Kaum jemand weiß um die Existenz der Stadt Naresar und kaum ein Wesen, das nicht den Nachtelfen angehört, hat sie jemals mit eigenen Augen sehen dürfen.
Unter der Erde des Silberwaldes liegt dieser verborgene Ort, zu dem kein Lichtstrahl hinabdringen kann. Und der Eingang ist so gut verborgen und mit einem magischen Siegel versperrt, dass niemand ihn durch einen schieren Zufall zu finden vermag.
Einem kleinen Waldtümpel gleicht das geheime, unauffällige Portal, das zu den weitläufigen, unterirdischen Höhlen führt. Es besitzt keinerlei Bedeutung für ein neugieriges Auge, das sich hierher verirren mag.
Doch hat man das Portal entdeckt und überwunden, so bietet sich ein Anblick, den niemand jemals wieder vergessen kann. Schlanke Türme und Säulen erheben sich rund um den silbrig glänzenden Spiegelsee, dessen Wasser so ruhig ist, dass man sein Spiegelbild darin erkennen kann.
Elegant geschwungene Boote teilen die glatte Wasseroberfläche und bringen die Bewohner von einem Ufer zum anderen, hinüber in den gegenübergelegenen Teil der Stadt. Sie gleichen Gondeln, die jedoch niemanden benötigen, der sie mit seiner Muskelkraft antreibt. Magie hält sie in Bewegung und lässt sie sicher durch das Wasser gleiten.
Zarte Bauwerke, die aus einem dunklen, undurchsichtigen Glas zu bestehen scheinen, sind in Felsnischen gebaut worden, andere stehen frei in den Straßen, von steinernen Gärten umgeben, in denen vielfarbige Kristalle und merkwürdig glühende Gewächse schimmern, die man an der Oberfläche noch niemals zu Gesicht bekommen hat.
Ein bläuliches Leuchten entströmt dem fremden Baumaterial und hüllt zu jeder Zeit die ganze Stadt in einen sanften Schein, der die empfindliche Haut der Nachtelfen nicht verbrennen kann.
Silberne Punkte schimmern an den Höhlendecken und erwecken den Eindruck, in die unendlichen Weiten des nächtlichen Himmels zu blicken. Es ist eine gekonnte, makellose Nachbildung, die den Anschein von Freiheit erweckt.
Überall in der Stadt erheben sich kristallene Skulpturen. Manche erinnern an Pflanzen, andere an Tiere oder Fabelwesen. Sie sind so lebensecht, dass man beinahe ihren Atem spüren kann, wenn man vorübergeht.
Die Welt der Nachtelfen ist fremd und voller Zauber. Sie gleicht einem bizarren Traum, zu schwer zu greifen, um real zu sein. Trotzdem haben sie hier eine Heimat gefunden, in der sie ohne Vorurteile und Einschränkungen existieren dürfen.
Die Größe von Naresar ist erstaunlich. Tatsächlich ist diese Stadt schon einige Jahrhunderte alt und ihre Existenz ist somit das wahrscheinlich größte Geheimnis der Nachtelfen. Schon lange bevor der Gedanke an Nir’alenar geboren war, hatte Naresar einen festen Platz in dieser Welt und war ein Zufluchtsort für all jene, die nicht im Licht des Tages leben durften.
Die Stadt gleicht einem lebendigen Kunstwerk, ist die Heimat einer Gesellschaft, die sich nirgends sonst frei entfalten darf. Hier leben die Nachtelfen im Schoße ihrer Familien, der zehn großen Häuser, die Naresar beherrschen und denen jeder Nachtelf auf die eine oder andere Weise angehört. Sei es als privilegiertes Mitglied der herrschenden Schicht oder als Diener.
Rauschende Feste beginnen in Palästen und setzen sich auf den Straßen fort, erwecken den Anschein, von allgemeiner Gleichheit und Vertrautheit zwischen allen Schichten. Und doch ist diese Harmonie nur schöner Schein, etwas, das am nächsten Morgen vergessen ist, wenn die Glocken des Nachtpalastes das Morgengrauen melden und Klassenunterschiede wieder Gültigkeit besitzen.
Naresar ist keine ideale Welt, in der es keine Spannungen gibt. Verbitterung hat einige der Häuser befleckt und ist über die Jahrhunderte in Hass umgeschlagen. Der Rückzug unter die Erde war unumgänglich, doch es bleiben der Neid auf all jene, die ihr Leben unter dem Licht der Sonne fristen dürfen und die Wunden aus vielerlei Begegnungen, aus Verfolgung und Abscheu.
Und so gibt es stets Stimmen, die nach Vergeltung fordern und die mit all jenen ringen, die eine solche zu verhindern versuchen. Seit dem Untergang Beleriars ist es für die Nachtelfen nicht mehr unmöglich, sich für längere Zeit im Licht zu bewegen und das Elfenreich Lianar steckt wie ein Stachel im Fleisch jener Nachtelfen, die Unterdrückung vonseiten der Schattenelfen erleben mussten. Warum sollte es also nicht möglich sein, einen Platz unter ihresgleichen mit all seinen Annehmlichkeiten zu fordern? Das Leben unter der Erde kann hart und entbehrungsreich sein, wenngleich man Wege gefunden hat, es durch magische Mittel leichter zu gestalten.
Und Naresar verfügt über genügend starke Magier und Streitkräfte, um zu einer tatsächlichen Gefahr zu werden. Die magischen Akademien sind zu jeder Zeit gut besucht und es existieren in der Tat einige wahre Magier in den zehn Familien, deren Macht gefürchtet ist. Allen voran wohl der charismatische Adelige Serian Sallea, dessen magische Kraft unglaublich stark ist und der selbst unter seinesgleichen für seine radikalen Ansichten gefürchtet wird. Man erhofft sich, dass die Heirat mit der schönen, sanftmütigen Lynar Niendal sein Temperament mildert, doch es bleibt abzuwarten, ob sich dieser Wunsch erfüllen kann.