
Nichts an ihm erinnert mehr an Asteos, den edelmütigen und heldenhaften König der Nordelfen, der von seinem eigenen Volk aus der Erinnerung verbannt worden ist. Er wirkt kaum mehr wie ein lebendiges Wesen, ist beinahe selbst zu einem der Geister geworden, die bei Tag und Nacht um ihn herum von der Vergangenheit flüstern und die Zerstörung Kasrais wieder aufleben lassen.
Sollte sich der Schleier seines Wahnsinns jemals heben, so ist gewiss, dass er sich vor Grauen über seine eigenen Taten vom höchsten Turm Nahi’Kasrais stürzen müsste. Doch bis zu diesem Zeitpunkt sollte jedes Lebewesen schnell das Weite suchen, sobald der schaurige Klang der Jagdhörner des Königs erklingt und die Hufe seiner weißen Rösser den Schnee aufwühlen.