Feyor, die Lichte. Die helle Schönheit, die sich einem weißen Schleier gleich bis zum Meer hinab ergießt. Dichte Nebelschwaden umspielen die schlanken Schiffe, die am Hafen vor Anker liegen, und erheben sich wolkengleich um den Palast am höchsten Punkt der Stadt.
Weiße Türme recken sich in die Höhe und verbinden sich mit den runden, goldenen Kuppeln der niedrigen Gebäude, die von schlanken Säulen und fragilen, verzierten Bögen getragen werden.
Alle Bauwerke sind offen. Kein Fensterglas hindert die Luft daran, in Gebäude einzudringen und der sanfte Windhauch, der saubere Meeresluft und angenehme Blütendüfte mit sich trägt, darf sich frei entfalten. Es ist niemals kalt in Feyor. Die Temperatur bleibt stets angenehm warm und fällt niemals stark genug, um die Bevölkerung frieren zu lassen. Selbst in den Wintermonaten wird es lediglich ein wenig kühler, aber niemals eisig oder unangenehm.
Brücken, die von fein geflochtenen Geländern gesäumt werden, spannen sich wie ein Spinnennetz zwischen den hohen Gebäuden und bilden verschlungene Wege in luftiger Höhe, die die hellen Straßen ergänzen. Blühende Bäume und Büsche sind am Straßenrand, zwischen den Häusern und rund um malerische Parks gepflanzt, in denen das Elfenvolk gerne seine Zeit verbringt.
Feyor ist von Musik erfüllt, von sanften Klängen, die von überall heranschweben, wo Elfen aufeinandertreffen. Die meisten versammeln sich in dem von uralten Bäumen überschatteten Park nahe der Felsformation, auf der der Palast errichtet worden ist und von der aus ein rauschender Wasserfall in ein natürliches Felsbecken stürzt. Viele Elfen genießen hier ein erfrischendes Bad in dem klaren Wasser, von dem es heißt, dass es alle Sorgen zu vertreiben vermag und dem Herzen Frieden schenkt. Man nennt diesen Ort Liarils Segen, denn an dieser Stelle soll sie aus ihrem Reich hinabgestiegen sein, um Ni’farea ihren Segen zu schenken.
Feyor wird zwar von den Lichtelfen dominiert, doch die Stadt beherbergt alle Elfenarten Niel’Anors, die friedlich nebeneinander existieren. Offiziell gilt sie als Hauptstadt des Reiches Ni’farea, doch es ist kein Geheimnis, dass der Großteil der Schattenelfen das Leben in Lianar bevorzugt und die Herrschaft von Feyor nicht anerkennt. Das Resultat ist eine Spaltung des Reiches, die zwar nicht als solche deklariert wird, aber dennoch allen Bewohnern Ni‘fareas bewusst ist.
Der Nebelpalast von Feyor wird von dem alten Adelsgeschlecht Saravias bewohnt. Königin Lasyra von Ni’farea entstammt der gleichen Blutlinie wie Königin Alisanda von Saravia. Es ist das gleiche Blut, das auch Alirendras von Y’sarea in den Adern getragen hat und somit ist sie die rechtmäßige Erbin seines Reiches.
Die Lichtelfe mit dem goldenen Haar hat sich bislang keinen Gefährten erwählt, was sie zu einem begehrten Ziel für allerlei ambitionierte Junggesellen werden lässt. Doch die schöne Königin konzentriert sich lieber darauf, ihr Reich stark, sicher und einig zu erhalten.
Niemand weiß von der tiefen Liebe, die einst zwischen Lasyra und Thaneron, dem Bruder Nimarans von Lianar, geblüht hat und die beide bis heute nicht vergessen haben. Doch der Konflikt zwischen Licht- und Schattenelfen und Thanerons Treue zu seinem Bruder hat sie das Glück gekostet. Zu groß ist die Kluft zwischen den Völkern geworden.
Heute lebt Lasyra allein für ihr Reich und Thaneron hat sein Leben der Klinge geweiht. Narben mögen sein Gesicht zeichnen, doch die tiefste bleibt unsichtbar und zieht sich durch das Herz des verbitterten Kriegers, das ähnlich gespalten ist wie das Reich Ni’farea.
Feyor beherbergt die beachtliche Streitmacht Nebelheims, die Magie und Kriegskunst meisterlich vereint und direkt von Lasyra befehligt wird. Besonders die Nebelreiter werden gefürchtet. Es ist eine berittene Einheit, die über die berühmten Nebelpferde befiehlt, schnelle, ausdauernde, kräftige Geschöpfe mit grazilen Gliedmaßen, die für den Kampf gezüchtet worden sind. Nebelpferde sind kluge Tiere, die über ein geistiges Band mit ihrem Reiter zu kommunizieren vermögen, ihn schützen und niemand anderen an sich heranlassen, wenn es nicht dem Wunsch ihres Herren entspricht. Ihr weißes Fell besitzt einen silbrigen Schimmer, der im Licht wie Schnee glitzert und das Auge verwirren und blenden kann.
Nebelpferde vermögen es, sich und somit auch ihren Reiter in dichte Nebelschwaden zu hüllen, der dem Schutz Ni’fareas ähnelt und jeden Gegner in die Irre zu führen vermag. Es ist nicht zu erkennen, von wo aus ein Angriff genau erfolgen wird und nahezu unmöglich, einen Nebelreiter zu treffen, wenn er sich auf diese Weise verbirgt.
Das liebste Spielzeug der Königin sind jedoch die schnellen, weißen Schiffe, die im Hafen von Feyor vor Anker liegen und im Nebel beinahe unsichtbar sind. Diese Flotte mag zur Verteidigung Ni’fareas entstanden sein, doch nicht selten begibt sie sich aus den Nebelgrenzen hinaus und segelt über das Meer Beleriars, begibt sich freiwillig in Scharmützel mit Piraten, um die Mannschaften nicht einrosten zu lassen.
Angeführt wird sie dabei von der Sturmbraut unter dem Kommando des silberhaarigen Lichtelfen Saras El’feor, eines wagemutigen, abenteuerlustigen Streiters der Königin, der hoch in ihrer Gunst steht. Es ist kein Geheimnis, dass Thaneron den risikofreudigen Lebemann verachtet und so bemüht man sich, die beiden Männer nicht aufeinandertreffen zu lassen, um ein Blutvergießen zu verhindern.