Es begann mit einem scheinbar harmlosen Scherz. Nicht wenigen Angehörigen des Windvolkes ist es ein Dorn im Auge, dass Alastan Zarandar und seine Familie den Wolkenschiffverkehr über der Insel kontrollieren. Wahrscheinlich war es von daher nur eine Frage der Zeit, bis ein junger Heißsporn versuchen würde, die mächtige Familie ein wenig zu ärgern und sie herauszufordern.
Der Name des Heißsporns war Devar Tanoras, ein reicher Händlersohn, dessen Zunge ebenso flink ist wie seine Klinge, einziger Erbe einer der ältesten Windvolkfamilien Beleriars, die seit Generationen sowohl für ihre Kühnheit als auch für ihr Geschick in der Wolkenschifffahrt bekannt ist.
Es war ein leichtes für den charmanten Devar, die Besatzung seines Schiffes, der Sturmlilie, auf sein Vorhaben einzuschwören und flugs fand der erste Überfall auf eines der Zarandar Schiffe statt, während dem die ausgesprochen wohlhabenden Passagiere einige ihrer Juwelen einbüßen mussten.
Die Freibeuter der Lüfte, wie man sie schnell nannte, erleichterten die Vermögenden auf äußerst galante und zuvorkommende Weise. Wenig Blut musste fließen und ernste Verletzungen blieben aus. Dennoch hatten die Maskierten ihr Ziel erreicht. Die Kunde davon, dass die Zarandar Schiffe nicht so sicher und unverletzbar seien, wie man bisher angenommen hatte, machte schnell die Runde und Alastan schäumte vor Wut.
Doch wohin mit den Juwelen? Devar selbst hatte keine Verwendung dafür, doch er wusste, dass es andere gab, die die Golddukaten, die der wertvolle Tand einbringen würde, gut gebrauchen konnten. Und so gab er den Erlös seines Raubzuges jenen, die seiner Hilfe bedurften.
Schon bald breitete sich die Kunde von dem Mann mit der Maske, der den Armen half, in ganz Ilassea aus und Devar fand sich in einen romantischen Helden verwandelt, dessen Rückkehr sich jeder Bedürftige ersehnte. Kinder verkleideten sich und ahmten den maskierten Wohltäter und seine Männer nach und junge Mädchen seufzten sehnsüchtig, wenn sie von seinen Taten sprachen.
Devar sah den Funken der Hoffnung, der in den Augen jener leuchtete, die unter der harten Hand der Zarandar leiden mussten, die viele der kleineren Familien verdrängt und ihrer Existenzgrundlage beraubt hatte. Sie brauchten in der Tat einen Helden. Jemanden, der sie nicht allein auf eine Handvoll Seesterne, sondern auf eine bessere Zukunft hoffen ließ.
Und wer war er, ihnen diese Hilfe zu verweigern?
Die Windfalken wurden geboren. Ein Bund, dessen Mitglieder den Eid leisteten, jenen zur Seite zu stehen, die Ungerechtigkeit und Willkür ertragen mussten. Die Sturmlilie wurde erweitert und umgebaut, man bereitete sie darauf vor, das nächste Schiff der Zarandar anzugreifen und der arroganten Familie eine Lektion zu erteilen.
Mächtige Zauber verbargen und tarnten das schnelle Schiff, das stets wie aus dem Nichts aufzutauchen schien, um gleich darauf die maskierten Windfalken an Seilen auf das Deck ihres Zieles hinabgleiten zu lassen. Der Wagemut und die Eleganz der Windfalken waren bald in aller Munde, ebenso wie der Charme und die Redegewandtheit des Kapitäns, der den adeligen Damen den Schmuck mit einem Lächeln und einer Verneigung raubte.
Schon bald ergriffen die Zarandar Maßnahmen, verstärkten die Waffengewalt und die Besatzung ihrer Schiffe, doch die Windfalken blieben ihnen stets einen Schritt voraus und konterten jede Schliche der mächtigen Familie scheinbar mühelos.
Das Einzige, was die Freibeuter stets zurückließen, war eine noch größer gewordene Legende und eine vergoldete Hühnerfeder, ein Scherz des Kapitäns, den er stets persönlich der schönsten Frau an Bord überreichte und der auf ein gerupftes Huhn anspielte.
Für Alastan Zarandar sind die Taten der Windfalken seither ein stetig schmerzender Stachel in seinem Fleisch, der seinem Ruf mit jedem weiteren Überfall noch mehr Schaden zufügt. Nur zu gerne wüsste er, wer hinter der Maske des Kapitäns stecken mag und keine Anstrengung scheint zu groß, um ihn endlich zu enttarnen und unschädlich zu machen. Ein winziger Fehler seines Gegners ist alles, was sich Alastan ersehnt, um Rache für die Schmach zu nehmen, die ihn langsam in eine Witzfigur verwandelt. Führt man in den Straßen Ilasseas schließlich nicht schon Puppenspiele auf, die die Überfälle des mysteriösen Kapitän Windfalke nachstellen und ihn selbst zum Narren degradieren?

Mitgliedschaft

Es ist kaum möglich, den Windfalken aus eigener Kraft beizutreten, denn schließlich akzeptiert Devar nur jene in seinen Reihen, denen er vorbehaltlos vertrauen kann. Trotzdem gibt es Mittel und Wege, ihm unwissentlich zu imponieren und seine Aufmerksamkeit zu erregen. Ein waghalsiger Auftritt, besonders hervorstechende Fähigkeiten, ein Sinn für Gerechtigkeit oder Kampfeswille können ihn genügend beeindrucken, um in seinem Gedächtnis zu bleiben und vielleicht den Weg in die Reihen der Windfalken zu finden.
Erweist sich ein potenzieller Anwärter als vertrauenswürdig, so muss er dennoch einige Prüfungen seiner Loyalität bestehen, bevor er den Windfalken und dem mit Blut geschworenen Treueeid näher rückt.
Es sind keine großen Rituale nötig, um ein Mitglied aufzunehmen. Hat sich sein Blut mit dem Blute Devars verbunden und den Schwur besiegelt, so wird ihm eine Halbmaske überreicht, die auf magische Weise die Illusion eines Gesichts hervorruft, das nicht das eigene ist und sich ständig wandelt. Die Opfer der Windfalken vermögen es nicht, sich nach dem Überfall noch an die Gesichter der Freibeuter zu erinnern und diese zu beschreiben.
Es ist ein effektives Mittel, von Meister Thonir geschaffen, jenem magisch begabten Gnomen, der ebenso für die Konstruktion der Sturmlilie verantwortlich ist wie für die besonderen Waffen und Hilfsmittel, die die Windfalken so gefährlich und unberechenbar machen.
Doch die größte Stärke der Freibeuter liegt in ihrer Loyalität und dem Willen, für das gemeinsame Ziel und für ihr Volk zu kämpfen. Und jeder Anwärter sollte sicher sein, dass er diese Ideale teilt, bevor er sich verpflichtet, diesen Kampf zu dem seinen zu machen.

Treffpunkt

Die Windfalken benötigen keinen anderen Treffpunkt als die Sturmlilie. Das schlanke, schnelle Schiff mit den weißen Segeln beherbergt alles, was die Freibeuter brauchen. Doch kaum jemand hat jemals bei einem Überfall das wahre Gesicht des Schiffes erblickt. Stets scheint die Sturmlilie ihre Gestalt zu wandeln, leuchtet einmal in dem hellen Himmelblau eines Vergnügungsschiffes, um dann als schweres, altes Handelsschiff zu erscheinen, das keine Gefahr darstellt.
Perfekt konstruierte, zielgenaue Kanonen sind in ihre Wände eingelassen und lehren jeden das Fürchten, der seinerseits einen Angriff wagt.
Von Meister Thonirs Werkstatt bis zu Devars privater Kajüte beherbergt die Sturmlilie einige Räumlichkeiten, die von den Windfalken vielfältig genutzt werden. Nicht zuletzt ist dies ein großzügiger Versammlungsraum, in dem die Freibeuter ihren nächsten Schachzug zu planen pflegen, sowie eine Waffenkammer, in der die Ausrüstung sicher hinter einer geheimen Tür verwahrt wird.
Sieht man die Sturmlilie am Hafen von Ilassea liegen, so stellt sie dort nichts anderes dar, als Devars Lieblingsschiff, das ihm sein Vater Aldar zum Eintritt in die Volljährigkeit hat erbauen lassen. Es ist eine wahrhaftige, zart und filigran wirkende Schönheit, der Eitelkeit eines jungen Mannes angemessen, der damit ein wenig angeben möchte und nichts weiter zu tun hat, als die Häfen der schönsten Städte anzusteuern, um sich dort zu vergnügen. Und die Sturmlilie zieht oft aus, um scheinbar genau diesen Zweck zu verfolgen und Devars nächste Vergnügungsreise anzutreten.
Niemand würde vermuten, wie es um die Wahrheit bestellt ist und welches Meisterwerk Meister Thonir mit diesem Schiff vollbracht hat.
Doch auch in den Tavernen aller Städte Beleriars kann man auf die Windfalken treffen. Scheinbar nichts mehr als eine Ansammlung reicher Nichtsnutze und ihrer Seeleute, die das Vergnügen suchen. Insbesondere in der Schwarzen Taube, einer gehobenen Taverne in Ilasseas Hafengegend, kann man Devar häufig finden. Doch man wird kaum mehr als das Gesicht eines bekannten Händlersohnes erkennen, der sich dort die Zeit vertreibt, die er im Übermaß besitzt.

Devar Tanoras

Durch nichts lässt Devar Tanoras vermuten, dass er etwas anderes ist als der geliebte und verwöhnte einzige Sohn eines reichen Händlers, der sein Leben müßig und voller Annehmlichkeiten verbringt.
Hochgewachsen und schlank, sehnig und mit markanten Gesichtszügen gesegnet, haben seine blau schimmernden Augen schon so manches Mädchenherz zum Glühen gebracht. Das lange, weiße Haar fließt über seine Schultern und findet ein Echo in dem modisch gestutzten Bart, der seine Lippen umkränzt.
Seine Maskerade ist perfekt. Stets ein wenig gelangweilt und spöttisch zeigt sich der angeborene Charme des Kapitän Windfalke nur selten. Und wieso würde Devar in niederen Kreisen verkehren, würdigt er die Armen doch sonst keines Blickes und scheint blind für jegliche politischen Vorgänge in der Stadt. Frauen, Alkohol und Duelle sind seine Welt. Die edelsten Stoffe kleiden seinen Körper und die Tavernen sind niemals sicher vor ihm und den unmöglichen Freunden, mit denen er sich umgibt und deren Auftauchen stets Ärger verheißt.
Nein, wie könnte der geringste Verdacht darauf fallen, dass Devar nicht das ist, was er zu sein scheint? Und schließlich gibt es mittlerweile einige Nachahmer, die von der Aussicht auf Ruhm geleitet nur zu gerne in die Rolle des Kapitäns schlüpfen und noch weiter von seiner Person ablenken.
Doch an Bord der Sturmlilie zeigt sich das wahre Gesicht dieses Mannes. Denn wenn Devar mit ruhiger Autorität und wehendem Haar seine Befehle erteilt und die edlen Stoffe gegen das lose im Wind flatternde Hemd ausgetauscht hat, so erblickt man den Mann hinter der Maske.
Er ist freiheitsliebend und von Idealen geleitet, die ihm sein Vater seit frühester Kindheit vermittelt hat. Ein Mann, der das Wolkenmeer und das Leben an Bord seines Schiffes jederzeit Samt, Seide, Reichtum und Bequemlichkeit vorzieht.
Schon früh musste Devar die Unschuld des jungen Mannes verlieren, der an das Gute in allen Wesen glaubt. Es geschah spätestens an dem Tag, als Alastan Zarandar seine Macht dafür missbrauchte, um die Familie seiner großen Liebe Yaldea in Armut zu stürzen und das schöne Mädchen mit seinem Sohn Velrik zu verheiraten, um danach sein großes Herz zur Schau zu stellen.
Seitdem hasst Devar die Zarandar von ganzem Herzen und sinnt auf Rache für den Verlust dieser unschuldigen ersten Liebe und Yaldeas Schicksal, das sie an die Seite eines Mannes bindet, für den sie nichts als ein weiteres funkelndes Schmuckstück in seiner Schatzkammer ist.
Niemand außer seinem besten Freund Inar weiß von Devars Geheimnis. Für seine Mannschaft ist er ein geborener Anführer, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Welt zu verändern.
Devar ist ein geschickter Fechter und Pistolenschütze, der keine Herausforderung scheut und das Leben seiner Mannschaft jederzeit über das eigene stellt. Er schont sich nie, ist ein kluger Taktiker, dessen Einfallsreichtum die Windfalken gemeinsam mit Meister Thonirs Erfindungen und der Hilfe einiger fähiger Windmagier zu einer Macht am Himmel macht, vor der man sich in Acht nehmen muss.

Ziele

Die Ziele der Windfalken sind schnell definiert – Freiheit für die Wolkenschiffe Ilasseas und der Sturz der Zarandar Dynastie sind ihr vorrangiges Interesse. Sie schädigen den Ruf der mächtigen Familie, wann immer es ihnen möglich ist und unterstützen jene, die durch ihren Machthunger Unglück erleiden mussten.
Noch immer mischt sich Devar unter die Armen seines Volkes und verteilt seine Beute mit eigenen Händen. Die Liebe des Volkes ist ihm dafür ebenso sicher wie der Hass Alastans, der ständig nach neuen Wegen sucht, um seinen unsichtbaren Feind zur Strecke zu bringen und an ihm ein Exempel zu statuieren. Es ist ein gefährliches Doppelleben, das alle Windfalken führen, doch sie werden es erst aufgeben, wenn die Zarandar gestürzt sind und das Windvolk wieder frei ist zu tun, was es wünscht. Von einem Rat geleitet und regiert, der nicht von den finanziellen Mitteln geblendet ist, die aus den Schatzkammern Alastans in seine Taschen fließen.