Chadira, das Herz der Dekadenz. Mittelpunkt der Schönheit und der Künste. Ein Juwel, das inmitten des Silberwaldes erstrahlt wie ein Stern, der zu Boden gefallen ist.
Von weißen Mauern umgeben ist Chadira mit seinen eleganten Türmen schon von Weitem zu erkennen, wenn sich die Bäume unerwartet zu einer breiten Allee teilen, die den direkten Blick auf die Türme des Schlosses freigibt, das etwas erhöht auf einem Hügel über den Gebäuden der Stadt thront.
Vielfarbige Gebäude erstaunen das Auge mit ihrer grazilen Bauart und den dekorativen Mustern aus Stein, die breite Türen und hohe Fenster zieren. Blumen und Grünflächen ergänzen das Bild, laden an abgelegenen Ecken zum Verweilen ein und verdecken, was neugierigen Blicken verborgen bleiben soll. Ihr Duft ist betörend, vermischt sich mit der allgegenwärtigen, unerwarteten Sauberkeit der Stadt, die ihn nicht an der Entfaltung hindert. Musik erklingt aus allen Richtungen und verwirrt das Ohr mit vielfältigen Klängen, die manchmal harmonisch, zu anderen Zeiten eher schmerzhaft wirken.
Betritt man schließlich den Kern der Stadt, so blendet dieser ihre Besucher mit den prächtigen Gewändern all jener, die durch ihre Gassen wandeln. Beinahe wirkt es, als hätte ein Riese seine Schatztruhe geöffnet, in der alle erdenklichen Edelsteine in ihren leuchtenden Farben funkeln.
Es besteht kein Zweifel daran, Chadira ist eine reiche Stadt, in der das Leben angenehm ist. Hier lebt, wer volle Taschen sein Eigen nennt, Luxus und das süße Nichtstun anstrebt, ohne sein Auge mit Armut und Elend zu bekümmern und sich schuldig fühlen zu müssen.
Es ist, als ob in Chadira die Festlichkeiten niemals enden, als ob das Leben ein einziger, ewig währender Ball wäre, auf dem der Wein in Strömen fließt und die Speisen aus den ausgefallensten Köstlichkeiten bestehen.
Und doch ist dies nur die Seite Chadiras, die ein oberflächlicher Blick zu offenbaren vermag. Der Reichtum und die Dekadenz mögen das sein, was ein Beobachter als erstes sieht, doch es wäre falsch, die kleine Stadt nur nach dem ersten Eindruck zu beurteilen.
Wohlstand zieht oftmals all jene an, die ihren Nutzen daraus ziehen möchten. Allerlei Betrüger mischen sich unter die wohlhabende Gesellschaft, Diebe verbergen sich unter geschickten Verkleidungen und so mancher ist selbst zu einem beachtlichen Vermögen gekommen, in dem er sich die richtigen Ehepartner erwählt hat, um diese dann plötzlich loszuwerden.
Zudem ist Chadira ein Hort der Künste, an dem Kunst und Individualität blühen dürfen. Entsprechend zieht sie Künstler von der ganzen Insel an, die hier auf einen reichen Mäzen hoffen. Es gibt eine Vielzahl an Werkstätten, die großartige Kunstwerke hervorbringen, Theater und Opernhäuser, die für Zerstreuung sorgen und die jederzeit gut besucht sind, wenn der Abend anbricht.
In Chadira sind die Kunstschaffenden frei. Sie dürfen tun, was auch immer sie möchten, ohne an gesellschaftliche Grenzen zu stoßen, und wer sein Handwerk beherrscht, kann zu unsterblichem Ruhm gelangen, der sich weit über die Grenzen der Stadt hinaus erstreckt.
Und so gibt es also eine einfachere Welt unter der äußeren Hülle des Pomp und der Prachtentfaltung. Eine Welt, in der Talent und Können eine größere Rolle spielen als alles Gold Niel’Anors.
Natürlich ist sie nicht frei von dunklen Einflüssen. Wo viele Individuen danach streben, Ruhm und Ehre zu erlangen, gibt es auch Rivalität. Oftmals führt diese zu Rufmordkampagnen und allerlei Arten von Attentaten, um einen unliebsamen Konkurrenten auszustechen.
Mäzene gibt es nicht in endloser Zahl und es ist schwer genug, die Aufmerksamkeit eines jener begehrten Wesen zu erregen, wenn kein Konkurrent den Weg versperrt. Und so gibt es ebenso konkurrierende Theaterhäuser, deren Schauspieler und Schreiber um die Aufmerksamkeit der Zuschauer buhlen wie auch Maler und Bildhauer, die um lukrative Aufträge kämpfen.
Jeder möchte derjenige sein, der eine neue Mode auslöst. Der gefragteste Künstler auf seinem Gebiet, der beste Poet, der begnadeteste Sänger, das Theater, das man besuchen und dessen neuestes Stück man erlebt haben muss.
Und letztlich gibt es vielerlei Möglichkeiten, um jene in den Ruin zu treiben, die dem eigenen Vorankommen im Wege stehen. Dazu bedarf es lediglich einer gewissen Skrupellosigkeit.
Einem arglosen Besucher bleibt dies jedoch verborgen. Atemberaubende Villen und lebensechte Statuen, unglaubliche Fresken und ungewöhnliche Bauwerke, perfekt angelegte Gärten und blühende Parks lassen es kaum zu, dass man seinen Geist mit etwas anderem als der überwältigenden Schönheit beschäftigt.
Es ist kein Wunder, dass die Priesterschaft von Lilliande und Yanariel in der Stadt ausgesprochen beliebt ist und der größte Tempel den Zwillingsgöttinnen gewidmet ist. Man sagt sogar, dass Chadira unter ihrem ganz besonderen Schutz steht, wenngleich ein solcher Glauben allein kaum reicht, um die Schatzkammern ihrer Bürger zu schützen.
Allerdings verfügt die Stadt über eine bestens ausgebildete Stadtwache, für deren Ausbildung und Ausrüstung erhebliche finanzielle Mittel aufgewandt werden. Insbesondere Viria Neladar, die Herrin der Stadt, richtet ihr Augenmerk darauf, dass der Schutz ihrer Heimat nicht vernachlässigt wird. Man mag die schöne Cath’shyrr eher für ihr Modeverständnis schätzen, das auf ganz Beleriar früher oder später nachgeahmt wird, doch unter dieser oberflächlichen Fassade schlummert eine fähige Herrscherin, die nur zu gut weiß, wie sie jene Dinge erreicht, die ihrer Stadt zum Vorteil gereichen.
Ohnehin weist Chadira die größte Cath’shyrr Population auf, die man auf Beleriar kennt. Die Stadt im Silberwald scheint die Katzenwesen beinahe magisch anzuziehen und so haben sie ihr auserkorenes Heim zu einem großen Teil geprägt und stellen seit Jahren die herrschende Familie, deren Stammbaum noch immer bis auf die Gründer der Stadt zurückgeführt werden kann.