Es gibt sicherlich keinen Ort auf Niel’Anor, der Lyr gleicht. Ein riesiger Felskeil sticht waagerecht aus dem Gebirge, das man als Silberfels bezeichnet. Man hat ihm den Namen Thandors Zahn gegeben, nach dem Magier, der an dieser Stelle als Erster sein Lager aufgeschlagen hat. Unregelmäßige Schemen zeichnen sich auf seiner Oberfläche ab. Erst aus der Nähe erkennt man darin die Gebäude, die die Oberseite der Stadt Lyr bilden.
Daran wäre wenig Seltsames, wenn man davon absieht, dass der Keil in luftiger Höhe schwebt und einen durchaus instabilen Eindruck hinterlässt. Die Besonderheit Lyrs zeigt sich jedoch erst bei einem genaueren Blick. Denn die Unterseite des Felskeils weist eine enorme Ähnlichkeit zu seiner Oberfläche auf. Auch hier erstrecken sich Gebäude und Straßen, die allerdings auf dem Kopf stehen. Eine Vielzahl von Wesen wimmelt durch diese Straßen und Gassen, scheint sich an diesem Umstand nicht im geringsten zu stören.
Die Schwerkraft folgt in Lyr ihren eigenen Gesetzen. Warum Thandors Zahn ein solches Phänomen aufweist, weiß niemand zu sagen. Es basiert nicht auf Magie. Zumindest ist kein magischer Strom entdeckt worden, der dieses Wunder zu verantworten hat. Ein kurzes Gefühl des Fallens, wenn man über die Kante tritt ist alles, was man verspürt, bevor man den Weg auf der anderen Seite ungehindert fortsetzen kann.
Über die Jahrhunderte hat Lyr viele Magier angezogen, auch viele Forscher, die darauf aus waren, die Natur von Thandors Zahn zu entschlüsseln. Erfolg hatte bislang niemand damit.
Es gehört sicherlich viel Vertrauen dazu, auf dem Felskeil zu leben und so sind es beinahe ausschließlich Magier und ihre Familien, die sich dort angesiedelt haben und sich im Notfall aufgrund ihrer Fähigkeiten zu schützen vermögen. Die restlichen Bewohner der Stadt bewohnen die Felsplateaus, die bis zu Thandors Zahn emporführen. Häuser kriechen an dem Berg hinauf und krallen sich fest in das Gestein, verschmelzen beinahe damit.
Hier finden sich allerlei Läden, die magische Dienstleistungen anbieten. Es stellt kein Problem dar, Zauber für die richtige Summe zu erwerben oder einen Magier anzuheuern, der gegen die passende Entlohnung seine Talente anbietet.
Diese Söldnermagier, wie man sie in den oberen Gebieten der Stadt verächtlich nennt, sind dort nicht gern gesehen. Magie gegen Bezahlung anzubieten empfinden viele der in Lyr ansässigen Zauberer als ehrenrührigen Ausverkauf der eigenen Gabe.
Trotzdem verdient so mancher von ihnen sein Geld damit, allerlei magische Dinge zu verkaufen. Man kann von Tränken bis hin zu verzauberten Waffen nahezu alles käuflich erwerben. Es ist natürlich gewiss, dass solcherlei Waren nicht billig sind und ihr Erwerb einige Golddukaten verschlingt.
Die meisten Besucher Lyrs gelangen niemals über die Unterstadt hinaus. Nur wenige Nicht-Magier setzen freiwillig den Fuß auf Thandors Zahn und betreten die Viertel der Elemente. Man hat sich deutlich an Taivrasa orientiert, jenem Stadtstaat Erianors, von dem aus über die Geschicke der magischen Welt entschieden wird. Jedes Viertel gehört einem einzigen Element an, dessen Gegenelement genau auf der gegenüberliegenden Seite von Thandors Zahn zu finden ist.
Es sind Orte voller Wunder, die das Auge in Erstaunen versetzen. Feurige Fontänen schießen aus dem Viertel des Feuers in die Luft und spucken Magier aus, die sich auf diese Weise durch ihr Viertel bewegen. Die kristallenen Gebäude im Viertel der Luft schweben frei durch die Straßen. Sie sind von einer stetigen Brise umgeben, die sich niemals legt.
Im Viertel des Wassers bewegt man sich auf Wasserwegen. Es gibt keine Straßen, nur das kühle Nass, auf dem gläserne Boote treiben. Im Viertel der Erde ist alles von Pflanzen überwuchert, die einen eigenen Willen besitzen und mit den Magiern kommunizieren. Sie bewachen die Grenzen effektiver als jeder Wachmann. Die Felswand, aus der Thandors Zahn entspringt, ist grün bewachsen und von Blüten übersät.
Das Viertel der Schatten liegt in tiefer Dunkelheit und Stille, während das Viertel des Lichts förmlich aus sich selbst heraus zu glühen scheint und einer Sonne gleicht.
Die Bauwerke Lyrs sind bunt zusammengewürfelt. Sie folgen keinem einheitlichen Stil, sind überaus exzentrisch und fantasievoll. Beinahe niemand bewohnt ein schlichtes Haus. Stattdessen ist man bemüht, die anderen an Einfallsreichtum zu übertreffen und sein Können unter Beweis zu stellen, indem der eigene Wohnraum mithilfe magischer Mittel gestaltet wird. Wasserfälle, die an einer Wand nach unten rauschen sind ebenso wenig eine Seltenheit wie fliegende Aufzüge oder brennende Dächer.
Die Anwesenheit so vieler Magier bleibt natürlich nicht ohne Folgen. Der Rat der Magier von Lyr, dem die sechs stärksten Magier des jeweiligen Elementes angehören, fordert das Recht, über die Geschicke aller Magier Beleriars bestimmen zu dürfen. Sie sind sich darin einig, dass die Gesetze Taivrasas, die von den Türmen der Magie in Nir’alenar gewahrt werden, veraltet sind und einer Erneuerung bedürfen. Und tatsächlich ist fraglich, wie lange man sich dort diesen Forderungen zu verschließen vermag. Die Magier Lyrs sind längst eine Macht, die man besser nicht zu lange ignorieren sollte.