Sie sind eines der am besten gehüteten Geheimnisse Beleriars. Noch nicht einmal der Hauch eines Gerüchtes macht über die Existenz der Schattenklingen die Runde. Und dies ist nicht verwunderlich, denn wüsste man von ihnen und dränge auch nur der Hauch eines Flüsterns über ihr Dasein an das falsche Ohr, so würden sie sich schnell desjenigen annehmen, der es gewagt hat, über sie zu munkeln und ihn zum Schweigen bringen.
Sie sind die Macht, die den Thron des Fürsten von Beleriar schützt. Verschwiegene Männer und Frauen, die immer dann zur Tat schreiten, wenn Offenheit versagt. Jede Schattenklinge ist dem Fürsten treu ergeben und erledigt jene Arbeit für ihn, die offizielle Vertreter und Würdenträger niemals anfassen könnten oder wollten.
Es sind meisterhafte Spione von einer beneidenswerten Auffassungsgabe, reaktionsschnell und leise. Keine Schattenklinge wird gesehen oder gehört, wenn sie es nicht wünscht. Ihre Klingen finden ihr Ziel ohne jeden Laut, flink und präzise. Ihr Geist kennt jedes Gift, das auf dem Angesicht Niel’Anors zum Einsatz kommt und ihre Finger vermischen Kräuter und andere Substanzen geschickt, um Leben oder Tod zu bringen.
Würde man sie als Assassinen bezeichnen? Vielleicht, wenn es die Sache erfordert und es dem Wohle aller dient. Keine Schattenklinge schreckt davor zurück, ein Leben zu beenden, wenn es notwendig ist.
Bei Tage existieren die Schattenklingen nicht. Es sind gewöhnliche Wesen, die sich häufig an den Höfen Beleriars bewegen und die müßigen Intrigenspiele der hohen Gesellschaft meisterhaft zu spielen vermögen. Abgesandte des Fürsten, Angehörige des Adels, die unauffällig an jeden Ort reisen können, an den sie ein Auftrag führen soll.
Noch nicht einmal jedes Mitglied dieses Bundes kennt unbedingt alle, die auf der gleichen Seite kämpfen. Strikte Geheimhaltung und die Fähigkeit, in jede Rolle zu schlüpfen, sind die Fundamente, auf denen dieses Gefüge errichtet worden ist.
Allein der Fürst und der Schattenmeister, das Oberhaupt der Schattenklingen, kennen jedes Gesicht und jeden Namen und sie sind die Einzigen, die den Angehörigen des Geheimbundes ihre Befehle erteilen.
Es ist eine kleine Gemeinschaft, die im Verborgenen existiert. Ein exklusives Netzwerk von Spionen und Meuchelmördern, die das Reich auf eine Weise schützen, wie es tugendhafte Wesen niemals könnten.
Doch das bedeutet nicht, dass eine Schattenklinge keine Ehre besitzt. Allerdings neigen diese Individuen nicht zu einer übermäßigen Verklärung der Dinge. Sie tun, was getan werden muss. Es ist eine pragmatische Art des Denkens, die keinen Raum für Sentimentalitäten lässt, wenngleich dies nicht mit Gewissenlosigkeit gleichzusetzen ist.
Es ist kein sauberes Gewerbe. Keine Romantik und kein Heldentum verbergen sich zwischen den Zeilen. Niemand verklärt die Taten einer Schattenklinge. Wie sollte dies auch möglich sein, wenn es niemanden gibt, der für eine Tat verantwortlich gemacht werden kann?
Eine Schattenklinge hat kein Gesicht, wenn sie ihre Arbeit tut. Anderenfalls wäre ihr Wert für alle Zeit verloren. Und so gibt es diesen Bund nach außen hin nicht. Niemand ahnt, dass es seit Jahrhunderten eine schattenhafte Macht gibt, die den Frieden Beleriars auf eine Art und Weise sichert, die nicht für das Licht des Tages bestimmt ist und die ihre Kraft aus der Dunkelheit der Nacht bezieht.

Mitgliedschaft

Man entschließt sich nicht dazu, eine Schattenklinge zu werden. Der Bund kommt zu seinen Mitgliedern, achtet auf ein besonderes Talent, ein Geschick, das sie für eine solche Organisation wertvoll und unverzichtbar macht.
Beinahe niemand tritt erst im Erwachsenenalter in ihre Reihen ein. Kinder und Jugendliche, leicht formbar und noch naiv in ihrem Tun sind es, die zumeist in den dunklen Künsten unterwiesen werden. Oft geschieht dies, ohne dass sie wissen, wozu man sie eigentlich ausbilden möchte.
Sie lernen zu kämpfen und sich lautlos zu bewegen, erfahren, wo man schnell und gezielt eine Klinge ansetzen muss oder wie man ein Gift mischt und es unauffällig verabreicht. Ihre geistigen Fähigkeiten werden geschult, Sprachen und höfische Manieren gelehrt, ebenso wie man ihre körperlichen Talente so lange schmiedet, bis sie zu einer Waffe werden.
Das Können einer Schattenklinge ist vielfältig. Sie muss sich in jeder Gesellschaftsschicht perfekt bewegen können, darin versiert sein, unter keinen Umständen aufzufallen, wenn sie nicht auffallen soll.
Körper und Geist bilden eine Einheit, keines davon darf vernachlässigt werden. Eine Schattenklinge ist ebenso wenig ein dummer Schläger, wie sie ein reiner Bücherwurm sein darf. Sie muss sich unter Adeligen genauso gut bewegen können wie unter einfachen Bauern und überall glaubhaft auftreten. Es ist keine Frage, dass nur wenige Wesen für eine solche Tätigkeit geeignet sind.
Am Ende der Ausbildung steht kein Aufnahmeritual. Allein der Treueschwur, der eine Schattenklinge an den Fürsten bindet und die Übergabe der Schattenklinge, eines schwarzen Dolches, den sie als Zeichen mit sich führt, markieren das Ende der Lehrzeit und den Antritt der Arbeit für den Thron. Es ist eine magische Waffe. Allein an ihren Träger gebunden, kann dieser mit ihrer Hilfe schnell von dem Schattenmeister lokalisiert werden, wenn es nötig ist.
Mehr bedarf es nicht, um zu einer Schattenklinge zu werden. Doch es ist sicher, dass der Verrat des Fürsten ein schnelles Ende für denjenigen nach sich zieht, der den Treuebruch begangen hat. Denn ebenso, wie eine Schattenklinge eine Gefahr für jedes Ziel ist, auf das sie angesetzt wird, so kann eine andere Schattenklinge sie selbst als Ziel genannt bekommen, wenn Zweifel an ihrer Loyalität bestehen.

Treffpunkt

Es gibt keinen Treffpunkt, kein Ordenshaus der Schattenklingen. Jede von ihnen arbeitet allein, erhält ihre Aufträge einzeln und direkt durch den Schattenmeister oder den Fürsten. Nur selten agiert eine Gruppe der Schattenklingen gemeinsam und offenbart einander ihre Identität.
Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Anlaufstellen, die für Hilfe oder Informationen aufgesucht werden können. Meist handelt es sich dabei um eine Schattenklinge im Ruhestand, die eine solche Aufgabe erfüllt und so noch immer in gewisser Weise ihren Dienst versieht.

Der Schattenmeister

Er ist der Meister der dunklen Künste. Jener, der andere Schattenklingen ausbildet, das einzige Gesicht im Bund, das sie mit Sicherheit kennen.
Der Schattenmeister ist eine Position, die mit Bedacht und auf Lebenszeit besetzt wird. Meist wählt er seinen direkten Nachfolger selbst und gibt das verantwortungsvolle Amt in die Hände, die er für die fähigsten hält. Auf diese Weise ist auch Dilbar Tolamnis in diese Position gelangt, als sein eigener Lehrmeister aus dem Amt geschieden ist.
Dilbar Tolamnis ist seit nun mehr über 15 Jahren der Schattenmeister und somit ein enger Vertrauter des Fürsten Aranil Falkenauge. Er koordiniert die Aufträge, sendet Sucher aus, um neues Potenzial zu finden und sorgt dafür, dass neue Schüler einen Lehrmeister erhalten, der sie zu einer Waffe des Fürsten formt.
Sein Meister diente seinerseits der weißen Hexe selbst und gab das Amt an ihn ab, nicht lange, nachdem Aranil die Fürstenwürde erhalten hatte. Seitdem ist er diesem treu ergeben, ein Berater, zu dem der Fürst so offen sprechen kann, wie zu niemandem sonst.
Ein Band der Freundschaft verbindet diese Männer über reine Loyalität hinaus und es ist gewiss, dass Dilbar seinem Fürsten stets die Wahrheit sagt, so wie er auch seine Befehle in der ihm eigenen Präzision ausführt.
In früheren Zeiten war Dilbar eine überaus begabte Schattenklinge, doch nun gibt es nur noch selten Aufträge, die er selbst ausführt. Wenn er dies tut, kann man sicher sein, dass es sich um etwas von höchster Brisanz handeln muss.
In seinem öffentlichen Leben ist Dilbar ein zurückgezogen lebender Adeliger, der dem Fürsten seit seinen Kindertagen nahe steht und eine perfekte Fassade als liebender Familienvater aufrecht erhält, der sich der Pferdezucht widmet. Die Söhne des Menschen stehen kurz vor dem Eintritt in das Erwachsenenalter und sind sein ganzer Stolz. Man kann annehmen, dass einer von ihnen womöglich seine Nachfolge antreten wird.
Das dunkelbraune Haar ist mittlerweile an den Schläfen ergraut, die einst so drahtige Gestalt ist weicher geworden, doch Dilbars Augen funkeln noch immer lebhaft und es gibt wenig, das seinem Blick entgeht.
Als Lehrer ist er streng und unnachgiebig. Dafür verlassen nur die besten Schüler seine Obhut. Er duldet weder Dummheit noch wiederholte Fehler und würde es niemals zulassen, dass einer seiner Schützlinge nicht bestens auf das Leben vorbereitet ist, das ihn erwartet.
Niemand sollte den Fehler begehen, Dilbars Intelligenz und seinen Körper zu unterschätzen, denn nur zu schnell vermag er es noch immer zu beweisen, warum er der Schattenmeister geworden ist.

Ziele

Die Schattenklingen schützen Beleriar und den Fürsten der Insel, riskieren ihr Leben für ihn, wenn es sein muss. Zwar werden sie fürstlich entlohnt und erhalten die beste Ausrüstung, doch wer von Reichtum gelockt wird, ist in ihren Reihen fehl am Platz.
Es ist der Dienst am Reich, für den sie leben. Die Erfüllung der Pflicht, die für eine Schattenklinge im Vordergrund steht. Daneben bleibt nur wenig Platz für eigene Ambitionen.
Für den Augenblick ist es unter anderem die Situation in Araysia, die die Schattenklingen beschäftigt. Ebenso wie das Geschehen in Lianar, das brenzlig zu werden droht.