Essyr ist nicht wegen ihrer Schönheit bekannt geworden. Die Stadt am Silberfluss ist kein poliertes Juwel, das in ehrfürchtiges Staunen versetzt, wenn man es aus der Ferne erblickt. Die hohen Steinhäuser wirken altmodisch und schwer. Düstere Wasserspeier kauern auf den mit Rosettenfenstern verzierten Gebäuden und mustern jeden Passanten bedrohlich. Eiserne Zäune und hohe Mauern umschließen Häuser und Gärten und hinterlassen einen wenig einladenden Eindruck.
In der Nacht, wenn das schummrige Licht der Straßenlaternen die Gassen nur schwach erhellen kann, ist es besser, sich nicht allein nach draußen zu wagen und die engsten, lichtlosesten Flecken zu meiden. Verbrechen sind dann keine Seltenheit. Es ist ein dunkler Ort, an dem sich lichtscheue Gestalten wohlfühlen.
Allerdings ist Essyr keineswegs arm. Die Stadt ist schlicht überfüllt. Die Webereien und der lukrative Handel mit Wolle haben dafür gesorgt, dass sich hier viele arbeitssuchende Wesen unterschiedlichster Herkunft angesiedelt haben und so quillt die Stadt beinahe über.
Besonders das Hafenviertel ist eng. Über mehrere Etagen gebaute Häuser drängen sich dicht aneinander, um Wohnraum zu schaffen. Die Straßen sind stets schmutzig, voller Unrat und mit Karren und Kutschen verstopft. Erst in den wohlhabenderen Gebieten ist der Raum großzügiger bemessen. Sie wirken wesentlich sauberer, weniger hektisch und laut als die einfachen Bezirke.
Essyr ist dafür bekannt, dass offene, begabte Geister damit rechnen können, gefördert zu werden, wenn sie den Weg in die Stadt antreten und sich hier niederlassen. Bereits der alte Graf Dalsir war von Wissenschaft und Fortschritt fasziniert und hat dafür Sorge getragen, dass sich große Denker angesiedelt haben. Auch die Bevölkerung ist von neuen Errungenschaften begeistert und Wissenschaftler aus allen Teilen Beleriars treffen in den edel ausgestatteten Salons aufeinander, um anregende, fruchtbare Diskussionen zu führen und sich Unterstützung bei ihren Projekten, vielleicht sogar einen Förderer zu suchen.
Seit jeher verlässt sich Essyr weniger auf Religion und Glauben als auf die Errungenschaften des Geistes und fleißiger Hände. Dummheit wird nicht geschätzt, Unvoreingenommenheit und Erfindungsreichtum sind die Tugenden, die nötig sind, um Großes zu vollbringen. Und tatsächlich wird großes vollbracht. Eine Vielzahl von Aufsehen erregenden Erfindungen entstammen dieser Stadt und versetzen Beleriar in Staunen. Speziell die Entwicklung der pferdelosen Kutsche hält die Insel in Atem, obgleich das plumpe Gefährt für eine Menge Spott sorgt und sich bislang nur über wenige Meter fortbewegen kann.
Der Sohn des Grafen, Tamir Dalsir, führt das Werk seines Vaters fort und sorgt dafür, dass Essyr die freigeistige, aufstrebende Stadt bleibt, zu der sie unter dem alten Grafen geworden ist. Tamir hat selbst ein großes Interesse daran, dass die Offenheit Essyrs erhalten bleibt, denn der jetzige Graf ist kleinwüchsig, besitzt die Statur eines Gnomen, ohne in dieses Volk hineingeboren zu sein.
Für lange Zeit hat der junge Graf darunter gelitten, bis ihn sein Vater eines Tages zu einem Jahrmarkt mitgenommen hat, um ihm zu zeigen, dass es noch andere Schicksale gibt, die weitaus schlimmer sind, als klein zu sein. Dort bekam der Junge Gestalten zu Gesicht, die noch seltsamer und erschreckender waren als alles, was er sich in seinen Träumen jemals hätte ausmalen können.
Seither ist Tamir von solchen Kreaturen fasziniert, die keine Scheu besitzen, ihre missgebildeten Körper und Gesichter der Welt zu präsentieren. Sie vermitteln ihm das Gefühl, ein gewöhnlicher Mensch zu sein und lenken die Aufmerksamkeit von seiner eigenen Person ab.
Das Resultat ist ein permanenter Jahrmarkt, der sich zwischen Hafen und Marktplatz auf einem weitläufigen Gelände ausbreitet. Bunte Zelte, von Pferden gezogene, fröhlich bemalte Wohnwagen, Käfige und sogar einige feste Gebäude beherbergen den Jahrmarkt von Essyr, auf dem ständig wechselnde Attraktionen dargeboten werden.
Entstellte, fantasievoll bekleidete Gestalten, Monstrositäten, Gaukler und Wahrsager ringen um die Aufmerksamkeit der Besucher und die finanziellen Zuwendungen des Grafen, der die ausgefallensten davon mit einer Prämie belohnt. Ein stetiger Strom von Fremden bewegt sich ständig innerhalb der Stadtmauern, fahrendes Volk, Schausteller und Diebe besuchen Essyr zu jeder Jahreszeit.
Allein im Winter, wenn es zu kalt wird, ruht der Jahrmarkt. Dann wirkt das Gelände traurig und leblos, der Graf zieht sich hinter die Mauern seiner Villa zurück und fällt in eine tiefe Melancholie, bis der Frühling wiederkommt. Erst dann bekommt man Tamir Dalsir wieder zu Gesicht, wenn er nicht mehr die Augen aller auf sich gerichtet fühlt und die Kreaturen seines Jahrmarktes von seiner kleinen Misere ablenken.