Die Schweigende Stadt, so nennt man Sian’darai heute, obgleich es dort einst kein Schweigen gab. Hohe Türme schmiegen sich an die Felsen der Wolkenspitzen, Säulen aus weißem Marmor erheben sich in die Lüfte, leergefegte Plätze zeigen noch immer die einst prachtvollen Mosaike und wer auf Spurensuche geht, findet die verblasste Erinnerung an Gärten und Parks, in denen die Bewohner Sian’darais einst lustwandelten.
Schweigen liegt über der Stadt, eine tiefe, durchdringende Stille, die von keinem Ton gestört wird. Kein Vogel zwitschert hier sein munteres Lied, keine Stimme erhebt sich über ein Flüstern hinaus. Steine und Geröll bedecken die breiten Allen, Paläste erinnern an den einstigen Wohlstand, ihre Fenster jetzt blinden Augen gleich, aus denen nur noch Dunkelheit dringt.
Die hohen Gebäude, großzügig in ihrer Bauart, offen und weit, geben einen Hinweis auf jene, die ihr Leben hier verbracht haben – Syreniae, die Sian’darai in seiner Blütezeit zu Größe und Wohlstand geführt haben.
Tatsächlich war Sian’darai einst das Juwel Beleriars, lange bevor sich die ersten Siedler Nir’alenars auf der Insel gezeigt haben. Ihre Schönheit und ihre Wunder waren weit über die Grenzen der Insel hinaus bekannt, eine Schönheit, die heute noch blass zu spüren ist, wenn man inmitten der imposanten Bauwerke steht, deren Größe jeden Besucher Zwergengleich wirken lässt.
Was genau Sian’darai zerstört haben mag, liegt hinter den Schleiern der Zeit verborgen. Man spricht davon, dass Hochmut, Wahnsinn und Machtgier das einstige Juwel vernichtet haben, dass sich die Bewohner der Stadt in ihrem Wahn selbst an den Abgrund getrieben haben.
Geschichten und Legenden ranken sich um den Untergang der einstigen Metropole, erzählen von einem Steinregen, der vom Himmel gefallen ist und das Volk von Sian’darai als Strafe für Eitelkeit und Anmaßung unter sich begraben haben soll.
Und doch kann niemand mehr den wahren Grund für den Fall der Stadt nennen. Zu viele Jahrhunderte sind vergangen und noch nicht einmal die langlebigen Elfen vermögen es, sich an die Zerstörung Sian’darais zu erinnern.
Wo einstmals Melodien durch die Lüfte geschwebt sind und die Stadt vor Leben schier übersprudeln wollte, lebt heute niemand mehr. Nur manchmal, wenn ein Wanderer des Weges kommt, erscheint eine geisterhafte Gestalt in den alten Ruinen und ein leises, anklagendes Lied löst sich von ihren Lippen. Sie spricht niemals, doch ihre Schönheit berührt jedes Herz, lässt jeden innhalten, der ihr in ihrer Selbstvergessenheit gewahr wird.
Und wer ihrer Stimme lauscht, wird in eine ferne Zeit geführt, in der Sian’darai noch groß war, darf die Pracht dieses Ortes mit eigenen Augen sehen, bevor das Vergessen über ihn kommt und die Erinnerung an sein eigenes Leben auslöscht.
Wenn das Lied verklungen ist, hat es alles Wissen um das alte Leben und die eigene Person mit sich genommen, Freund und Feind vergessen gemacht. So sollte jeder, der die Syreniafrau erblickt auf der Hut sein, niemals stehenbleiben, um zu lauschen, wovon sie erzählen möchte.
Und doch ist sie nicht die einzige Gefahr, der ein Bewohner der Ruinen entgegenblicken muss. Wilde Tiere und andere Kreaturen haben sich hinter verlassenen Mauern angesiedelt und wer unvorsichtig durch die Stadt streift, kann schnell seinem Verderben ins Auge blicken.
Trotzdem schleichen sich viele Schatzsucher in leere Häuser und aufgegebene Paläste, hoffen darauf, dass die Plünderer, die vor ihnen da waren, noch das ein oder andere Stück des sagenhaften Reichtums übersehen haben, den es früher zu finden gab.
Vor einiger Zeit haben sich einige Syreniae am Fuße Sian’darais angesiedelt. Sie halten ein Auge auf Eindringlinge, träumen davon, die Stadt wieder aufzubauen und ihr zu neuer Blüte zu verhelfen, um wieder ein Leben unter Ihresgleichen zu führen.
Es ist ein beinahe utopischer Traum, wenn man die Größe der gewaltigen Stadt bedenkt, aber wer kann ahnen, wohin Eifer und fester Glaube führen können?