Der Norden Beleriars ist ein felsiges, unfruchtbares Gebiet, in dem sich nur wenige Bewohner der Insel freiwillig angesiedelt haben. Wer allerdings glaubt, dass der nördlichste Punkt der Insel vollkommen verlassen ist, wird an ihrer Spitze eine kleine Überraschung erleben, wenn er Windburg erblickt.
Dieses Vorhaben ist jedoch nicht ganz so einfach, denn Windburg schmiegt sich in die felsigen Klippen der Inselspitze und kann entsprechend erst gesehen werden, wenn man entweder vom Meer aus auf Beleriar blickt oder über den Rand der Insel hinaus nach unten klettert. Dann bietet sich der atemberaubende Anblick dieser Stadt, die bis zum Meer hinab zwischen den kahlen Felsen in die natürlichen Höhlen der Insel gebaut worden ist. Unglaublich viele Treppenstufen sind in die Felswand gemeißelt worden, um es den Einwohnern zu erlauben, sich in dieser schwindelerregenden Höhe zwischen den Höhlen zu bewegen. Seile baumeln dazwischen hinab und Flaschenzüge dienen dazu, schnell das eine oder andere zwischen dem Höhlen hin und her zu transportieren.
Es mag verwunderlich sein, dass sich einige Wesen Beleriars ausgerechnet in diesem unfruchtbaren Gebiet angesiedelt haben. Wirft man jedoch einen näheren Blick in die Geschichte der Stadt, werden die Umstände all dessen sehr viel klarer. Denn Windburg war in seinen ersten Tagen ein kleines Piratennest, ein Versteck für all jene, die nicht gefunden werden wollten und die sich entsprechend an einem Flecken angesiedelt haben, an dem nur Wenige sie vermuten würden.
Auch heute ist Windburg ein Ort, dessen Besuch man sich sehr genau überlegen sollte, denn die Bewohner der Stadt sind nicht weniger rau als das windige Klima und ebenso hart wie die Felsen, zwischen denen sie leben. Dunkle Geschäfte in den schmutzigen Felsstraßen und den zwielichtigen Spelunken sind hier an der Tagesordnung und es könnte sich als gefährlich erweisen, allzu sehr mit seinem Reichtum zu protzen.
Windburg ist ein Paradies für all jene, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind und ein gutes Versteck oder eine Umgebung suchen, in der sie vor den Folgen sicher sind. Sicherer sogar als innerhalb der Grenzen von Syranas, wo man sich trotz aller Unabhängigkeit dem Gesetz des Königs zu unterwerfen hat. Denn Windburg ist die einzige Stadt auf Beleriar, die keiner Grafschaft angehört.
Zurückzuführen ist diese Tatsache auf den charismatischen Piratenkönig Sasardar Einauge, der seinerzeit den ersten Rat der Stadt Nir’alenar davon überzeugt hat, dass Windburg im Grunde nicht als Teil der Insel anzusehen sei, da es sich genau genommen darunter befände. Seitdem gilt, dass der Arm des Gesetzes niemanden erreichen kann, der sich innerhalb der Stadtgrenzen aufhält. Und im Inneren wurden schon seit jeher eigene Gesetze gemacht.
Natürlich ist dies dem Fürsten Beleriars ein Dorn im Auge, doch bisher ist Windburg nicht wichtig genug gewesen, waren andere Probleme drängender, sodass man die Stadt größtenteils in Ruhe existieren lässt, solange sie keine offensichtlichen Probleme verursacht. Und in Windburg ist man sehr gut darin, anrüchige Tatsachen zu vertuschen.
Windburg besitzt noch immer einen Piratenkönig oder eine Piratenkönigin. Momentan wird diese Position sogar von einem echten Nachkommen des ersten Piratenkönigs besetzt – von Shazandri Feuerhaar, deren Namen man nur mit größter Vorsicht in den Mund nehmen sollte.
Shazandri, eine Halb-Djirin, deren Linie väterlicherseits direkt auf Sasardar zurückzuführen ist, ist mit Sicherheit ebenso verschlagen, wie es der erste Piratenkönig gewesen ist. Selten hat man auf Niel’Anor eine wagemutigere Frau zu Gesicht bekommen und womöglich noch seltener eine, die ebenso verrückt war. Das aufbrausende Wesen der Piratenkönigin ist ebenso legendär wie ihr Geschick mit der Pistole und dies hat dazu geführt, dass man es möglichst unterlässt, ihren Namen allzu laut auszusprechen, ganz gleich, ob er mit etwas Positivem oder Negativem verbunden sein mag. Denn man weiß nie, wie die unberechenbare Shazandri das Gesagte aufnehmen könnte.
Doch wenn man es genau nimmt, passt die wilde Piratenkönigin perfekt in das Bild dieser stets lauten und belebten Stadt, in der zwielichtiges Gesindel an allen Ecken lauert.
Anders als am Hafen von Nir’alenar wurden die mit hinabgerissenen Schiffe wieder flott gemacht und werden nun von all jenen bewohnt, die sich noch nie mit dem Festland anfreunden konnten. Dort unten am Hafen floriert der Handel mit allerlei Waren, deren Herkunft nicht immer legal ist und ist, gibt kaum etwas, das man hier nicht bekommen kann. Es mag längere Wartezeiten geben, doch nichts scheint unmöglich zu sein.
Auch sonst gibt es selten einen Ort, an dem der Untergang Beleriars so wenig spürbar ist, wie in Windburg. Bei Tage geht man hier noch immer seinen Handelsgeschäften nach, doch in der Nacht, wenn sich die Dunkelheit über die Stadt senkt, erwacht Windburg erst richtig zum Leben.
Allerdings sollte sich niemand unbewaffnet und allein in die engen, dunklen Gassen wagen, denn dort kann sehr schnell der Tod in Form einer blitzenden Klinge lauern. An den meisten Ecken in den unteren Bereichen der Stadt finden sich willige Huren, doch wer ihre Dienste in Anspruch nimmt, muss sich immer darüber im Klaren sein, dass sie nicht weniger gefährlich sein können als jeder Mann hier. Es ist also angeraten, sie stets für ihre Dienste zu entlohnen.
In den Hafenspelunken fließt der Alkohol in Strömen und nicht selten kann man morgens einen Wirt oder eine Wirtin finden, die damit beschäftigt sind, die bei Schlägereien entstandenen Schäden wieder zu reparieren, denn es gibt selten einen Abend ohne Anlass für eine Schlägerei.
Auch Glücksspiele und Geschichten sind hier ausgesprochen beliebt und gehören zu dem bevorzugten Zeitvertreib der Bevölkerung. Wer ein gutes Lied singen kann, wird in Windburg sicher jederzeit willkommen sein – es ist jedoch fraglich, ob es eine gute Idee ist, sich dafür bezahlen zu lassen.