Es ist ein romantischer Ruf, der Elue’Adar anhaftet. Und wer die kleine Unterwassersiedlung unweit des Hafens von Nir’alenar schon einmal gesehen hat, der wird diesem Ruf sicherlich nicht widersprechen.
Schließlich ist Elue’Adar eine Sehenswürdigkeit für sich mit den schönen, gepflegten Unterwassergärten, in denen die prachtvollsten Pflanzen zwischen den vielfarbigen Korallen wachsen. Vielerlei kleinere, farbenfrohe Fischarten haben darin ihr Zuhause gefunden und schwimmen zwischen den roséfarbenen Korallenbögen umher, die sich in ihrer fein geschwungenen Art durch die ganze Siedlung ziehen und in ihre einzelnen Gebiete führen.
Bauchige Gebäude mit spitz zulaufenden, aber dennoch niedrigen Dächern aus dem gleichen Material, versorgen die Bewohner Elue’Adars mit einer gewissen Intimsphäre und schützen sie vor den weniger wohlwollenden Wesen des Meeres.
Und tatsächlich – nahezu alle Völker des Sternenmeeres können in Elue’Adar gefunden werden und leben hier in Frieden miteinander, auch wenn dieser Frieden bei einem genaueren Blick nur oberflächlich herrscht. Denn Elue’Adar ist schon lange nicht mehr der harmonische Hort der Liebe, der die Siedlung nach dem Willen ihrer Gründer sein sollte. Stattdessen hat die Nähe zu Nir’alenar dafür gesorgt, dass sich in Elue’Adar ein reger Handel mit den Bewohnern der Insel etabliert hat. Der große Markt von Elue’Adar, der im “Schlund des Wales”, dem Handelsherzen der Stadt, untergebracht ist, ist unter den Bewohnern des Sternenmeeres weithin bekannt. Wer selbst das Leben auf dem Trockenen verabscheut, bringt seine Waren hierher, um sie einem Händler zu verkaufen, der sie schließlich auf Beleriar anpreist.
Diese Tatsache hat dazu geführt, dass die Bewohner Elue’Adars ein tägliches Kommen und Gehen gewohnt sind und nur selten Fragen nach den Motiven und Handlungsweisen des Einzelnen stellen. Wer nichts offensichtlich niederträchtiges im Schilde führt, der ist in der kleinen, aber stetig wachsenden Siedlung willkommen. Dies hat jedoch schon häufig dazu geführt, dass sich so mancher Verbrecher von Elue’Adar angezogen fühlt, und dort nur zu gerne eine andere Identität annimmt, um ein neues Leben zu beginnen.
Besonders in den Nächten erwachen Konflikte zwischen den Völkern und niederträchtige Gestalten machen manchen Winkel der Stadt zu einem gefährlichen Ort. Dies trifft insbesondere auf “Die Zähne des Haifischs” zu, ein Viertel von Elue’Adar, das seinen Namen aufgrund seiner Gefährlichkeit mehr als verdient hat. Hier haben sich allerlei finstere Gesellen angesiedelt und wer an seinem Leben und an seiner Habe hängt und keinerlei Interesse an Blutvergießen hat, meidet “Die Zähne”, so gut er es vermag.
In den Zähnen macht es nur wenig Umstände, einen willigen Mörder zu finden und so mancher finstere Magier bietet Tränke und Gifte gegen eine adäquate Summe an. Besonders bei den Bewohnern Beleriars, die Verbindungen zu den dunklen Kreisen Elue’Adars haben, sind diese Gifte beliebt, gibt es doch weder auf der Insel noch auf der Oberfläche Gegenmittel für sie.
Speziell die magisch begabte Halb-Yassalar Yazissra ist in diesen Kreisen für ihr außergewöhnliches Talent in der Giftmischerei, ebenso wie für ihr anziehendes Äußeres und ihre scharfe Zunge bekannt. Gemeinsam mit ihrer Schattenfee Nymara bildet Yazissra ein gefährliches Gespann, das nur noch von dem heimlichen Herrscher der Zähne, dem Meereselfen Syrandar, in den Schatten gestellt wird. Syrandar mag bei seinem eigenen Volk ein Ausgestoßener sein, ein Assassine von unvergleichlicher Tödlichkeit, dessen Klinge aus den Zähnen eines monströsen Hais gefertigt worden ist, den er der Legende zufolge mit eigenen Händen getötet hat, doch in den “Zähnen” ist er derjenige, der das Geschehen kontrolliert.
Doch so düster und bedrohlich die Zähne auch sein mögen und so sehr man sich dort auch bemühen mag, die Vorherrschaft über die kleine Stadt zu erringen – das Herz Elue’Adars schlägt in Elues Garten, wo man noch heute den Felsen finden kann, der der Siedlung ihren Namen gegeben hat.  Denn dieser Felsen ist der Ort, an dem Elue, die Tochter des damaligen Königs der Nixen, vor 200 Jahren von einem Leben an der Seite eines Inselbewohners geträumt hat. Und somit ist dies auch der Platz, an dem sie an ihrem gebrochenen Herzen starb.
Elue mag niemals den Namen des Mannes gekannt haben, den sie aus den Fluten des Sternenmeeres gerettet hat und den sie durch den Hafen von Nir’alenar wieder ins Leben zurückgebracht hatte. Doch die Liebe, in der sie nach einem innigen Kuss des Dankes entbrannt war, ließ die junge Nixe Tag für Tag zu dem Felsen zurückkehren, von dem aus sie den Hafen hinter der Kuppel erkennen konnte. Die Stelle, an der sie ihn wieder zu finden erhoffte. Doch der Jüngling verbannte seine Retterin schnell aus seinen Gedanken und Elues Ausharren fand ein bitteres Ende, als sie ihn eines Tages durch die Kuppel erblickte und näher an die Stadt heran schwamm, um sich ihm zu erkennen zu geben. Sie kam niemals dazu, sich ihm zu zeigen, denn kaum, dass sie den Durchgang zum Hafen passiert hatte, erblickte sie die junge Frau an seiner Seite und erkannte die Liebe zu ihr, die in seinen Augen leuchtete. In diesem Augenblick zerbrach etwas in Elues Inneren. Die Nixenprinzessin sollte niemals mehr an den Hof Aléunas zurückkehren.
Die Männer ihres Vaters, des Königs Erean, fanden sie schließlich leblos auf dem Felsen, an dem sie stets auf ein Zeichen ihres Geliebten gewartet hatte, und brachten sie zurück in ihre Heimat, in die Arme ihres trauernden Vaters.
Erean setzte seiner Tochter schließlich ein Denkmal, indem er rund um ihren Felsen einen prächtigen Garten errichten ließ, der an die Schönheit und die vergebliche Liebe seiner Tochter erinnern sollte. Noch heute findet sich auf diesem Felsen eine Statue, die Elue darstellt, wie sie voller Sehnsucht auf den Hafen von Nir’alenar blickt.
Unter diesen Umständen mag es nicht verwunderlich sein, dass Elues Felsen viele Liebende angezogen hat, die genau wie auch sie ihre Liebe auf dem Land gefunden haben, die aber das Meer nicht verlassen konnten. So bildete sich nach und nach eine Siedlung um den Garten herum, die zunächst von liebenden Meereswesen, später jedoch auch von einigen Halbmeereswesen bevölkert wurde, die aus solcherlei Verbindungen hervorgegangen waren und die sich weder auf dem Land noch im Wasser je wirklich heimisch fühlen konnten.
Elue’Adar bot ihnen einen Kompromiss und so verwundert es nicht, dass in den über 300 Jahren der Vermischung von Meereswesen und Landbewohnern eine beträchtliche kleine Stadt entstanden ist, die stetig weiter wächst.
Heute ist Elues Garten jedoch nicht nur ein Treffpunkt für Liebende, sondern gibt jenem Viertel Elue’Adars einen Namen, in dem über die Geschicke der kleinen Stadt bestimmt wird und in dem sich einige der wohlhabenderen Bewohner der Stadt angesiedelt haben. Hier findet sich der Seestern, jenes Gebäude, das wie ein solcher geformt ist und bei dem jeder Arm für ein Volk des Sternenmeeres steht, das in Elue’Adar vertreten ist.
Die Herrscher aller Völker des Meeres verfügen hier über einen Abgesandten, der für die Geschicke seines Volkes verantwortlich ist. So haben die Meereselfen die ruhige, aber durchaus streitsüchtige Wassermagierin Narue gesandt, um ihre Interessen zu vertreten. Die Yassalar werden von der durchtriebenen Priesterin Zesstrar vertreten, deren Gedanken ebenso finster sind, wie ihre glänzende, schwarze Haut. Die Tritonen werden von dem stets vernünftigen und niemals aufbrausenden Cardaun vertreten, während die zerstreute Nixe Dearda in ihrer nie enden wollenden Unruhe und ihrem Tatendrang einen Gegenpol dazu darstellt. Schließlich bildet der weise Tritonen Mischling Kardar den Mittelpunkt dieses zerrissenen Rates, der stets die Gemüter beruhigt und ihre Interessen in eine gemeinsame Richtung zu lenken vermag. Es gibt wohl niemanden, der sich mehr für Elue’Adar verantwortlich fühlt als Kardar und so gilt er gemeinhin als heimlicher und inoffizieller Herrscher der Meeresstadt.
Das letzte Viertel Elue’Adars wird schließlich “Die Perle in der Muschel” genannt, ein Hort des Wissens an dem sich die Bibliothek und die Schule von Elue’Adar befinden, aber auch ein Ort des Vergnügens, an dem man allerlei Zerstreuungen finden kann.
Am Tage regieren in der “Muschel” Wissen und Gelehrigkeit, doch in der Nacht zeigt sich hier eine andere Seite und so mancher Bewohner Elue’Adars verschwindet in Tavernen oder Bordellen, um Kurzweil und Vergnügen zu finden oder sich von seinem Kummer abzulenken.
Besonders bekannt ist die Weiße Perle, eine Taverne, in der alle Spezialitäten des Sternenmeeres angeboten werden und in deren oberen Räumen vielerlei Vergnügungen auf die Besucher warten. Zwar munkelt man, dass die Wirtin der Perle, die nebulös wirkende Meereselfe Yrdai, ein enges Verhältnis zu Syrandar haben soll, doch noch niemand hat es bisher vermocht, dies zu beweisen oder zu ergründen, welcher Art dieses Verhältnis sein mag. Allerdings kann ein gewisser Einfluss der Zähne in der “Muschel” nicht verleugnet werden, ebenso wie die unbestrittene Tatsache, dass so manches namhafte Mitglied der Gemeinschaft hier öfter ein und aus geht.