Vergessene Reiche müssen nicht tot sein. Jeder, der Asrallea einmal erblickt hat, weiß, wie lebendig diese noch sein können. Asrallea ist eines jener alten, versunkenen Reiche, das nach seinem Untergang zu neuem Leben erweckt worden ist und heute von den Nixen bevölkert wird, die Gefallen an seinen Ruinen und ihren Geschichten gefunden haben.
Es ist eine Seltenheit für dieses Volk, in solch großer Zahl an einem Flecken zusammenzuleben und so herrscht im Reich der Nixen ein ständiges Kommen und Gehen zwischen den Siedlungen. Nur wenige werden sesshaft und lassen sich dauerhaft an einem Ort nieder.
Die Nixen bevölkern Asrallea seit etwa 1000 Jahren und gehören damit zu den neueren Bewohnern des Sternenmeeres. Seinerzeit hat König Damos von Sarayelle mit seinem Volk das Westmeer verlassen, das in der heutigen Zeit nur noch unter dem Namen Schattenozean bekannt ist. Es war eine schreckliche Zeit für die Nixen, als sich das Wasser des Ozeans dunkel gefärbt hat und sie von einer magischen Seuche heimgesucht worden sind, die das halbe Volk ausgerottet hat. Die Ursache für diese Katastrophe ist niemals gefunden worden. Doch die einstige Heimat des Nixenvolkes ist seitdem eine leere, schwarze Ödnis, in der sich düstere, blutgierige Kreaturen angesiedelt haben, die aus den von der Seuche betroffenen Nixen hervorgegangen sind. Diese Wesen gehören wohl zu den wenigen Bewohnern des Meeres, die sogar von den Yassalar gemieden werden.
Das Nixenreich wird momentan von Königin Seruana von Asrallea regiert. Einer Frau, die ihrem Volk eine gerechte, wenn auch aufbrausende und ungeduldige Königin ist, die lieber selbst zur Tat schreitet, als andere lange reden zu lassen. Diese Eigenheit ist untypisch für eine Nixe, lässt sie für viele ihrer Untertanen und auch für die anderen Völker des Sternenmeeres als impulsiv, unberechenbar und deswegen gefährlich erscheinen.
Man nimmt die Nixen zwar durch ihr weltfremdes Wesen gemeinhin nicht als beachtenswerte Gefahr wahr, behält sie aber seit Seruanas Regentschaft im Auge. Die launenhafte Königin flößt vielen ein mulmiges Gefühl ein. Sie steht für Veränderung und hat damit begonnen, Maßnahmen zu treffen, die es dem Nixenvolk ermöglichen sollen, sich selbst zu verteidigen, wenn es nötig ist. Es ist kein Wunder, dass man ihr mit gemischten Gefühlen begegnet.
Dies ist noch ein wenig verstärkt worden, nachdem ihr Sohn Meruan das Licht der Welt erblickt hat. Meruan ist ein junger Nixenmischling, der von vielen nicht richtig eingeschätzt werden kann. Man weiß, dass ein Vater sein Mensch gewesen ist, der ihm einige Eigenheiten vererbt hat, die für die Nixen ungewohnt sind.
Asrallea umfasst das Gebiet des vor Jahrtausenden versunkenen Reiches Alonadar und wird von den Nixen als für ihre Bedürfnisse vollkommen ausreichend angesehen. Von Kriegen und Eroberungen halten diese Kreaturen wenig und der Gedanke daran, ihren Lebensraum auf Kosten anderer Wesen zu erweitern, ist ihnen fremd. Sie verteilen sich in kleineren Siedlungen auf dem Meeresboden, bewohnen lieber alte Ruinen, die für niemanden mehr eine Bedeutung besitzen, als neuen Raum zu schaffen.
Da man sie für eine geringe Bedrohung hält und Nixen nicht viel für Reichtümer und angehäuften Besitz übrig haben, sind sie für die Yassalar kaum von Interesse und werden größtenteils in Ruhe gelassen. Dass dies aber nicht für immer so bleiben wird, ist abzusehen. Das Nixenvolk verfügt im Augenblick über keine nennenswerte Streitmacht und ist schutzlos, falls es zu einem Angriff kommen sollte.

Aléuna

Uralt und von allen Wesen der Oberwelt vergessen, so liegt Aléuna auf dem Grund des Meeres. Seit Jahrhunderten aus dem Gedächtnis gestrichen und nur noch eine alte Legende in den Reichen über dem Meer, an die niemand mehr glauben mag.
Aléuna ist die größte Stadt des Reiches Asrallea und auch der Bereich, der am beunruhigendsten an die alte, versunkene Kultur erinnert, die einst über den Wellen existiert hat. Für die Bewohner von Beleriar ist ihre Existenz eine ewige Mahnung an das, was ihnen hätte geschehen können, wenn Eriadne keine Gnade gezeigt hätte.
Beinahe mutet es geisterhaft an, wenn man die uralten, umgestürzten Säulen sieht, die zerbrochen wie feines Porzellan am Boden liegen. Jeder Stein, jedes Haus, jeder Durchgang zwischen den sich sanft bewegenden Meerespflanzen scheint zu sprechen, erzählt Geschichten davon, wie es früher war, als das Sonnenlicht die marmornen Hallen gestreichelt hat und als noch die Wesen der Oberwelt durch die Straßen dieser Stadt gewandert sind.
Die Vergangenheit ist hier nicht vergessen, sie ist erneut lebendig geworden, als die Nixen Einzug gehalten haben und Aléuna seither wieder mit Lachen und Leben erfüllen. Gärten voller Meerespflanzen erstrecken sich nun zwischen alten Säulen und Durchgängen, verleihen der Stadt eine wehmütige Schönheit, die sie wie ein Portal in eine fremde Welt wirken lassen.
Unzählige Geheimnisse warten darauf, in Aléuna entdeckt zu werden und so ist das Leben an diesem Ort ein ewig währendes Abenteuer, dem sich die Nixen jeden Tag erneut hingeben, um auf den Spuren der alten Zeit, alten Wissens und alter Schätze zu wandeln.
Die Tempel uralter, längst vergessener Götter harren dem Besuch lebendiger Seelen und so mancher birgt vielleicht noch einen Rest der alten Macht, die darauf wartet wieder entdeckt zu werden.
Inmitten Aléunas, von bröckelnden Wehrgängen und Türmen umgeben, erhebt sich der große, alte Palast mit den vielen Säulen aus leuchtend weißem Marmor, hinter dessen Mauern Königin Seruana das Reich regiert. Aber ansonsten scheinen auf den ersten Blick weitere offizielle Gebäude zu fehlen, die in anderen Reichen an der Tagesordnung sind. Es gibt keine Akademien, obgleich es sie in der Stadt, die Aléuna einst gewesen ist sicherlich gegeben hat, keine Verwaltungsgebäude oder Kasernen, obgleich Seruana daran arbeitet, diesen Zustand zu ändern.
Aléuna ist eine Stadt im Umbruch. Eine beginnende Veränderung in der Welt der Nixen, die sie noch gar nicht so recht wahrgenommen haben. Denn bislang ist es die Königin allein, die sich darüber bewusst ist, dass die Zeit gekommen ist, ihr Volk in eine neue Richtung zu führen, wenn es überleben soll.