Sie sind das mächtige Gebirge, das den Mittelpunkt Beleriars bildet. Eine einschüchternde Felsenmasse mit schneebedeckten Gipfeln, die so hoch aufragen, dass man beinahe die Kuppel darüber zu berühren vermag. Als sich Beleriar noch unter freiem Himmel befand, verschwanden die Gipfel stets in den Wolken. Ein Anblick, der einem unendlichen, weißen Ozean aus Nebel glich, wenn man sich weit genug empor wagte. Heute ist die Luft rund um die Berge klar. Sie gewährt einen Blick in die Ferne, der nahezu endlos scheint.
Seen und grasbewachsene Täler breiten sich im Schutz der Felsen aus. Kleine Siedlungen, deren Bewohner das Leben in dieser rauen Gegend nicht fürchten, erstrecken sich in ihrer Nähe. Eine vielfältige Vegetation blüht auf saftigen Gebirgswiesen, während es an anderen Stellen nur die nackten Felsen gibt.
Je höher das Gebirge ansteigt, desto kälter und schneidender wird der Wind. Stürme peitschen häufig über den Fels hinweg. Sie kommen ohne Vorwarnung auf und toben für Stunden, bis sich ihre Wut erschöpft hat. Man nennt sie Selurians Atem, eine Laune des Gottes, der schon leibhaftig auf den Wolkenspitzen erschienen sein soll.
Schreine zu seinen Ehren finden sich an vielen Stellen. Wer die Wolkenspitzen bereist, macht es sich zur Gewohnheit, dort ein Opfer für den Gott der Stürme zu hinterlassen, um seinen Zorn zu besänftigen und um eine sichere Reise zu bitten.
Meist befindet sich eine kleine Hütte in der Nähe, die von Selurians Priesterschaft regelmäßig mit Vorräten ausgestattet wird. Diese Hütten sollen Wanderern, die von einem Sturm überrascht worden sind, Schutz bieten, bis sich die Winde wieder legen. Es gilt als Geste des Respekts, die Wasservorräte dieser Schutzhütten wieder aufzufüllen und Entbehrliches dort zu lassen, damit es einem in Not geratenen Wesen helfen kann. In den Wolkenspitzen heißt es, dass es Glück bringt, wenn man diesem Brauch folgt.
Allerdings wagen sich nur wenige in die höchsten Regionen. Bis auf die Selurianpriester, die den Tempel der tausend Winde, den größten Seluriantempel auf Beleriar, bewohnen, gibt es kaum jemanden, der sich der Strapaze des Aufstiegs aussetzt. Dies liegt zum Teil auch an der Existenz der Sturmgeister, die das Gebirge heimsuchen.
Diese blassen, durchscheinenden Wesen reiten auf den Stürmen und halten Ausschau nach einsamen Wanderern, die sie in ihre kalte Umarmung locken können. Sie wirken verführerisch, überirdisch schön und anziehend. Doch wer sich der Verlockung ergibt und ihnen folgt, wird den Wolkenspitzen niemals wieder entkommen. Denn diese Kreaturen ernähren sich von der Wärme eines lebendigen Körpers und in ihren Armen wartet nichts als ein kalter Tod.
Die Wolkenspitzen sind ein weites, wildes Gelände, das zum größten Teil unerforscht ist. Es ist unmöglich, alles zu ergründen, was sich darin verbergen mag. Verlassene, untergegangene Städte liegen unter Schnee und Eis begraben. Höhlen führen tief in das Gebirge hinein an Orte, die noch niemals der Fuß eines Sterblichen betreten hat. Es gibt Türme von Magiern, die diese Welt schon lange verlassen und nur die Überbleibsel ihrer Forschungen zurückgelassen haben, unzählige geheimnisvolle Stätten, die im Herzen des Gebirges ihrer Entdeckung harren.
Doch auch natürliche Gefahren lauern zwischen den kalten Felsen. Wölfe und Bären nennen sie ihr Zuhause und man erzählt sich, dass sogar einige Schneewölfe ihr Unwesen dort oben treiben sollen. Es sind die riesigen, furchterregenden Bestien, die eigentlich allein auf dem Kontinent Norvandor zu finden sind.