In sanften, plateauartigen Stufen steigt die Stadt Hylor in die Höhe und schmiegt sich in die wellenförmigen Hügel, in deren Herzen sie errichtet worden ist.
Erhabene Bauwerke aus weißem Marmor bieten sich dem Auge dar, wenn man sie aus der Ferne erblickt. Die Kuppeln der Dächer werden von starken Säulen getragen und keine einzige Turmspitze stört die Rundheit der Stadtsilhouette. Steht man am höchsten Punkt Hylors, so kann man in der Ferne das Meer erkennen. Es vermittelt einen Eindruck von Freiheit und Frieden, der auf Beleriar selten ist.
Die Stadt des Orakels, so wird Hylor genannt. Und tatsächlich sind es die Hallen des Orakels, die sich auf der höchsten Stufe der Hügel erheben. Rituelle Gesänge erklingen an jedem Tag zu festen Zeiten aus diesem ehrfurchtsgebietenden Gebäude und sind weithin zu vernehmen. Es ist ein gewaltiger, weiß schimmernder Gebäudekomplex, hinter dem ein mächtiger Wasserfall in die Tiefe stürzt, den man von Weitem zu erkennen vermag.
Uralte Bäume und gepflegte Beete voller duftender Blüten rahmen das tosende Naturwunder, das in einen tiefen Teich hinab rauscht. Hier manifestiert sich das Orakel, wenn die Seher und Seherinnen von Hylor das Ritual begehen, mit dem sie der geheimnisvollen Wesenheit, die in diesem Teich lebt, Antworten entlocken.
Es ist ein Rätsel, um was für ein Wesen es sich dabei handeln mag, da es niemals körperlich in Erscheinung tritt. Allein die Diener des Orakels dürfen sich seiner heiligen Quelle nähern und gewiss ist allein, dass es von der Göttin Minaril geschaffen worden ist, um die Welt vor drohender Gefahr zu warnen.
Die Orakeldiener rufen große Ehrfurcht hervor, wo auch immer sie gehen. Von Geburt an blind, sind sie die Auserwählten des Orakels, die bereits als Säuglinge in die Hallen gebracht werden, um dort zu dienen. Jedes Kind, das in Hylor ohne Augenlicht geboren wird, ist dazu bestimmt, in den Dienst des Orakels zu treten und zu einer der Stimmen zu werden, die seine Weissagungen verkünden. Denn die fehlende Sehkraft schärft die Sinne für jene andere Welt, in die nur wenige Wesen zu blicken vermögen.
Sobald eine Stimme am Ende ihrer Lehrzeit die weißen Roben erhält, ist sie gleichsam der restlichen Welt entrückt und nimmt keinen Anteil mehr daran. Ihr Leben spielt sich fortan allein in den Hallen des Orakels ab. Eine Einschränkung, die jedoch mit einer besonders langen Lebenszeit einhergeht. Orakeldiener erfreuen sich eines Daseins, das doppelt so lange währt wie das Leben anderer Wesen ihrer Volkszugehörigkeit.
Viele Bewohner Beleriars reisen nach Hylor, um dem Orakel eine Frage zu stellen und im Gegenzug eine Aufgabe zu erhalten, die sie als Bezahlung für dessen Dienste erfüllen müssen. Manchmal wird auch ein persönliches Opfer verlangt, das sich ganz nach dem jeweiligen Anliegen richtet und es ist stets ungewiss, ob das Orakel eine Frage beantworten wird oder ob es stumm bleibt.
Aber nicht allein die Hallen des Orakels sind eine Reise wert. Häufig sind es auch die riesigen Bibliotheken, die jene anziehen, die nach verlorenem und altem Wissen suchen. Hylor ist ein Hort der Erinnerung, an dem Gelehrte versuchen, alle Ereignisse genauestens zu wahren, die sich auf Beleriar zugetragen haben.
Zudem bewahrt man in den Hallen des Orakels alle Prophezeiungen auf, die jemals von den Stimmen gemacht worden sind. Diese sind jedoch nicht frei zugänglich und werden streng bewacht. In Einzelfällen ist es allerdings möglich, einen Einblick zu erlangen, wenn ein sehr drängender und wichtiger Grund vorliegt.
Wahrscheinlich gibt es auf ganz Beleriar keinen Ort, an dem so viele Bücher und Schriften existieren wie in Hylor. Ein Großteil davon wird in der großen, rund angelegten Bibliothek verwahrt, die man als das Haus des ruhenden Wissens bezeichnet, und in der sich die Schriftwerke auf so vielen Etagen nach oben winden, dass man die oberste Reihe mit bloßem Auge nicht mehr zu erkennen vermag.
Die Schüler der großen Gelehrten, die in Hylor ihr Wissen weitergeben, besetzen zu jeder Zeit die zahlreichen Tische und Bänke, die am Boden der Bibliothek unter dem Schein magischer Lichter aufgestellt worden sind, um zu lernen und ihre Forschungen zu betreiben.
Das Leben in Hylor ist ruhig und geregelt. Die Harmonie in allen Dingen gilt als das höchste Gut und spiegelt sich im Aufbau der Stadt. Das Stadtbild folgt stetigen, aufsteigenden Kreisen, die von dem kleinsten Kreis in der Mitte bis zum größten, der die gesamte Stadt umspannt, empor führen. Eine riesige Treppe erstreckt sich über die einzelnen Ebenen bis zu den Hallen des Orakels. Von der Orakelquelle gespeiste Brunnen bilden stets den Mittelpunkt dieser Kreise. Man sagt, dass wer aus ihnen trinkt, in der Nacht einen Traum durchleben wird, der sich erfüllen soll.
Viele weiterführende Schulen sind quer durch die Stadt verteilt. Sie nehmen sich meist eines Gebietes an und wer sie besucht, kann sich sicher sein, dass er eines Tages zu den Besten darin gehören wird.
Hylor untersteht stets der ersten Stimme des Orakels, die alle 10 Jahresläufe vom Orakel selbst bestimmt wird. Im Augenblick ist dies eine Menschenfrau namens Ophia Delanis, eine überaus starke und starrsinnige Persönlichkeit, die über 50 Jahre auf Beleriar zugebracht hat und nun mit fester Hand über die Geschicke der Stadt bestimmt. Wer ein Anliegen an das Orakel hat, muss stets zuerst an der dunkelhaarigen Frau vorbei, deren Haar von grauen Strähnen durchfurcht wird. Und es ist niemals einfach, ihren wachen, stahlblauen Augen standzuhalten, wenn sie zu ergründen versucht, ob eine Frage würdig genug ist, um an das Orakel herangetragen zu werden.