Wer auf dem Boden nach Kinyara, der sagenumwobenen Baumstadt der Tua’Tanai sucht, der wird wohl niemals fündig werden. Wer allerdings den Blick hinauf zu den Baumkronen des Waldes von Arvonar hebt, wird dafür mit dem Anblick eines Flechtwerks aus Leitern und Brücken entlohnt, die an strammen Seilen hoch oben in den Bäumen hängen und dabei ein für das Auge verwirrendes Bild abgeben.
Zunächst ist es für Fremde nicht einfach erkennbar, wie diese Brücken zu erreichen sind. Schließlich gibt es keine sichtbare Möglichkeit, zu den Behausungen der Tua’Tanai, die direkt in die Kronen der Bäume gebaut worden sind, emporzuklettern.
Allerdings bleibt ein Besucher ohnehin nicht lange unbemerkt und nur allzu schnell werden gut bewaffnete Bogenschützen in ihren ledernen Kleidern sichtbar, die klar und deutlich und nicht ohne eine gewisse Strenge in der Stimme nach dem Begehr eines jeden fragen, der den Boden unter Kinyara betritt.
Sind seine Motive überprüft, so wird ihm möglicherweise eine Leiter zugestanden, die wie von Zauberhand hinab gleitet und es ihm erlaubt, die Stadt der Tua’Tanai zu betreten. Eines ist also gewiss – es ist nicht einfach, Kinyara zu betreten und folglich verfügt diese Stadt über nur wenige Gäste, die sich in ihrem Inneren aufhalten dürfen. Natürlich darf ein Besucher keinesfalls eine Waffe mit hinaufbringen und eine harte Strafe trifft all jene, die es dennoch wagen, eine solche in die Stadt zu schmuggeln.
Natürlich gilt dies nicht für die Bewohner der Kinyaras, die nur eine kurze Melodie anstimmen müssen, um eine dieser verzauberten Leitern dazu zu bewegen, in die Tiefe zu gleiten. Jeder Einwohner kennt diese Melodie und kann sie entweder singen, summen oder pfeifen, was auch immer ihm aufgrund seines persönlichen Könnens möglich ist.
Hat man jedoch diese erste Hürde genommen und steht schließlich auf einer der für Nicht-Tua’Tanai überaus wackligen Brücken, hoch über dem Waldboden, offenbaren sich die ganzen Wunder einer Stadt, die in die Äste der uralten Bäume gebaut worden ist. Dabei passen sich die hölzernen Bauwerke der Tua’Tanai organisch an ihre Umgebung an und so mancher Baum formt eine Art natürliche Höhle, die eine Behausung erweitert und einen Ort der Ruhe bildet.
Normalerweise wirkt Kinyara ruhig und idyllisch. Der Duft des Waldes liegt in der Luft, Vögel zwitschern ihre Lieder und das Weißohreichhörnchen geht geschäftig seiner Arbeit zwischen den Bäumen nach, ohne sich an der Anwesenheit der anderen Bewohner zu stören.
Sonnenflecken, die durch das Blätterdach dringen, bilden Muster auf den Dächern und auf dem Boden und lassen die Umgebung warm und lebendig erscheinen. Die Kinder der Tua’Tanai wachsen hier geschützt auf und amüsieren sich bei ihren Spielen in dieser schwindelerregenden Höhe, ohne jemals ein Anzeichen dafür zu zeigen, dass sie diese überhaupt wahrnehmen.
Ohnehin bewegen sich die Bewohner Kinyaras sicher über ihre Brücken, als handele es sich bei diesen um festen Erdboden. Niemand scheint sich wirklich der Höhe bewusst zu sein und so trifft man durchaus den ein oder anderen Tua’Tanai, der sich auf einer der Brücken oder Plattformen niedergelassen hat, oder sich direkt zwischen den Ästen ausruht.
Das Leben in Kinyara ist für gewöhnlich entspannt und findet ohne jede Hektik statt, die man in einer Stadt erwarten sollte. Die Tua’Tanai fühlen sich unter ihresgleichen sicher und ihr Lebensraum wird stets gut bewacht. Denn so entspannt es auch im Inneren zugehen mag – nach Außen achten die Tua’Tanai sehr genau darauf, wer sich ihrer Heimat nähern darf.
Zu der Sicherheit Kinyaras tragen dabei nicht allein die Bogenschützen zwischen den Bäumen bei, die wohl jeder Besucher kennenlernen darf und von denen es noch weitaus mehr gibt, als es auf den ersten Blick zu vermuten ist, sondern auch die Pegasusreiter der Königin – eine speziell ausgebildete Elitegarde von meisterhaften Bogenschützen und Lanzenträgern, zu denen fünfzig Individuen gehören.
Diese verfügen über eine besonders starke mentale Bindung zu ihrem Reittier, über die sie sich mühelos verständigen können. Dieser Bund hält für ein ganzes Leben an und normalerweise zieht der Tod des einen Partners unweigerlich das Dahinscheiden des anderen nach sich.
Für gewöhnlich wird über diese kleine Anzahl hinaus kein anderer Pegasusreiter ausgebildet. Dies ist gleichbedeutend damit, dass erst einer der Gardisten den Tod finden oder aus der Garde ausscheiden muss, bevor wieder ein neuer Platz darin frei wird.
Die Pegasi selbst sind auf großen, überdachten Plattformen untergebracht, die für einen Besucher nicht auffindbar sind. Rund um die Plattformen befinden sich keine störende Äste, um einen problemlosen Start in die Lüfte zu ermöglichen.
Ein weiteres Wunder Kinyaras ist mit Sicherheit der große Marktplatz in der Mitte der Start, der sich auf einer runden Plattform befindet, die von allen Seiten aus über Brücken und Leitern erreicht werden kann. Bunte Zelte mit spitzen Dächern sind hier aufgebaut worden und viele Tua’Tanai gehen an diesem Ort ihren Einkäufen nach oder bieten ihre Waren an. Am Abend, wenn es schließlich leer wird und das Tagewerk beendet ist, wird der Marktplatz nicht selten zu einem Festplatz, auf dem sich die Stadtbewohner treffen, um Musik, Tanz und gute Speisen zu genießen.
Wenn die Nacht kommt, flammen warme, magische Lichter in kugelförmigen Gefäßen entlang der Brücken und an den Häusern auf, denn offenes Feuer ist in Kinyara strengstens verboten und so bedient man sich der Magie, um die Stadt zu erhellen.
Das Gebäude, das sich am höchsten Punkt Kinyaras über den Kronen der meisten Bäume befindet, ist der Palast der Königin Sheelai Sommerwind, der schon seit vielen Generationen von den Königen Kinyaras bewohnt wird. Das große, streng bewachte Gebäude besteht vollkommen aus Holz und wird von dem ältesten und größten Baum in ganz Arvonar getragen, der es schützend zwischen seinen Ästen einhüllt. Schnitzereien an den Wänden erzählen die Geschichte der Tua’Tanai seit ihren Anfängen und wer hineingeht, wird von den Wundern dieses natürlich gewachsenen Palastes und seiner erhabenen Aura überwältigt.
In seinem Inneren befindet sich, nur von einer natürlichen Blätterkuppel überspannt, der Thronsaal der Sheelai Sommerwind mit dem alten Thron der Tua’Tanai, der schon den ersten König dieses Volkes tragen durfte. Hier hält Königin Sheelai umgeben von magischen Laternen und ihren Leibwachen Hof, hört sich die Klagen ihres Volkes an und spricht Rechte. Ein Zauber sorgt dafür, dass in diesem Raum niemals die Unwahrheit gesprochen werden kann und so hat es bisher wenig Verrat unter den Angehörigen der Tua’Tanai gegeben.