Lianar, die Dunkle. Die ruhige, schattige Schwester Feyors, die sich unter den dichten Zweigen des Waldes von Arvonar verbirgt.
Wo Feyor lebendig und überschäumend ist, bleibt Lianar still, von einer tiefen, erhabenen Ruhe durchdrungen. Nur wenig Licht fällt durch das dichte Laub des dunklen Waldes. Dafür fällt der magische Schein unzähliger, filigraner Laternen aus feinem Kristall auf den Waldboden, die von den Ästen herabhängen, um Lianar zu erhellen.
Magische Lichter schweben in Form von faustgroßen Kugeln frei unter dem Blätterdach und erinnern an den Sternenhimmel. Ihr silbriges Licht spiegelt sich in den hohen, schwarzen Türmen der Elfenstadt, die sich so nahtlos in den Wald einfügen, als seien sie nicht von sterblichen Wesen errichtet worden, sondern mit ihm gewachsen.
Seltene Blumen übersäen den Boden rund um die Behausungen des Elfenvolkes. Ihre zarten Blüten leuchten blau und violett aus dem dichten Gras heraus, das die Wege der Stadt umrahmt. Man nennt sie Vhelar’syn, Nachtschatten. Ein wunderschönes Gewächs, das den Unvorsichtigen den Tod zu bringen vermag, wenn davon gekostet wird. Aber auch ein beliebtes Rauschmittel, das angenehme Stunden beschert, wenn man die richtige Menge davon konsumiert. Die Schattenelfen, die Lianar zu ihrer Heimat erkoren haben, lieben den betörenden Duft dieser Pflanze, der in der Luft hängt wie ein schweres Parfum. Tatsächlich leben in Lianar beinahe ausschließlich die Elfen der Dämmerung und kein Fremder ist innerhalb der Stadtgrenzen willkommen.
Der Ni’sar fließt durch die Mitte Lianars wie eine schimmernde Ader aus Glas. Die hochgeborenen Elfen nutzen den Fluss und die Schwanenboote, wenn sie ungestört sein möchten oder Dinge zu besprechen haben, die nicht für fremde Ohren bestimmt sind.
Schwebende Gefährte bewegen sich hoch oben zwischen den Turmspitzen, Windgleiter genannt. Sie bestehen aus einer bequemen Sitzgelegenheit für zwei Passagiere, an deren Seiten stilisierte Flügel aus Kristall angebracht worden sind. Das Volk Lianars nutzt sie als magiebetriebenes Fortbewegungsmittel, das schnell und geräuschlos durch die Lüfte gleitet.
Lianar atmet Magie. Die ganze Stadt vibriert förmlich vor magischer Energie und Elementgeister sind innerhalb ihrer Grenzen in Scharen zu finden. Nirgends existieren wohl mehr magische Artefakte auf engstem Raum wie in Lianar, wo man sich eingehend mit der Erforschung der Magie und der Entwicklung magischer Gegenstände befasst.
Die magische Akademie, das Haus der Elemente, jenes glänzend schwarze, von Türmen und Erkern übersäte Gebäude, bildet den Mittelpunkt der Stadt, zu dem alle Wege führen. Man sagt, dass die größten Magier des Elfenvolkes in diesen Hallen ausgebildet werden. Individuen, die über eine solche Macht verfügen, dass man sie selbst unter ihresgleichen fürchtet.
Die Paläste der höchsten Familien sind in Kreisen um sie herum angeordnet. Die zehn stärksten, reinblütigsten nehmen dabei den ersten Kreis ein, während die schwächeren dahinter folgen müssen. Die am weitesten von dieser Mitte entfernten, äußeren Kreise beherbergen die niedrigsten Familien, die kaum über Einfluss und Macht gebieten. Diese werden an der Stärke der Magier gemessen, die die Familien hervorgebracht haben.
Beinahe jeder Familie graut es vor dem Abstieg, den es zur Folge hat, wenn das Blut und die Linie nicht mehr stark genug sind, um die eigene Position zu erhalten und so versucht man, durch vielversprechende Eheschließungen begabte Nachkommen zu erhalten. Es ist ein kompliziertes, politisches Spiel, bei dem um Bündnisse gerungen und intrigiert wird, um die eigene Macht zu vergrößern.
Den höchsten Rang nimmt derzeit die Familie Syn’Elas ein, deren Oberhaupt Nimaran die Position des Herrschers über Lianar besetzt. Nimaran ist ein ehrgeiziger Elf, der wohl das Idealbild seines Volkes darstellt. Wissbegierig, im höchsten Maße intelligent und begabt, doch ebenso von dem Makel befleckt, das Volk der Dhaer’ylar als allen anderen überlegen zu betrachten.
Nimaran verlangt es stets nach mehr. Mehr Macht, mehr Ansehen, mehr Einfluss, der sich über ganz Ni’farea ausdehnen soll. Es dürstet ihn nach der Herrschaft über das komplette Elfenreich, um die Überlegenheit der Schattenelfen anerkannt zu sehen und es ist ihm ein schmerzhafter Dorn im Auge, dass es die minderwertigen Lichtelfen sind, die Ni’farea in der Hand halten.
Gestützt werden seine ehrgeizigen Pläne von dem wohl am besten gehüteten Geheimnis Lianars, einer kleinen Streitmacht der talentiertesten Magier der Stadt, die ebenso im perfekten Umgang mit der Klinge ausgebildet worden sind. Sie mögen den Lichtelfen Feyors zahlenmäßig unterlegen sein, doch mit dem Einsatz starker, magischer Waffen und der Magie der Dhaer‘ylar ist dieses Ziel nicht unmöglich zu erreichen. Geführt wird die Streitmacht Lianars von Nimarans Bruder und erstem Heerführer Thaneron, dem einzigen Elfen, dem der Stadtherr sein Vertrauen schenkt.
Es mag noch lange dauern, bis diese Eliteeinheit den Kampf aufnehmen kann, doch wenn die Elfen eines im Übermaß besitzen, so sind es wohl Zeit und Geduld.
Überschattet wird all dies allerdings von der Tatsache, dass die vielversprechende Verbindung von Nimaran und seiner Gemahlin Ishuré bislang kinderlos geblieben ist. Es ist eine Bedrohung für die Macht des Hauses Syn’Elas, die die schöne Elfenfrau in eine tiefe Melancholie gestürzt hat.