Gäbe es auf Beleriar einen Ort, der die Schönheit der Nacht einzufangen und widerzuspiegeln vermag, so wäre dies Ystrar, die dunkle Schöne, die sich von der Südküste aus in die Insel ergießt.
Wundersam ist diese Stadt, die sich in ewige Dunkelheit hüllt, die niemals von einem anderen Licht erhellt wird als von dem bläulichen Glühen, das von den geheimnisvoll schimmernden Türmen ausgeht, die aus dunklem Glas erbaut zu sein scheinen.
Die Stadt der Shirashai, so wird Ystrar genannt und in der Tat lebt und atmet Ystrar allein, um Shirashai zu Diensten zu sein.
Aus der Ferne wirkt sie wie ein Fleck schwarzen Samtes, der von silbrigen Sternen erleuchtet wird, ganz so, als sei der Nachthimmel auf die Insel gefallen. Tatsächlich stammt dieses Licht von den silbernen Lichtkugeln, die die Bevölkerung der Stadt dazu benutzt, um die ewige Nacht zu erhellen.
Jedes Haus, jeder Hof, jeder Garten und gar die Straßen werden von innen geziert und tauchen die Umgebung in ein ewiges Zwielicht. Ystrar benebelt die Sinne eines Reisenden mit Schönheit und Verführung, lockt mit tausend Wundern aus filigranem Glas, mit zahllosen Verlockungen, die alle Wünsche zu erfüllen scheinen.
Der Luxus der öffentlichen Badehäuser aus denen der Duft kostbarer Essenzen dringt, die erlesensten Speisen und Weine, die man auf Beleriar finden kann, Musik, Tanz, die Spielhallen, die zur Zerstreuung einladen – es gibt kaum etwas, das Ystrar nicht zu bieten vermag, wenn sich jemand in ihren Armen verlieren möchte. Und doch ist dies alles nur eine Illusion, sind die atemberaubenden Bauwerke nur schöner Schein, der das schwarze Herz der Stadt verbirgt.
Denn Ystrar wurde auf den Überbleibseln einer lange zerstörten Stadt erbaut, deren Namen heute niemand mehr kennt. Verlässt man die Viertel der Stadt, die mit Prunk und Überfluss die Sinne betören, so findet man das wahre Ystrar, die uralten Ruinen, die an die Vergangenheit erinnern und an die Wut Shirashais, die jene Stadt dem Erdboden gleichgemacht und ihren Namen getilgt hat.
Hier leben die düsteren Gestalten, oft Flüchtlinge vor dem Gesetz anderer Städte, die sich in Ystrar eine neue Existenz errichtet haben. Scheinbar verfallene Ruinen bergen oftmals wahrhaftige Paläste in ihrem Inneren, von denen aus ein feines Intrigennetz gesponnen wird. Die Oberhäupter mächtiger Familien leiten von hier aus deren Geschicke, kontrollieren die Vergnügungen in der Stadt mit eiserner Hand.
Und so greift auch hier das Prinzip der Täuschung, das ganz Ystrar beherrscht, verbirgt sich Reichtum hinter ärmlichen Fassaden, während die äußere Pracht nur eine Hülle ist, in der die Marionetten nach den Wünschen ihrer Herren tanzen.
Wer in dieses dunkle Ystrar vordringt, vermag dort gegen die richtige Summe alles zu finden – Informationen, seltene Waren, Individuen, die jede Arbeit diskret erledigen. Doch ebenso lauert ein schneller Tod auf den Unvorsichtigen, der sich mit den falschen Mächten einlässt.
Es gibt keinen Adel in Ystrar. Die ältesten Familien werden als Ystrari bezeichnet, jene, die zuerst hier gewesen sind und vor denen man ebenso Rechenschaft ablegen, wie sich in Acht nehmen muss.
Doch die Ystrari mögen die Fäden ziehen, sind deswegen jedoch noch lange nicht die wahren Herrscher der Stadt. Ihre Familien mögen Ystrar einst errichtet haben, doch sie regieren sie nicht. Denn die Stadt ist Shirashai geweiht und wird allein von ihrer Priesterschaft beherrscht.
Nicht der Rat der Ystrari trifft die Entscheidungen, es sind die Priester der Nacht, die von den Augen Shirashais aus über jeden Vorgang in der Stadt wachen, jenem riesigen Tempel, dessen Wahrzeichen die beiden gläsernen Türme sind, die sich hoch über die Stadt erheben.
Momentan wacht der Hohepriester Sanduras Daranday über die Augen Shirashais und ganz Ystrar. Ein Name, der aufgrund seiner Tochter Sharinoe selbst in Nir’alenar Bedeutung erlangt hat.
Sanduras, ein noch immer charismatischer Mann, führt seine Priesterschaft mit eiserner Hand und sorgt für Ordnung in der Stadt. Und so mag Ystrar ein gefährlicher Ort sein, doch das Leben in ihren Mauern verläuft seltsam geregelt. Die Priester mögen vieles tolerieren, doch es gibt nichts, das sie nicht auch kontrollieren.