Ganz nahe am Wald von Arvonar, teilweise schon unter den Bäumen verborgen, liegt die Hauptstadt der Grafschaft Valandor, die Corandir, Herz der Wälder, genannt wird. Hier haben jene Wesen unter dem Wahrzeichen der Stadt, dem weißen Einhorn, ein Zuhause gefunden, die die Hektik anderer Städte und ihre Dekadenz ablehnen und ein Leben im Einklang mit der Natur führen möchten.
Corandir ist ein friedlicher Ort, an dem die Wesen des Waldes mit den anderen Bewohnern Beleriars in Einklang leben können. Man erblickt keine Straßen, die auf brutale Weise mit Stein in der Erde verankert worden sind. Stattdessen ziehen sich befestigte Wege durch die großen Grasflächen, die von keinem Stein berührt worden sind, der nicht auf natürliche Weise dorthin gelangt ist.
Die Stadt erstreckt sich auf zwei Ebenen. Hoch oben erblickt man Baumhäuser, die auf die Art und Weise der Tua’Tanai mit Brücken verbunden worden sind, darunter ländlich wirkende Fachwerkhäuser, wie man sie auf Beleriar oft finden kann.
Acht Wachtürme, die sich im Stil der elfischen Baukunst in den Himmel erheben, begrenzen die Stadt in jeder Himmelsrichtung und ihre weißen Mauern schützen sie vor jenen, die Corandir feindlich gesonnen sind. Allein für Besucher, die keine böse Absicht hegen, öffnen sich die Tore, die von den Einhornreiterinnen geschützt werden. Es gibt kaum einen großartigeren Anblick als diese Frauen, die auf ihren wunderschönen Reittieren, ganz in Weiß und mit Speeren bewaffnet, ihre Stadt patrouillieren und dabei instinktiv an dem Verhalten ihres Tieres erkennen, wer nichts Gutes im Sinne hat.
Auch die Luft ist geschützt, denn wer wider Erwarten an den Einhörnern vorbeikommt, wird es mit den mutigen und verwegenen Greifenreitern schwer haben, die weithin für ihr Draufgängertum, ebenso wie für ihre Furchtlosigkeit und das große Können im Umgang mit ihrer erwählten Waffe bekannt geworden sind.
So streng dies jedoch alles aussehen mag, wenn man vor den Toren der Stadt steht, so erstaunlich wird es schließlich sein, wenn man durch die Tore hindurchgetreten ist und die Wunder Corandirs mit eigenen Augen sehen darf. Seien es die Waldwesen und gar die Einhörner, die friedlich unter den anderen Bewohnern umherlaufen oder auch der große Festplatz, der in der Nacht mit vielen Lichtern zum Leben erwacht und dann nicht nur den Glühwürmchen einen Ort zum Schwärmen bietet.
Der Festplatz ist Dreh- und Angelpunkt des Lebens in Corandir, Schauplatz aller Feste, die auf ganz Beleriar zu großer Bekanntheit gelangt sind und stets viele Gäste in die Stadt ziehen. Man findet hier mehr Nymphen und Satyrn als in jeder anderen Stadt der Insel, mit Ausnahme des geheimnisvollen Eluar, das im Einhornwald gelegen ist.
Allerdings ist es trotz der Vorliebe für Feierlichkeiten in Corandir weniger die schöne Kunst, die von Interesse ist, auch wenn man sehr viel von Barden und Musikern hält. Es sind die Natur und ihre heilenden Kräfte, die die größte Rolle spielen. Sehr viele berühmte Kräuterkundige und Ärzte kommen aus diesem Ort, an dem man die Herstellung von Medizin gegen vielerlei Gebrechen lehrt. Corandir ist bekannt für die fähigen Heiler, die hier leben und arbeiten und so kommen viele Wesen in die Stadt, die von ihnen lernen möchten.
Das außergewöhnlichste Gebäude Corandirs muss wohl das große Baumhaus mit den vielen Erkern und den vielfarbig leuchtenden Glasfenstern sein, das der Herr über Corandir, der Satyr Chaylen Asomar, zum Hofhalten nutzt. Diese Hallen sind stets voller Musik und Gelächter und nur die wenigsten würden jemals ein Fest vergessen, das von diesem außergewöhnlichen Stadtherren ausgerichtet wurde und bei dem der Wein in Strömen geflossen ist.
Besonders oft genießt man in Chaylens Haus ein Getränk, dessen Ursprung man den Nymphen zuschreibt. Khin’salar, so nennt sich dieser Wein mit der rubinroten Farbe, der nur in Corandir hergestellt wird und der, wie man sagt, aus dem Lachen einer badenden Nymphe und dem Sternenlicht selbst gewonnen wird. Jener Wein besitzt eine überaus berauschende Wirkung, die wie ein Aphrodisiakum eingesetzt werden kann und schon für erstaunliche Geschehnisse gesorgt hat.
Allerdings flüstert man auch vielerlei Dinge über den Satyrn, die in den Ohren der pikierten Adeligen anderer Städte keineswegs positiv klingen. Denn Chaylen ist in der Tat durch und durch Satyr und so hat dieser lebensfrohe Sänger mit den stets blitzenden, geheimnisvoll dunklen Augen, dem charmanten Lächeln und der klaren, vollen Stimme schon so manche Schöne verführt, die eigentlich einem ganz anderen Mann angetraut worden ist.
Chaylen kümmert es kaum. Es liegt in seinem Blut, und solange er seine Stadt gut regiert, sollte sich niemand daran stören. Zumindest ist dies die Meinung, die er selbst vertritt.