Lange Zeit war Kyora nichts weiter als eine unbedeutende Siedlung am Ufer des Silberflusses. Dies hat sich schlagartig geändert, als Ektor Saramnas den Weg in die kleine Stadt gefunden hat.
Der Eriadne Priester ist von einer großen Vision beseelt. Eriadne ist ihm im Traum erschienen und hat ihm den Weg gewiesen, den es zu beschreiten gilt, wenn Beleriar jemals wieder vom Licht der Sonne berührt werden soll. Es ist ein Weg der vollkommenen Loyalität, der Entsagung aller weltlichen Freuden. Ein Leben, das allein dem Dienst an der Göttin geweiht ist und das sich von Prunksucht und persönlichem Besitz abwendet.
Und so predigt Ektor seine Lehren voller Eifer und hat sich auf die Mission begeben, den Willen Eriadnes auf Beleriar zu verkünden.
In Kyora hat er fruchtbaren Boden für seine Predigten gefunden. Eine ärmliche Stadt, die kaum mit der Pracht konkurrieren kann, die man an anderen Orten auf Beleriar zu finden vermag. Es gibt keine bessere Stelle, um einen solchen Kreuzzug zu beginnen, der die Insel in seinen Grundfesten erschüttern soll.
Und so hat sich das Leben in Kyora verändert. Der Bau des größten Eriadne Tempels, den es jemals auf Niel’Anor gegeben hat, ist in vollem Gange und zieht Händler an, die Profit daraus schlagen möchten. Fromme Eriadne Anhänger pilgern herbei, um dieses Wunder mit eigenen Augen zu sehen und Führung zu suchen. Anderen wollen sich den Priester ansehen, der mit seinen Reden die Insel in Aufruhr versetzt.
Gewiss ist, dass sie alle die dringend benötigten finanziellen Mittel in die Kassen Kyoras spülen, die den Aufbau der Stadt vorantreiben. Und so verschwinden die ärmlichen Behausungen nach und nach und machen neuen Gebäuden Platz, die in perfekter Symmetrie errichtet werden, um Eriadnes Augen zu erfreuen. Straßen ersetzen die alten Lehmwege und eine runde Mauer aus weißem Marmor entsteht und windet sich in einer schützenden Umarmung um Ektors Lebenswerk.
Dieser genießt, was er erschaffen hat, vollbringt es dabei jedoch immer noch, das Bild eines frommen Priesters aufrecht zu erhalten, der all dies nur für den Ruhm seiner Göttin geschaffen hat. Zweifler stimmt er mit Wundern milde, pompösen Beweisen von Eriadnes Gunst, die seinem Publikum den Atem rauben und es vor Ehrfurcht erstarren lassen.
Wann immer Ektor aus den Portalen des halb fertigen Tempels tritt und seine machtvolle Stimme erschallen lässt, findet er stets eine Menge eifriger Zuhörer auf dem Platz der Sonne, dem Mittelpunkt Kyoras, von dem aus sich die Straßen den Sonnenstrahlen gleich in die Stadt ergießen.
Ektors Werk ist beachtlich. Seine Ausstrahlung ist enorm und flößt Ehrfurcht und Vertrauen ein, lässt ihn jederzeit glaubwürdig erscheinen. Wenn er durch die Straßen wandelt, verneigt sich die Bevölkerung dankbar vor ihm. Und wann immer er seine Stimme erhebt, verstummt die Welt um ihn herum.
So überzeugend und anziehend ist die Persönlichkeit des Mannes in den weißen Roben, dass man schnell vergisst, dass niemand weiß, woher Eriadnes Auserwählter eigentlich gekommen ist. Und niemand fragt danach, warum Eriadne einen solchen Prunk verlangt, wenn doch Ektors Reden von Bescheidenheit und Pflichten, Strenge und der Auflehnung gegen eine korrupte, verdorbene Welt erzählen.
Eine Welle von gefährlichem Fanatismus rollt langsam durch die blitzend sauberen Straßen Kyoras und erfüllt die Herzen all jener mit Angst, die das Geschehen in der Stadt von außen beobachten. Die Anhänger des Priesters folgen ihm loyal und ohne ihn jemals infrage zu stellen. Denn würden sie dies tun, dann läge die Frage nahe, warum Ektor in keinem der bekannten Eriadne Tempel Beleriars seinen Dienst verrichtet hat.
Und es sind all jene, die den Untergang der Insel und die Reden des Deron Arieth noch miterlebt haben, die von mildem Grauen erfüllt werden. Denn das Wirken des Ektor Saramnas erinnert in vielerlei Hinsicht an den Mann, der Beleriars Niedergang verursacht hat. Allein die Gottheit, in deren Namen er handelt, ist eine andere.