Einstmals war Vintar ein harmonisches Fleckchen Erde, die stolze Hauptstadt der gleichnamigen Baronie. Dies änderte sich zur Zeit des Untergangs, als die beiden Söhne des damaligen Barons von Vintar in das Erwachsenenalter eintraten.
Angefacht von dem Wahnsinn, der seinerzeit über Beleriar herrschte, gerieten sie in Streit darüber, wer künftig über Vintar regieren sollte. Ihr mittlerweile alt gewordener, kränklicher Vater besaß nicht die Kraft, um sie zur Vernunft zu bringen.
In der Folge ihres Konfliktes wurde Vintar gespalten. Eine lange Mauer wurde errichtet und zieht sich bis heute durch die Stadt, markiert, wo Vintar endet und Sivren beginnt. Zwillingsstädte, so nennt man die beiden Teile. Ein Begriff, den die Bewohner der geteilten Stadt nicht gerne hören, fühlen sich doch sowohl die Bürger Vintars als auch die Bürger Sivrens ihrer jeweiligen Stadt verbunden, die für sie eigenständig ist.
Bis heute schwelt der alte Streit. Die Mauer wird zu beiden Seiten des einzigen Tores streng bewacht und sorgt dafür, dass es nicht zu Übergriffen kommt und der Frieden gewahrt bleibt. Die Nachkommen der beiden Brüder, Baron Felbar von Vintar und Baron Dalamir von Sivren, herrschen über den ihnen eigenen Stadtteil und gönnen einander kaum die Luft zum Atmen.
Fürst Aranil hat zwar erst vor Kurzem verfügt, dass beide Männer ihre Entscheidungen bezüglich Vintars gemeinsam zu treffen haben und akzeptiert die geteilte Stadt nicht länger als solche, doch das hält die beiden Hitzköpfe nicht davon ab, sich gegenseitig zu belauern. Intrigen werden munter gesponnen und kleine, verdeckte Anschläge auf den ungeliebten Gegner ausgeübt, möglichst ohne das Augenmerk des Fürsten zu erregen.
Weiß man nichts von der Geschichte Vintars und den Vorgängen hinter den Kulissen, so macht die Stadt einen lebhaften und friedlichen Eindruck. Inmitten der sanften Hügelgegend gelegen, die sich an den Ufern des Kristallflusses erstreckt, hat man sich dem Weinbau verschrieben. Die edelsten Tropfen Beleriars kommen aus der Gegend um Vintar und es herrscht eine rege Konkurrenz um den besten Wein.
Ausgefallene Rezepturen verlocken mutige Gaumen und Geheimrezepte werden eifersüchtig vor den Konkurrenten gewahrt, um den Erfolg der eigenen Familie zu garantieren. Die großen Weinfeste zu Beginn des Sommers ziehen viele Besucher in die romantisch anmutende Gegend und besonders Vintar und Sivren versuchen sich zu dieser Zeit gegenseitig mit ihren Festlichkeiten zu übertrumpfen und das größte Spektakel auszurichten.
Die engen Gassen der geteilten Stadt, die sich an die Hügel schmiegt, erstrahlen dann im Glanz der Bemühungen. Reben schmücken die hohen Steinhäuser und werfen ihre Schatten auf das saubere Kopfsteinpflaster. Die beiden hoch aufragenden Burgen öffnen ihre Tore und lassen den Wein in Strömen ausschenken, ohne dass dafür Bezahlung verlangt wird. Der Duft der deftigen Speisen erfüllt die Luft und lockt hungrige Mägen mit einer Vielzahl von Möglichkeiten an, um ihren Hunger zu stillen.
Doch ganz gleich, wie viele Fässer geöffnet werden und wie hoch der Alkoholpegel steigt, die Abneigung zwischen den beiden Stadtteilen bleibt stets spürbar. Es ist beinahe undenkbar, dass es jemals eine Annäherung geben kann und Beziehungen untereinander sind verpönt.
Würde also jemals bekannt, dass Daminus, der Sohn des Barons von Vintar und Amalea, die Nichte des Barons von Sivren, in Liebe füreinander entbrannt sind, wäre der Skandal von unglaublichem Ausmaß. Doch wie lange mag die Wahrheit vor neugierigen Augen und eifrigen Spionen verborgen bleiben?
Die heißblütigen Jünglinge, die Daminus um sich schart, sind stets darauf bedacht, die Konfrontation mit Amaleas Bruder Sandor und seinen Getreuen zu suchen. Es ist nicht auszudenken, was wohl in Vintar geschehen mag, wenn das Geheimnis an das Licht des Tages dringt. Nicht umsonst sind die Bewohner der Gegend um Vintar als stolz, eigensinnig und aufbrausend bekannt. Es ist ein unnachgiebiges Volk, dessen Zunge oftmals schneller arbeitet, als es der Verstand tut.