Man erzählt sich, dass Drachen zuweilen die Gestalt eines Menschen annehmen, um sich unbemerkt unter den Wesen Niel’Anors zu bewegen. Und wann immer die Rede auf diese Legende kommt, so ist der Gedanke an Araysia nicht fern. Unzählige Jahrhunderte hat die Goldene Stadt überdauert, Herrscher kommen und gehen, Reiche entstehen und fallen sehen. Und als einzige hatte sie über all die Zeit Bestand.
Ist es wahr, dass hier einst Drachen gelebt haben? Das Araysia von jenen legendären Wesen errichtet worden ist, von denen man stets nur voller Ehrfurcht spricht? Wer die großzügige Bauweise der Stadt erblickt, die breiten Alleen, die goldenen Plattformen, die sich einstmals der Sonne entgegengestreckt haben, die weiten Gebäude mit den riesigen Fenstern und hohen Portalen, ist geneigt, daran zu glauben.
Wie sollten gewöhnliche Wesen solche unglaublichen Bauwerke erbaut haben? Die flachen, mit Schnitzereien verzierten Dächer, die auf mächtigen Säulen ruhen und die an nichts erinnern, das man auf Beleriar jemals zu Gesicht bekommen hat? Und wie kann es sein, dass niemand jemals Araysia geplündert hat? All das Gold, all die Juwelen, die jede Mauer und jeden Torbogen zieren?
Nein, es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie mächtige Drachen auf riesigen Schwingen auf diesen Dächern gelandet sind, bevor sie ihre humanoide Gestalt angenommen und sich den Annehmlichkeiten Araysias hingegeben haben. Wie sie auf den Plattformen in der Sonne geruht haben, um sich von dort wieder in die Lüfte zu erheben.
Ja, Annehmlichkeiten besitzt die Stadt im Übermaß. Von weitläufigen, gepflegten Parks über prachtvolle Bäder findet man alles, wonach sich das Herz sehnen mag und erstaunliches bietet sich an einigen Flecken dem Auge dar. Riesige Feuerbecken, schattige Pavillons und von wilder Vegetation überwucherte Nischen verleiten zum Staunen und lassen über den Zweck nachsinnen, der sich nicht sofort erschließen möchte.
Wer den Nervenkitzel sucht, nachdem er sich von der Erhabenheit der Gebäude erholt hat, dem steht es frei, sich ein besonderes Abenteuer zu gönnen. Denn unterhalb der Stadt erstreckt sich ein verzweigtes Netz von weitläufigen Höhlen, die sich labyrinthartig in die Erde graben. Es sind die Drachenhöhlen von Araysia, die viele junge Abenteuer und Schatzjäger magisch anziehen, die sich ein Stückchen von dem unendlichen Reichtum erhoffen, der diesen Ort hervorgebracht haben soll und der angeblich hier verborgen liegt.
Doch Schatzjäger sind in Araysia nicht willkommen und die Zugänge zu diesem riesigen Höhlenkomplex entsprechend stark bewacht. Trotzdem gibt es genügend von ihnen, die ihr Glück versuchen wollen und die danach trachten, herauszufinden, was sich wirklich unter der Stadt verbirgt.
Schließlich nimmt Araysia nicht am Handel teil, ist kaum für eigene Waren bekannt und plündert offensichtlich nicht die eigenen Schätze. Woraus mag der sagenhafte Reichtum also resultieren? Es sind Rätsel, die so mancher gerne ergründen würde und die lauten, unheimlichen Töne, die manchmal aus der Erde empor dringen, tragen nicht dazu bei, das Ambiente weniger mysteriös und beunruhigend zu gestalten.
Allerdings ist die Herrscherfamilie von Araysia dafür bekannt, dass sie es versteht, ihre Geheimnisse zu wahren. Die Delargos herrschen in scheinbar gerader Linie seit über 700 Jahren über diese Stadt und man munkelt, dass Drachenblut durch ihre Adern fließt.
Wer Tamnar Delargos, das momentane Familienoberhaupt, zu Gesicht bekommt, die markanten, hoheitsvollen Züge, das goldene Haar und die smaragdgrünen Augen, die nicht von dieser Welt zu stammen scheinen, hegt kaum einen Zweifel daran. Nur wenige zögern, bevor sie dieser majestätischen Gestalt ihren Respekt bezeugen. Seine Gemahlin Dimnara steht ihm kaum darin nach und so bedarf es nicht erst der drei Dracheneier, die ihm Thronsaal des Herrscherpalastes auf samtenen Kissen ruhen, um einen Besucher einzuschüchtern.
Beinahe ist man geneigt, in diesen hochgewachsenen Geschöpfen tatsächlich die Abkömmlinge von Drachen zu sehen und die nahezu fanatische Verehrung zu verstehen, die man Drachen hier entgegenbringt. Wer würde es wagen, sich gegen das Blut des Drachen zu erheben? Die Bevölkerung von Araysia riskiert es jedenfalls nicht.
Doch auch fern von Drachenglauben und Ehrerbietung sind die Delargos keinesfalls zu unterschätzen. Die stolze Familie beugt ihr Haupt vor keiner lebenden Seele und zieht es vor, wenn sich niemand in ihre Belange einmischt. Dies, gepaart mit Tamnars ausgeprägter Machtversessenheit, macht Araysia und die Delargos zu einer Gefahr. Wer weiß schon, was geschehen wird, wenn dem Drachenkönig, wie man Tamnar hier nennt, seine eigene Stadt zu klein wird?
Araysia ist stark. Die Soldaten der Delargos sind gut ausgebildet und loyal. Sicherlich ist dies ein Umstand, der Aranil Falkenauge häufig nicht ruhig schlafen lässt.