Verglichen mit den großen Wäldern im Norden Beleriars ist der Schattenforst beinahe winzig. Trotzdem ist dieses Waldstück ein beeindruckender Ort, der jedem Besucher Respekt einflößt. Mächtige, uralte Bäume recken sich in Richtung der Kuppel und bilden ein dichtes, undurchdringliches Dach. Nur wenig Licht dringt bis auf den Boden des Waldes und so herrscht hier stets eine tiefe, schattige Kühle. Der Boden ist von Moosen und Farnen überwuchert und ein feuchter Geruch liegt stets in der Luft.
Der Schattenforst gilt als gefahrvolles Terrain. Vieles verbirgt sich zwischen den knorrigen Baumstämmen und man spricht von ruhelosen Geistern, furchterregenden Kreaturen und geheimnisvollen Geschehnissen, die sich darin zugetragen haben. Hügel tragen Höhlen in ihrem Herzen und das Tierreich ist vielfältig und nicht immer freundlich gesinnt. In den Nächten erklingt das hohe Heulen der Wölfe, die in großer Zahl im Schattenforst leben, und warnt jeden, der sich noch in ihrem Revier befinden mag.
Die gefährlichste Kreatur, die diesen Wald ihr Zuhause nennt, ist allerdings jenes Geschöpf, das man den Nachtwolf nennt. Es gibt viele Geschichten, die über das riesige, schwarze Tier erzählt werden, das seine Umgebung aus intelligenten, grünen Augen mustert. Die Interessanteste davon ist wohl jene, die davon berichtet, wie er zu dem geworden ist, was er heute ist. Eine Geschichte, deren wahre Hintergründe jedoch nur er allein kennt.
Isseor Jerlan war ein vielversprechender Mann. Der einzige Sohn des Grafen von Astir sollte eines Tages die Grafschaft seiner Familie erben, war so tapfer und großherzig, wie man es sich von einem Mann seines Standes nur wünschen konnte. Isseor war beliebt, besaß ein einnehmendes Wesen und eine Statur, die die Blicke aller Frauen mühelos auf sich zog. Mit Freunden sah das Volk von Astir dem Tag entgegen, an dem der alte Graf abdanken und er seinem Vater nachfolgen würde.
Allerdings hatte das Schicksal andere Pläne für den jungen Adeligen. Sein Leben veränderte sich an jenem Tag, als er die Verlobung mit der schönen Sylvrin Dunkelschwinge löste, um ein einfaches Mädchen aus dem Dorf zu seiner Frau zu nehmen.
Sylvrin war nicht dazu bereit, eine solche Schmach einfach zu akzeptieren. Hinter der Fassade der aristokratischen Frau verbarg sich mehr, als man auf den ersten Blick vermutete. Eine alte Macht floss durch ihre Adern und brachte das Verhängnis über Isseor. Denn Sylvrin war eine Hexe.
Am Tag der Hochzeit sprach sie einen grausamen Fluch aus. Vor den Augen der Hochzeitsgesellschaft verwandelte sich Isseor in den schwarzen Wolf, der seither durch den Schattenforst streift. Sanira, das hübsche Mädchen, dem sein Herz gehörte, erstarrte vor Entsetzen. Ihre Haut überzog sich langsam mit einem weißen Schimmer, bis sie zu Stein geworden war. Eine Statue, die lebte, sah und hörte, aber doch zu keiner Regung mehr fähig war.
Die Gäste flohen schreiend vor dem Wolf, der bei diesem Anblick vor Schmerz in Raserei verfiel und alles zerriss, was seinen Weg kreuzte, bis ihn vor Erschöpfung ein tiefer Schlaf übermannte.
Am nächsten Morgen erwachte Isseor in seiner alten Gestalt, doch Sanira blieb zu Stein erstarrt und war für ihn nicht mehr zu erreichen. Fortan sollte sie nur dann erwachen, wenn das Licht des Vollmondes den Stein berührte. Doch gleichzeitig würde Isseor wieder in die Gestalt eines Wolfes gezwungen. Es sollte für die Liebenden keine Gelegenheit geben, noch einmal in menschlicher Gestalt zusammenzukommen.
Sylvrins Rache war gründlich und grausam. Um auch den letzten Rest des Friedens für Isseor und Sanira zu zerstören, erschuf sie ein Rudel unsterblicher Wölfe, das nur dem Zweck diente, das Mädchen zu jagen, sobald sie ihre Witterung aufnehmen konnten. Isseor blieb nichts anderes, als seine Liebste gegen die blutdürstigen Kreaturen zu verteidigen. Gelang es ihm nicht, so musste er zusehen, wie sie den Zähnen der Wölfe zum Opfer fiel, bis sie vom Licht des neuen Morgens von ihren Qualen erlöst wurde.
Auch die Wölfe verwandelten sich dann in den Stein zurück, aus dem sie geschaffen worden waren, bis die Zeit für die nächste Jagd gekommen war.
Und so findet man die Statue eines traurigen Mädchens inmitten des Schattenforstes. Man nennt sie die wandernde Frau, denn niemals befindet sie sich an der gleichen Stelle, an der man sie zuvor gefunden hat. Die Wolfsstatuen verteilen sich im ganzen Wald, kehren zu dem Ort zurück, dem sie entsprungen sind, als Sylvrins Fluch sie zum Leben erweckt hat. Es sind unheimliche Gebilde, von einer unnatürlichen Wärme erfüllt, wenn man es wagt, sie zu berühren.
Und dann gibt es noch den seltsamen, schwarzhaarigen Wanderer, der einsam durch die Wildnis streift. Schon manchem in Not geratenen Wesen ist er zur Hilfe geeilt, doch niemals kommen viele Worte über seine Lippen und fragt man ihn nach seinem Namen, so schüttelt er nur den Kopf.
Die Ereignisse um den Nachtwolf liegen in ferner Vergangenheit. Jahrhunderte sind seit jenem Tage vergangen. Die Grafschaft Astir ist in die Hände der Familie Dunkelschwinge gefallen und wird von dieser beherrscht. Der alte Graf starb von Gram gebeugt, ohne einen Erben zu hinterlassen, nachdem sein Sohn verschwunden war.
Und seither richtet sich der vor Rachsucht glühende Blick des Nachtwolfes auf die Grafschaft und das Schloss, das einst das seine hätte werden sollen. In Vollmondnächten vermischt sich sein Heulen mit den Stimmen der lebendigen Wölfe und wer es vernimmt, spürt die Furcht in seine Adern kriechen. Denn die Stimme des Nachtwolfes spricht von Trauer, von ewiger Liebe und tiefem Hass. Sie verspricht blutige Rache für das, was ihm angetan worden ist. Und der Nachtwolf weiß um das Geheimnis, das die Gräfin von Astir und ihre Schwestern so eifrig verbergen möchten.