Einst war Dhara nicht mehr als eine vollkommen bedeutungslose Siedlung. Eines von jenen kleinen Dörfern, die sich an beiden Ufern des Silberflusses entlang ziehen. Noch heute erinnern viele der reetgedeckten Fachwerkhäuschen am Rande der Stadt an das Fischerdorf, das einst für kaum mehr als für seine sorgfältig geknüpften Netze bekannt gewesen ist.
Dies änderte sich allerdings rasant, als der findige Baron Talavar seinem Vater als der neue Herr über Dhara folgte. Schon lange war es ihm ein Dorn im Auge, dass seine Familie über eine solche, von allen Göttern verlassene Gegend herrschen musste, nachdem sie nach dem Untergang der Insel in Ungnade gefallen war. Er schwor sich, diesen Zustand für alle Zeiten zu ändern.
Der einstmals gute Name Talavar half ihm dabei, sich eine große Menge Golddukaten zu leihen und den Turm des Duells zu errichten. Zuerst spottete man über den Ehrgeiz des Barons, doch als sich das gläserne Bauwerk schließlich in der Mitte von Dhara auf dem einstigen Marktplatz erhob, blieb vielen der Spott im Halse stecken.
Zehn Ebenen aus reinem, hartem Kristall reckten sich in den Himmel. Eine schier endlose Treppe wand sich an den Wänden entlang bis zur obersten Ebene, Aufzüge waren außen für jene angebracht, die dafür bezahlen wollten, sich den mühsamen Aufstieg zu ersparen und rund angelegte Ränge zogen sich um zehn Arenen in der Mitte, in denen es vor Fallen wimmelte.
Eiserne Spitzen schossen aus dem Boden, pfeilartige Geschosse konnten unvermittelt von den in den Wänden eingelassenen Vorrichtungen abgefeuert werden, Feuer, Sand, Eis, Wasser und magische Energie eingesetzt werden, um die Arenen zu tödlichen Gefahren zu machen.
Baron Talavars Traum war leicht zu erklären. Am ersten Tage eines jeden Monats sollten Duelle auf jeder Ebene abgehalten werden. Duelle, bei denen die Sieger eine Ebene emporsteigen durften, während die Verlierer die Ebene verloren und bei jedem weiteren Verlust so lange abstiegen, bis sie schließlich den Turm für alle Zeit verlassen mussten. Nur die Besten würden jemals auf die zehnte Ebene gelangen und dort in der tödlichsten der Arenen ihr Können unter Beweis stellen dürfen.
Hohe Belohnungen und das Versprechen von Ruhm und Ehre lockten Fechtmeister aus allen Teilen Beleriars an und der Adel und die Reichen folgten ihnen, um das Spektakel mit eigenen Augen zu verfolgen und auf ihre Favoriten zu wetten.
Der Baron verstand es, seinen Turm auf eine Weise in Szene zu setzen, die bald Scharen von Besuchern anzog. Feine Speisen und Getränke, Feuerwerk, Darbietungen der besten Künstler, eine leichtbekleidete Dienerschaft, Musik und prunkvolle Gewänder bildeten den Rahmen für ein unvergessliches Erlebnis. Wer es sich nicht leisten konnte, einen Platz im Inneren des Turmes zu erwerben, mischte sich unter die Zuschauer, die den kreisförmigen Platz um den Turm herum bevölkerten, um von außen die Kämpfe zu verfolgen.
Der Turm des Duells wurde ein voller Erfolg. Die Golddukaten flossen in einem niemals versiegenden Strom nach Dhara und erhoben die Stadt endlich aus ihrer Bedeutungslosigkeit. Des Barons Traum war Wirklichkeit geworden.
Seit 50 Jahren steht der Turm des Duells nun schon in Dhara und in der Stadt hat sich vieles gewandelt. Hohe Steinhäuser haben die kleinen Fischerhütten verdrängt. Rund um den Turm sind prunkvolle Villen errichtet worden. Sie dienen als Behausungen für die Kämpfer, die im Turm des Duells so lange siegreich bleiben, dass sie einen festen Platz in seinem Inneren behaupten können. Diese Kämpfer werden wie Helden verehrt und verfügen über wohlhabende Gönner, die ihren gehobenen Lebensstil finanzieren. Häufig sind dies adelige Damen, die es zu ihrer Aufgabe erkoren haben, einen besonders anziehenden Fechter zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass es ihm an nichts fehlt und er alle Mittel erhält, um siegreich zu bleiben.
Insbesondere der Dai’Vaar Tarxas, der nun bereits seit einem Jahreslauf die zehnte Ebene hält, erfreut sich eines großen Ruhmes, der bereits über die Grenzen der Stadt hinausgedrungen ist. Viele reisen von der ganzen Insel aus an, um den Fechtmeister kämpfen zu sehen oder ihn einmal zu Gesicht zu bekommen und nicht wenige ambitionierte Fechter träumen davon, sich bis zur zehnten Ebene hinaufzukämpfen, um seinen Platz einzunehmen. Jeder möchte derjenige sein, der den legendären Tarxas in die Schranken weist.
Mittlerweile hat sich der Baron zurückgezogen und das Schicksal seiner blühenden Schöpfung in die Hände seiner Tochter Jassryn gelegt. Die attraktive, elegante Frau mit dem glänzenden, schwarzen Haar und den dunklen Augen versteht es perfekt, das Werk des Barons weiterzuführen. Womöglich sind die monatlichen Duelle und ihr Rahmenprogramm sogar noch glanzvoller geworden, seitdem sie die Fäden zieht.
Jassryn thront dabei stets auf ihrem Stammplatz auf der zehnten Ebene und wird von einer Schar hübsch anzusehender Jünglinge begleitet, die ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen. Man nennt sie die Frau, die niemals verliert, denn Jassryn hat noch niemals verloren, wenn sie auf den Ausgang eines Duelle gewettet hat.

Jassryn Talavars Erfolge sind nicht so schwer zu erklären und weniger mystisch, als es auf den ersten Blick scheint. Die schöne Frau trägt das Blut des Schattenvolkes in den Adern. Sie ist bekanntlich nicht die leibliche Tochter des Barons Theras Talavar und seiner Gemahlin Dessa, sondern war ein Findelkind, das von dem Paar als eigene Tochter angenommen worden ist.
Jassryn besteht darauf, vor jedem Duell, auf dessen Ausgang sie setzen möchte, die Kontrahenten persönlich aufzusuchen, um ihnen Glück zu wünschen. Dabei ist es ihr ein Leichtes, das Duell zu manipulieren, indem sie zur rechten Zeit von der Lebenskraft des baldigen Verlierers kostet.
Ein gutes Auge für die Stärken und Schwächen der Kämpfer tut sein Übriges, um Jassryn niemals fehlzuleiten und die Golddukaten in die Hand der Familie Talavar fließen zu lassen.