Gefangen zwischen Tradition, althergebrachten Regeln und Fortschritt ist das Adelsviertel ein Ort voller Widersprüche. Hier leben die Familien, die seit Jahrhunderten ihren Sonderstatus genießen und stolz auf ihren Stammbaum zurückblicken. Es sind Familien, die ihre Abstammung auf die Adelshäuser der Oberwelt zurückführen können, und deren Vorfahren sich einst aufgrund diverser Interessen auf Beleriar angesiedelt haben.
Es ist ein exklusiver Bereich, eine eigene Welt, in die niemand aufgrund eines kürzlich verliehenen Titels Einlass erhält, eine Welt, zu der auch der größte Reichtum keinen Zutritt zu verschaffen vermag.
Prachtvolle Villen säumen die sauberen, breiten Straßen. Manche von ihnen düster und bedrohlich, andere heiter und von unübersehbarem Prunk dominiert. Hohe Mauern und beeindruckende Tore schützen die riesigen Anwesen und die Parks und Gärten, die sich dahinter erstrecken. Statuen erinnern an berühmte Familienoberhäupter, Wasserspeier blicken von den älteren Häusern herab und beäugen Besucher misstrauisch. Neuere Bauten heben sich in heller Leichtigkeit von den schweren, dunklen Strukturen der alten Paläste ab, setzen auf zierliche Säulen, bunte Fenster und munter plätschernde Springbrunnen. Sie erinnern mit ihren großen Gartenanlagen an Orte, die Legenden entsprungen scheinen. Beinahe meint man, einen Faun vorüberhuschen zu sehen, der eine kichernde Nymphe verfolgt oder wartet auf den Auftritt eines legendären Helden. Musik erklingt in den lauen Stunden der Dämmerung aus vielen Ecken und vermischt sich mit schwebenden Lichtern, die in letzter Zeit in Mode gekommen sind.
Ohnehin ist das Adelsviertel von vielen Gartenanlagen geziert und verfügt neben dem weitläufigen, großen Park über mehrere kleinere, in denen die Besucher lustwandeln oder in verborgenen Lauben angenehme Stunden verbringen.
Hinter den Mauern treffen strenge Familienoberhäupter die Entscheidungen, gegen die die junge Generation aufbegehrt. Intrigen werden gesponnen und Gerüchte gestreut, um Ansehen und Reichtum der eigenen Familie zu mehren und einen Konkurrenten zum Fall zu bringen. So manches Bündnis wird geschlossen, um die Blutlinien und die eigene Position zu stärken.
Jedes Adelshaus verfügt über eigene Wachen, die dafür Sorge tragen, dass niemand eine leichtfertig ausgesprochene Drohung in bitteren Ernst verwandelt. Es ist eine militärische Stärke, die Gegner zur Vorsicht mahnt und angehäuften Reichtum vor Übergriffen schützt.
In den Nächten vergnügt man sich mit Gesellschaften oder feiert rauschende Feste. Skandale haben dort ihren Ursprung und bedrohen das Ansehen so mancher Familie, während schwelende Rivalitäten dort zuerst mit der Zunge und später in einer stillen, verlassenen Ecke mit dem Degen ausgefochten werden. So mancher junge Heißsporn bewegt sich mit seinen treuen Anhängern durch die Straßen, gerät in Streitigkeiten mit einem Konkurrenten oder zieht aus, um das Herz seiner Angebeteten zu betören. Kurtisanen entsteigen ihren Kutschen und huschen zu verschwiegenen Treffen mit ihrem Gönner und Diebe warten im Verborgenen darauf, dass ihre große Stunde schlägt. Die Tage jedoch stehen im Zeichen der Pflichterfüllung und im Dienste der Familien.
Ja, es ist ein widersprüchlicher Ort, dieses Adelsviertel. Gleichzeitig voller Leben und doch im Staub jahrhundertealter Traditionen und Regeln erstarrt. Es ist ein Paradies für den Wagemutigen, der sein Glück machen möchte und eine Maskerade inszeniert, die den Reichen die Seesterne aus den Taschen zieht. Ein Platz, an dem ein Künstler lukrative Aufträge und Ruhm erlangen kann. Denn es besteht immer Bedarf an künstlerischen Arbeiten und kurzweiliger Gesellschaft, an Gelehrten, Musikern oder Kurtisanen, die das Leben bereichern und Glanz und Unterhaltung in die altehrwürdigen Mauern bringen.
Man umgibt sich gerne mit Talent und fördert vielversprechende Individuen und Unternehmungen, manchmal aus Interesse, manchmal jedoch nur, um zu demonstrieren, dass man es kann.