azareahWer Azareah Deanar zu Gesicht bekommt, versteht im ersten Augenblick nicht, warum ihre Ankunft in Nir’alenar einen solchen Wirbel verursacht hat. Ihre Schönheit ist zweifelsohne auffällig und der Zauber ihrer Stimme wird offenbar, sobald sie zum Singen ansetzt. Doch sonst gibt es kaum etwas, das die junge Halbelfe von all den anderen Mädchen unterscheidet, die in die Stadt kommen, um ihr Glück zu finden.
Azareahs Wesen ist bescheiden und freundlich. Das Lächeln auf ihren Lippen erlischt selten und ihr perlendes Lachen erfüllt ihre Umgebung, wo auch immer sie ihre Schritte hinführen. Sie wirkt wie ein einfaches Mädchen, das in einer ländlichen Gegend aufgewachsen ist. Bodenständig, selbstbewusst, wenngleich sie von dem ungewohnten Leben in der Stadt noch ein wenig eingeschüchtert sein mag. Ein bisschen stur mag sie sein, zielstrebig und kaum von etwas abzubringen, wenn es ihren Eifer entfacht hat.
Hätte sie nicht den Wunsch gehegt, in den Hallen der Künste zu studieren, um die Kunst des Zaubergesangs zu erlernen, hätte der Klatsch wohl niemals seinen Weg in die Ballsäle und Festhallen des Adelsviertels gefunden. Wahrscheinlich wären niemandem die kastanienbraunen Locken aufgefallen, die sich um das zarte Gesicht und über den schlanken Rücken wellen. Niemand hätte genauer in ihre ungewöhnlich seegrünen Augen geblickt und sich an die Augen des Mannes erinnert, der exakt die gleiche seltene Augenfarbe aufweist – Aranil Falkenauge, Fürst von Beleriar.
Dies allein wäre nicht unbedingt genug für einen handfesten Skandal, doch Azareah scheint einer anderen Persönlichkeit Nir’alenars wie aus dem Gesicht geschnitten. Denn ihre Züge gleichen Valea Onoris, als sei sie ihre lange verlorene Zwillingsschwester. Und wer die Ohren spitzt, meint sogar, die gleiche Stimme zu vernehmen. Addiert man noch Azareahs Alter dazu, die zarten 23 Jahre, die sie auf dieser Welt verbracht hat, so lässt sich mühelos erkennen, dass ihre Zeugung in das gleiche Jahr fällt wie die Verlobung des Fürsten mit seiner Gemahlin Esrema. Eine Verbindung, die bekanntlich erst nach vielen Jahren Nachkommen hervorgebracht hat. Und war man nicht stets verwundert darüber, dass die lebensfrohe Valea Onoris ein Leben in Einsamkeit gewählt hat?
Es ist kaum verwunderlich, dass die Gerüchte wie Unkraut aus dem Boden schießen und einige Parteien eifrig damit beschäftigt sind, im Schmutz zu wühlen. Ein solches Geheimnis könnte nicht allein Aranils Ruf einen enormen Schaden zufügen und seinen Gegnern neue Mittel in die Hand spielen. Es wäre auch ein Makel auf der Leiterin der Hallen der Künste, den zumindest die Menschen kaum dulden würden.
Vielleicht ist es besser, dass Azareah von all diesen Gerüchten um ihre Person nichts ahnt. Wahrscheinlich würde sie lauthals lachen, wenn sie wüsste, dass sie die Tochter zweier solch hochgestellter Persönlichkeiten sein soll. Schließlich ist sie felsenfest davon überzeugt, dass die einfache Händlerfamilie aus Seeheim die ihre ist. Doch gleichzeitig ist dem jungen Mädchen noch gar nicht bewusst, in welche Gefahr es sich gebracht hat, als sie gegen den Wunsch ihrer Eltern nach Nir’alenar gegangen ist, um ihren Traum zu erfüllen.