Kharsah, die mächtige Hauptstadt von Syranas, Zentrum des kleinen, unabhängigen Reiches des Nordens, das sich tapfer gegen jeden Versuch behauptet, es unter die Herrschaft von Beleriar zu bringen.
Es ist keine Schönheit, die sich dort in die Felsen der spärlich bewachsenen Hügel schmiegt. Aus dem schwarzen Granit erbaut, der in dieser Gegend gewonnen wird, wirkt Kharsah wuchtig und kraftvoll. Starke Mauern umgeben die Stadt und die Festung in ihrem Herzen und schützen jene, die diesen Ort ihr Heim nennen. Schon von Weitem kann man die bunten Flaggen erkennen, die das Wappen von Kharsah und die der hier ansässigen, alten Familien tragen und munter im Wind flattern.
Der Weg hinauf zur Stadt ist beschwerlich. Es gibt keine breite Straße, die durch die Felsen führt, lediglich kleine, enge Wege, die sich in Schleifen bis zu dem einzigen Tor emporwinden. Um Waren oder Soldaten schneller hinein oder hinaus zu befördern hat man ein ausgeklügeltes System von Aufzügen entwickelt, die streng bewacht werden. Im unwahrscheinlichen Falle eines Angriffes sind die Holzkonstruktionen schnell und mühelos zu vernichten, um den Zugang ins Innere der Stadtmauern zu verhindern.
Im Rücken Kharsahs entfaltet sich ein tiefes Höhlensystem, das der Bevölkerung Schutz bietet, wenn es nötig ist. In den Fels gehauene, von vielen Füßen abgenutzte Treppen führen zu den Eingängen hinauf. Dort befinden sich auch die Lagerhallen der Stadt, in denen Vorräte eingelagert werden. Manche dieser Höhlen werden sogar als Behausungen oder Tavernen genutzt. Es ist, als ob sich Kharsah einfach in die Hügel hinein erstreckt, als sei dies das natürlichste der Welt.
Eine Schar bunt gemischter Wesen lebt hier zwischen den Menschen des Nordens. Wer die Gesetze Syranas‘ wahrt und sich nichts zuschulden kommen lässt, ist in Kharsah willkommen. Es spielt keine Rolle, welchen Stand ein Individuum besitzt oder was es in seinem bisherigen Leben getan hat, solange es nichts tut, was dem Volk von Syranas Schaden zufügt. Falls doch, so schlägt der Arm des Gesetzes jedoch mit unerbittlicher Härte zu. Kharsah ist nicht dafür bekannt, bei seinen Feinden Gnade walten zu lassen.
In Kharsah und ganz Syranas richtet man seine Gebete noch immer an Narion, ohne dafür Reue zu empfinden. Kein Mensch des Nordens würde den Gott kränken, dessen Feuer in der Kälte Leben spendet. Narion ist für viele die Gottheit, die seit jeher von dem kriegerischen Nordvolk verehrt worden ist und so hält man es selbst nach dem Untergang Beleriars noch. In Syranas glaubt man an ein Gleichgewicht der Mächte. Man hält nichts davon, eine Gottheit zu verneinen und so findet sich die Kharsah der wohl größte Tempel des Feuers, der Narion geweiht ist.
Es geht rau zu in den Straßen der Stadt. Sie sind laut, oftmals überfüllt, eng und von Rauch erfüllt, denn Kharsah ist das Handelszentrum von Syranas und wer Waren anbieten oder kaufen möchte, tritt stets den Weg zur Mitte der Stadt an. Dort befindet sich der große Marktplatz mit seinen Zelten und Ständen, der sogar von Händlern aus anderen Teilen Beleriars bereist wird. Die Kargheit des Landstriches macht Kharsah zu einem gewinnbringenden Ziel, da hier ein Bedarf an allerlei Dingen besteht. Allerdings ist so mancher auch unterwegs, um die Erzeugnisse des Nordreiches zu erwerben. Felle, feine Schnitzarbeiten und Lederwaren aus Kharsah sind ausgesprochen beliebt, zudem findet man hier das wohl beste Bier der Insel, wenn man vom Zwergenbier absieht. Das schmackhafte, dunkle Getränk ist außerhalb der Reichsgrenzen überaus teuer, wird in Kharsah selbst allerdings zu jeder Gelegenheit konsumiert.
Der Marktplatz schließt sich nahtlos an den großen Platz vor den Mauern der Festung an, auf dem Festlichkeiten und vielerlei sportliche Wettkämpfe stattfinden. Insbesondere die Tage des Schwertes sind ein Ereignis, das sich niemand entgehen lässt. Dieses Fest zieht sich über acht Tage, in deren Verlauf ein großes Schwertkampfturnier abgehalten wird, dessen Sieger mit hohen Ehren rechnen kann.
Der Legende nach ist der erste König Syranas‘ auf diese Weise ausgewählt worden und auch heute noch nimmt der König an diesem Wettkampf teil, wenn ihm der Sinn danach steht. Mit dieser Geste stellt er seine Stärke und seine Tapferkeit zur Schau. Allerdings kann er sich auch einen Stellvertreter erwählen, der in seinem Namen antritt. Oftmals ist dies dann der Sieger des letztjährigen Turniers.
Der jetzige König, Khoras Wolfsblut, braucht sich jedoch nicht um einen Streiter zu bemühen. Der muskulöse Mann mit dem langen, schwarzen Haar geht keiner Herausforderung aus dem Weg und nur wenige wagen es, überhaupt gegen ihn anzutreten.
Khoras gilt als unbesiegbar. Der wilde Krieger, auf dessen Gesicht meist ein grimmiger Ausdruck liegt, ist ein Meister mit der Klinge und sorgt mit fester Hand dafür, daß sein Volk stark und frei bleibt. Bei einer Auseinandersetzung reitet der Barbarenkönig, wie ihn seine Feinde zu nennen pflegen, stets an der Spitze seiner Streitkräfte und ist somit der Erste, der sich einer Gefahr entgegenstellt.
Khoras mag nur im engsten Kreise seiner Freunde Herzlichkeit zeigen und seine ernste, undurchschaubare Miene ablegen, doch in seiner Brust schlägt ein edles Herz und ein fester Ehrenkodex leitet jeden seiner Schritte.
Der König führt im Kampf das Langschwert seines Vaters, das bereits mehreren Generationen der Könige von Syranas gedient hat. In Syranas gibt es keinen Platz für die Feinheiten eines Fechtkampfes. Man zieht es vor, sich einer Waffe zu bedienen, die im Kampf effektiver einzusetzen ist.