Domara ist eine Kuriosität. Eine größere Ansammlung von dunklen Feenelfen ist auf Niel’Anor so selten, dass sie nahezu einem Wunder gleichkommt. Und doch existiert inmitten der uralten Bäume des düsteren Schattenforstes ein Hof der dunklen Feenelfen, der einen starken Gegensatz zu dem lichten, zauberhaften Sil’isiar bildet.
Dichtes Laub verbirgt die Ruinen Domaras vor neugierigen Augen. Die dunklen Feenelfen haben tief in der Dunkelheit des Waldes ein Reich gefunden, das ihren Vorstellungen entspricht. Es sind die Überreste einer lange vergessenen Zivilisation, das Gerippe einer Stadt, an die sich niemand mehr zu erinnern vermag. Verwitterte Mauerreste, eingestürzte Häuserruinen und gefallene Türme schaffen Behausungen für das dunkle Feenvolk, das sich an diesem Ort eingenistet hat.
Kein Lebewesen kann sich Domara nähern, ohne von einem ausgeklügelten Alarmsystem angekündigt zu werden. Windspiele aus kleinen Glöckchen, Knochen und klimpernden Metallteilen verbergen sich an tief hängenden Zweigen und lassen bei der kleinsten Berührung ihre Melodie erklingen.
Ein Flüstern schwebt stets in der Luft, leises Lachen empfängt arglose Besucher, scheint aus allen Richtungen an das Ohr herangetragen zu werden. Manchmal lockend, manchmal so bedrohlich, dass es das Blut in den Adern gefrieren lässt.
Domara ist ein verwunschenes Reich, das alle Sinne verwirrt. Pflanzen erscheinen zu groß. Blumen nehmen gigantische Ausmaße an und riesige Pilze sprießen aus dem Boden, wirken, als ob sie natürliche Sitzgelegenheiten für das Feenvolk bilden sollen. Ranken schlingen sich um Baumstämme und Äste, führen in Baumkronen hinauf, von denen aus die Feenelfen mühelos ihre Umgebung überblicken können.
Auch das Tierreich wirkt fremd und Furcht einflößend. Gigantische Spinnen weben ihre schimmernden Netze wie einen fremdartigen Baldachin hoch oben zwischen den Bäumen, Hasen tragen winzige Geweihe zwischen ihren Ohren und schillernde Käfer mit bunt strahlenden Panzern flattern durch die Lüfte wie Schmetterlinge.
In den Nächten wird der Wald von bläulich schimmernden Glühwürmchen erhellt. An allen Ecken raschelt das Laub ohne erkennbare Ursache und von innen heraus glühende, fremdartige Blüten öffnen sich auf dem Waldboden und verbreiten einen unheimlichen Lichtschein.
Die Wirklichkeit wirkt in Domara merkwürdig verzerrt. Ihre Gesetze sind außer Kraft gesetzt und besitzen keine Gültigkeit. Dieses Reich hat keine festen Grenzen. Es ist, als ob man unvermittelt den Fuß in eine fremdartige, verzauberte Welt setzt. Eine schaurige und doch auf seltsame Weise betörend schöne Welt, in der Schrecken und Staunen nahe beieinander liegen.
Die Ruine von etwas, das einst eine große Bibliothek gewesen sein mag, beherbergt den Palast des Königs der dunklen Feenelfen. Verfallene Säulen und zersplitterte Treppen führen in das von Moos und Flechten überwucherte Gebäude, in dem der modrige Geruch von altem Pergament und Leder hängt.
Hier hält König Feorin auf dem alten, samtenen und mottenzerfressenen Thron Hof über sein Volk, obwohl fraglich sein mag, was genau die Feenelfen dazu bringt, sich unter einem Individuum zu vereinen, Ränge und Stand zu akzeptieren.
Ist es eine verzerrte Imitation von Sil’isiar? Spott über die lichten Verwandten, an denen die dunklen Feenelfen eine seltsame Freude empfinden? Liegt es an dem düsteren und doch anziehenden Charisma des Königs, dass er es vermag, die Feenelfen zu vereinen? Oder gibt es etwas an diesem Ort, das das dunkle Feenvolk anzieht?
Die Existenz von Domara ist gewiss ein Mysterium, das nicht einfach zu entschlüsseln ist und das viele erstaunliche Geheimnisse in sich verbergen könnte.