Lange bevor sich die ersten Flüchtlinge auf der Insel Beleriar ansiedelten, jene Flüchtlinge, denen es bestimmt war, Nir’alenar zu gründen, gab es eine andere großartige Stadt, die einen ähnlich legendären Ruf besaß. Miriador war ihr Name, damals die Prächtige genannt, da es kaum einen Ort gab, der sich mit ihr messen konnte.
Es gab keine Armut in Miriador, denn die Stadt schwelgte in Luxus und zog all jene an, die von Reichtum und Schönheit träumten. Doch der Reichtum verdarb die Herzen ihrer Bewohner und schließlich war es die Gier, die Miriador, die Prächtige, und all ihre Bewohner zerstören sollte.
Vielleicht war der Fall schon seit Anbeginn das Schicksal Miriadors, denn all der Reichtum, der Luxus, die nie endenden Feste, blendeten ihre Bewohner. Ihre Herzen wurden so kalt wie das Gold in ihren Händen und Grausamkeit und Mistrauen regierten ihr Leben.
Bald war aus Miriador die Stadt des Neides und der Missgunst geworden, in der jeder versuchte, seinen Reichtum zu mehren, ganz gleich, was der Preis dafür sein mochte. Betrug war das liebste Kind der Miriadorer und Intrigen spannen sich durch die Stadt wie ein feines Spinnennetz, das alles unter sich begrub.
Doch noch ließ der Fall Miriadors auf sich warten, obgleich der Niedergang schon begonnen hatte. Erst als Ynara, die goldene Königin, den Thron Miriadors bestieg, war seine Zeit endlich gekommen.
Kein Wesen Niel’Anors war jemals so gierig nach Macht und Reichtum, so eitel und selbstsüchtig wie die schöne Ynara, die nun über die Prächtige herrschte.
Ynara war rücksichtslos und grausam. Das Schicksal ihres Volkes kümmerte sie nicht und nur allzu oft ließ sie sich Juwelen und Gold darbringen und ihrer Schönheit huldigen, nur um all jene hart zu bestrafen, die es ihr verweigerten.
So weit ging Ynaras Verblendung, dass sie sich schließlich selbst als die Göttin Miriadors verehren ließ. Doch die Götter Niel’Anors waren nicht nachgiebig, wenn sie herausgefordert wurden und so verfluchten sie die Schöne. Ynara sollte mehr Gold besitzen, als jemals ein anderes Wesen besessen hatte, denn alles, was die Königin fortan anblickte, sollte zu purem Gold werden.
Ja, Ynara lachte über diesen Fluch, als die Götter selbst ihr erschienen. Zu tief hatte sich der Wahnsinn bereits in ihre Seele gefressen. Endlich sollte sie den Reichtum erlangen, der ihr als Göttin zustand. Und so wandelte sie durch die Straßen Miriadors und jedes Haus, jede Pflanze, jedes Lebewesen, das ihren Weg kreuzte, wurde zu Gold, wenn es vom Blick der Königin berührt wurde.
Ynara wütete schrecklich an diesem Tag und wer noch genügend Zeit hatte, der floh aus Miriador, so schnell ihn seine Füße trugen. Niemand vermochte es, sich ihr in den Weg zu stellen und ihr grausames Wüten zu unterbrechen. Doch am Ende sollte es Ynara selbst sein, die ihrem Treiben ein Ende bereitete.
Denn der Fluch der Götter war gründlich durchdacht gewesen. Als die eitle Ynara in ihren Palast zurückkehrte, umgeben von ihren zu Gold erstarrten Dienern, die ihr niemals mehr dienen würden, nahm sie einen Spiegel zur Hand, um sich darin zu betrachten. Doch auch sie selbst war nicht vor dem Schicksal sicher, das sie den anderen gebracht hatte. Der Körper der Königin erstarrte zu Gold, noch während sie sich selbst betrachtete und ihr grausiger Schrei erstarb auf ihren Lippen, als sie zu spät erkannte, was der Fluch der Götter wirklich bedeutete.
Wer an diesem Tag entkommen war, kehrte niemals mehr nach Miriador zurück. Aus der Prächtigen war nun die Goldene geworden. Ein glänzendes Grab, das die Grabräuber anzog, die über die folgenden Jahrhunderte hier einkehrten, um sich an der Goldenen zu bereichern.
Das restliche Miriador verschwand Stück für Stück im Wald von Arvonar, zerfiel dort, wo sie der Blick der Königin nicht erreicht hatte. Und mit jedem Stück kam das Vergessen und ließ die Erinnerung an Miriador verblassen, bis aus der einstmals Prächtigen kaum mehr als eine Legende geworden war, mit der man Kindern das Fürchten lehrte.
Nun befinden sich die Ruinen von Miriador noch immer tief im Wald von Arvonar und nichts glänzt mehr, nichts erinnert mehr an die einstige Pracht Miriadors, bis auf die goldene Königin, deren Schrei niemals mehr verstummen wird und die inmitten ihres Palastes steht. Ein Bild des Schreckens mit dem goldenen Spiegel in ihrer Hand, der ihr Ende herbeiführte.
Noch immer ziehen die unheimlichen Ruinen von Miriador, in denen das Leben einfach stehen geblieben zu sein scheint, vielerlei Grabräuber und Abenteurer an, die einen Blick auf die goldene Königin erhaschen möchten und nach dem Gold Ausschau halten, das sie hier zu finden hoffen.
Und tatsächlich – von den Pflanzen des Waldes überwachsen und von den Jahrhunderten mit Grünspan übersät, findet man noch immer einiges von hohem Wert. Allerdings birgt der Aufenthalt in Miriador weitaus mehr Gefahren, als man ahnen könnte und die über die wilden Tiere hinausgehen, die Arvonar ihre Heimat nennen. Denn die Geister der Seelen all jener, denen die goldene Königin den Tod gebracht hat, leben noch immer in ihrer Stadt und ihre Seelen sind rachsüchtig und neiden jedem das Blut, das durch seine lebendigen Adern fließt.
So mancher, der die Ruinen am Jahrestag jenes schicksalshaften Tages besucht hat, an dem Miriador starb, hat sogar davon berichtet, mit eigenen Augen gesehen zu haben, wie eine Frau mit goldenem Haar und golden leuchtenden Augen durch die Stadt zog, um alles Leben auf ihrem Weg in Gold zu verwandeln.