Man kann Eluar kaum als Stadt bezeichnen, denn diese Siedlung besitzt wenig Ähnlichkeit mit dem gängigen Bild einer solchen. Keine Straßen zwingen dem Waldboden ihren Willen auf. Einige Wege sind auf natürliche Weise entstanden, wenn sie von vielen Füßen genutzt werden, doch meist bleibt der Boden des Einhornwaldes unberührt und weist eine üppige, wild wuchernde Vegetation auf. Blumen, Kräuter und Gräser gedeihen an jeder Stelle. Die Pflanzen sind kräftig, die Blätter leuchtend grün und gesund.
Offene Holzhäuser werden von Blumen und Efeu überrankt. Moos überzieht das Holz und lässt es mit der Umgebung verschmelzen. Die Behausungen schmiegen sich zwischen die uralten Bäume des Einhornwaldes, als seien sie ein Teil davon. Lichtstrahlen fallen durch das dichte Blätterdach und malen tanzende Schatten auf den Boden.
Eine große Lichtung breitet sich in der Mitte Eluars aus. Sie dient den Wesen, die diesen Ort bewohnen, als Versammlungsplatz, an dem am Abend alle zusammenkommen. Dann lodert ein warmes Feuer in ihrer Mitte, das auf magische Weise überwacht wird. Musik erklingt inmitten des Waldes, es wird gesungen, getanzt, erzählt und geliebt. Man isst und trinkt, was gemeinsam produziert worden ist oder genießt ein erfrischendes Band in dem kleinen Waldteich am Rande der Lichtung.
Es sind verzauberte, betörende Nächte, die erst in den frühen Morgenstunden enden, wenn die Glühwürmchen verschwinden und die Schmetterlinge ihren Platz einnehmen.
Betrachtet man Eluar genauer, so erkennt man schnell, dass es keine Tavernen, keine Läden gibt. Die Bewohner dieser Siedlung kennen keinen Besitz, kein Eigentum. Wer hier lebt, leistet seinen Beitrag freiwillig, sorgt mit seinen Talenten für das Wohl aller. Noch nicht einmal die Häuser kennen einen festen Besitzer. Jeder lässt sich nieder, wo er möchte, kommt und geht, wie es ihm beliebt. An warmen Sommernächten wird nicht selten auf der Lichtung unter dem freien Himmel geschlafen. Auch Zelte sind oft als temporäre Behausung zu sehen und wer ungestört sein möchte, zieht sich in eines der Baumhäuser zurück, die zu diesem Zweck errichtet worden sind und nur auf Einladung betreten werden.
Tatsächlich ist das Volk Eluars offen und kennt wenig Scheu. Bedenkt man, dass hier größtenteils Nymphen und Satyrn leben, mag daran nichts Verwunderliches sein. Nacktheit ist nichts Anstößiges, Scham nahezu unbekannt. Leichtbekleidete oder gar nackte Individuen sind ein häufiger Anblick, der niemanden irritiert. Wer in Eluar lebt, fügt sich aus freiem Willen in die Gesellschaft ein und nimmt andere Wesen so, wie sie sind. Liebe ist frei und soll auch so ausgelebt werden. Sie ist ein Geschenk, das nicht an gesellschaftliche Konventionen gebunden sein darf. Eifersucht ist kaum existent, denn tiefe Gefühle gehen weit über körperliche Anziehung hinaus und werden durch diese nicht beeinträchtigt. Zumindest ist dies ein Ideal, nach dem die Wesen Eluars streben.
Die Verbundenheit mit der Natur wird in vielen Dingen offenbar. Wilde Tiere kennen keine Angst und leben mit den Wesen Eluars zusammen. Sogar die Einhörner, die diesem Wald seinen Namen gegeben haben, gesellen sich an den Abenden zu den Bewohnern der Siedlung, kommen ohne Furcht auf die Lichtung und lassen sich von Kindern und Erwachsenen verwöhnen und umsorgen.
Niemand, der Eluar sein Zuhause nennt, würde einem anderen Wesen absichtlich Schaden zufügen. Die Freiheit jedes Einzelnen ist das höchste Gut und darf von niemandem beschnitten werden. Wer sich nicht daran hält, findet sich schnell als Ausgestoßener wieder, der niemals mehr einen Fuß über die Grenze setzen darf. Es sind Entscheidungen, die gemeinsam getroffen werden, denn es gibt keinen Herrscher in Eluar. Die Ältesten übernehmen die Führung, wenn es nötig wird und niemand zweifelt das Wort jener an, die länger gelebt haben als er selbst und deren Weisheit die eigene bei Weitem übersteigt.