Eine ideale Welt kennt weder Schwarz noch Weiß. In einer idealen Welt muss das Gleichgewicht zwischen den Kräften gewahrt sein. Keine darf Überhand nehmen, denn sonst sind Katastrophen und Unglück die Folge.
Dies ist der Glaubensgrundsatz der Hüter der Harmonie, die Philosophie, nach der sie ihr Leben gestalten.
Dieser mysteriöse Geheimbund hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Gleichgewicht der Kräfte zu erhalten und dort einzugreifen, wo ein solches gefährdet ist. Ein Hüter der Harmonie ist vollkommen neutral. Er fördert stets die Sache der Seite, die unterlegen scheint, dient in einem Augenblick der einen, um auf die andere zu wechseln, sobald sich das Gleichgewicht zu sehr verschiebt. Hier wird gefördert, dort werden Steine in den Weg gelegt, ganz so, wie es der Welt im Augenblick am ehesten dienlich ist.
Es mag kaum verwundern, dass die Hüter der Harmonie das Ungleichgewicht der Kräfte für den Untergang Beleriars verantwortlich machen. Die mächtigen Schwankungen, denen die Insel seit der Gründung Nir’alenars ausgesetzt worden ist, haben viele der grauen Beobachter angezogen. Und das stille Versprechen, dass die Wiederherstellung der Harmonie die Versunkene wieder an das Licht der Sonne bringen kann, ist verführerisch genug, um es dem Bund nicht an Mitgliedern mangeln zu lassen.
Die Hüter der Harmonie sind eine sehr alte Organisation. Inspiriert wurde sie von dem Philosophen Chen aus dem Land der Kirschblüten, der seine Lehren offen und für Jedermann zugänglich verbreitete. Mit der Zeit bildete sich eine Gruppe von gelehrigen Schülern um den Meister, die schließlich auszog, um seine Lehren in die Welt zu tragen und diese somit vor dem Unglück zu bewahren, das eine Störung der Harmonie zwangsläufig nach sich ziehen muss.
Kriege, Not und Unheil – sie alle sind nichts als eine Folge der Missklänge, die die Melodie des Lebens stören und ihren Klang verunreinigen. Über die Jahrhunderte gewann diese Philosophie viele Anhänger, die es sich zur Aufgabe machten, nicht allein die Lehren bekannt zu machen, sondern auch in das Weltgeschehen einzugreifen. Oftmals sind dies bis heute Gelehrte, stumme Beobachter und Chronisten, die über verborgene Talente verfügen.
Die eigentliche Lehre des Meister Chen, der stets predigte, dass sich kein Sterblicher in die Geschicke der Welt einmischen darf, sondern nur allein für sich und durch seine Taten seinen Teil der Harmonie bewahren kann, ist dabei schon lange in den Hintergrund getreten.
Ein Träger der silbernen Waage ist stets ein geschickter Spion und Manipulator, der auch nicht vor schmutziger Arbeit zurückschreckt. Oftmals bekleiden die Grauen hohe Positionen in den Haushalten der Reichen und Mächtigen, sind Berater von Königen oder Diener und Vertraute.
Macht und Ehrgeiz ziehen die Hüter der Harmonie an wie eine unsichtbare Kraft, der sie so lange folgen, bis sie ihr Ziel erreicht haben. Sie sind unauffällig und redegewandet, charmant und anpassungsfähig. Es fällt ihnen leicht, Vertrauen zu gewinnen und genügend Autorität auszustrahlen, dass man ihre Wort ernst nimmt.
Häufig existieren die Grauen in der Stille an einem Ort, von dem aus sie das Geschehen im Auge behalten können. Wird ein Ungleichgewicht spürbar, so ergreifen sie schnell Maßnahmen, um dem Kern des Missklangs und seinem Gegenpart auf die Spur zu kommen. So kann der alte, weise Mann am Rande des Dorfes ebenso ein Hüter der Harmonie sein wie die Zofe, die jeden Tag im Haushalt eines Adeligen ihren Dienst verrichtet.

Mitgliedschaft

Die Hüter der Harmonie rekrutieren ihren Nachwuchs mit Geschick und Diskretion. Ein vielversprechendes Talent wird lange beobachtet und behutsam mit den angepassten Lehren des Meister Chen in Berührung gebracht.
Zeigt es Interesse, so wird dieses so lange gefördert, bis sicher ist, dass der Köder geschluckt und die Lehren verinnerlicht worden sind. Oft geschieht dies über einen Lehrmeister oder einen engen Freund und sehr häufig nähern sich die Grauen sehr jungen und formbaren Individuen.
Ist das Werk vollbracht, so erfolgt die Einführung in den Orden. In einem feierlichen Ritual leistet der Anwärter den Schwur, notfalls sein Leben für die Harmonie zu opfern und erlangt Zutritt zum inneren Kreis der Hüter.
Einige Jahre der Ausbildung folgen. Neben körperlichen Lektionen und Übungen gehört auch eine umfassende Kenntnis der Etikette zum Lehrprogramm, ebenso wie ein tiefgreifendes Wissen über die Vorgänge in der Welt, ihre Kulturen und Geschichte.
Oftmals kann sich ein Grauer danach an jede Rolle anpassen, die von ihm zu spielen verlangt wird. Er lernt Sprachen und Eigenheiten diverser Völker und Länder, damit er sich an jedem Ort zurechtfinden kann.
Ist die Ausbildung beendet, so folgt ein weiteres Ritual, bei dem der Anwärter die graue Robe seines Ordens erhält, ebenso das silberne Symbol der Waage, die auf einer grauen Scheibe aus Stein angebracht ist. Beides wird öffentlich niemals getragen und nur bei Versammlungen des Ordens angelegt.
Ist all dies geschehen, so wird der frischgebackene Graue an den Platz seiner Bestimmung gesandt, um seine Arbeit aufzunehmen. Welche Rolle er dort spielen wird, richtet sich nach seiner neuen Umgebung und den Zielen, die er dort verfolgen soll. Vielleicht ist er ein unscheinbarer Gelehrter oder gar ein Prinz, der die Tochter des Königs ehelichen wird, dessen Reich am Rande eines Krieges steht.

Treffpunkt

Die Hüter der Harmonie versammeln sich an Orten, die weit über die ganze Welt verstreut sind, doch die eigentliche Heimat des Ordens befindet sich noch immer im Land der Kirschblüten. Es ist die runde, von Säulen getragene Halle der Harmonie auf dem Gipfel des Phönixberges.
Da Beleriar jedoch von der restlichen Welt abgeschnitten ist, gibt es in den Wolkenspitzen eine kleinere Kopie dieses imposanten Bauwerkes mit den riesigen Bibliotheken und den magischen Fenstern, die den Blick an jede mögliche Stelle der Welt erlauben.
Ebenso wie ihr Vorbild wird auch diese Halle der Harmonie von mächtigen Zaubern verborgen, die das graue Gebäude für jeden außer den rechtmäßigen Trägern der silbernen Waage unsichtbar machen und es für das unerwünschte Auge dem Fels gleich werden lässt. Die silberne Waage allein ist es, die den Schleier hebt und die Wirklichkeit zum Vorschein bringt.

Die graue Meisterin

Sie ist die oberste Hüterin der Harmonie auf Beleriar, der Kopf des Bundes und der lebendige Schlüssel zu dem Saal des Weitblicks, von dem aus man die ganze Welt zu sehen vermag.
Nahira Cheladar ist eine ernste, hochgewachsene Frau in den mittleren Jahren, die diese Position von ihrem Vater übernommen hat. Wer in das Gesicht mit den hohen Wangenknochen blickt, bemerkt schnell, dass die wässrig blauen Augen unter den hellen Brauen ins Leere sehen. Denn Nahira ist seit dem Tage ihrer Geburt blind. Dennoch sind ihre anderen Sinne umso schärfer und man sagt, dass sie jedem Wesen bis in die Seele zu schauen vermag. Allein der Aufenthalt im Saal des Weitblicks erlaubt es ihr, die Welt mit den Augen zu erfahren und visuelle Eindrücke zu erlangen, die durch ihre Bindung an diesen Raum ermöglicht werden.
Stets strahlt sie eine ruhige Autorität aus und trägt ihre grauen Roben mit einer Würde, die niemand zu beschmutzen vermag. Wenn Nahira spricht, so hört man ihr zu. Wenn sie befiehlt, so folgt man ihr. Diese Frau besitzt eine eigenartige Macht, einen Zauber, der nicht allein mit ihrer natürlichen Ausstrahlung zu erklären ist.
Ein persönlicher Diener begleitet sie auf Schritt und Tritt und gewährt ihr das Augenlicht, an dem es ihr mangelt.
Sie wurde für diese Aufgabe geboren und lange darauf vorbereitet. Die Lehren der Hüter hat Nahira seit ihrer Kindheit verinnerlicht und in ihrem hervorragenden Gedächtnis verankert und so steht sie mit einer Leidenschaft dahinter, die sie keine Kritik und keine Abweichungen dulden lässt.
Diese Haltung wird von den meisten Grauen durchaus begrüßt, während kleinere Zweige im Stillen ihre strenge Hand und die enge Auslegung der Lehren verurteilen. Nahiras Kenntnis der Lehren des Meister Chen basiert allerdings allein auf den Lehrstunden ihres Vaters, da sie selbst natürlich niemals ein Wort davon gelesen hat. Was wohl geschehen würde, wenn sie jemals den vollständigen Inhalt der Texte des von ihr verehrten Philosophen erfahren würde, darüber kann nur spekuliert werden.

Ziele

Die Hüter der Harmonie werden überall dort auftauchen und in den Ablauf der Geschehnisse eingreifen, wo sich starke Kräfte bündeln. Wo auch immer sich ein Kriegsherr erhebt oder ein Herrscher zu hungrig nach der Macht wird, wo auch immer die Götter ihre Kämpfe austragen, werden sie anwesend sein und alle Mittel aufbieten, um das Gleichgewicht zu stützen und somit das Unheil zu verhindern, das dahinter lauert.
Und vielleicht ist es eines Tages allein durch ihre Bemühungen möglich, Beleriar wieder über das Meer zu tragen und sogar Narion und Eriadne in die Schranken zu weisen.
Ein utopischer Traum? Wer weiß. Die Grauen werden nichts unversucht lassen, um es herauszufinden und sich sogar mit den Göttern zu messen.