sharinoeDie Göttin der Nacht liebt es, sich ihre Diener selbst auszusuchen. Zumindest dann, wenn diese dazu auserkoren sind, eine hohe Position in ihrer Priesterschaft zu bekleiden. Das sternförmige Zeichen, mit dem sie die Kinder zeichnet, die ihre Aufmerksamkeit erregen, gilt unter ihren Anhängern als das größte Geschenk. Nicht jeder ist jedoch dazu bereit, diese Gabe zu akzeptieren. So geschah es, dass Sharinoe Daranday das Zeichen Shirashais empfing, als die Eltern des Mädchens, das sie eigentlich dazu auserwählt hatte, ihre Tochter vor den Augen der Göttin verbargen.
Die Tochter des Sanduras Daranday aus Ystrar besetzt heute die den Posten der Stimme der Dunkelheit, der Hohepriesterin Shirashais in Nir‘alenar. Von Kindesbeinen an gab es nichts anderes in ihrem Leben als den Dienst an der Göttin der Nacht. Sharinoe wurde dazu erzogen, für Shirashai zu leben und zu atmen. Mittlerweile ist sie eine der mächtigsten Frauen Beleriars, das Oberhaupt des Palastes der Nacht und Herrin über alle Tempel der Shirashai auf der Insel. Selbst ihr Vater, der sie einst so streng und unnachgiebig auf ihre Bestimmung vorbereitet hat, muss jetzt den Kopf vor ihr beugen.
Sharinoe gebietet über ein breit gefächertes Netzwerk aus Magiern, Hexen und Spionen, die ihr stets zur Verfügung stehen, wenn sie ihrer bedarf. Sie ist der Kopf der Schwarzen Lilie und arbeitet unermüdlich daran, Shirashais Macht zu mehren und die Göttin wieder zu ihrer alten Stärke zu führen.
Die Aura der Macht, die Sharinoe selbst umgibt, ist beinahe greifbar. Sie wird davon umhüllt wie von einem dichten Mantel. Stets bewegt sie sich mit einer schlangengleichen Eleganz, spricht mit leiser Stimme, die sich nur selten über ein Flüstern hinaus erhebt. Trotzdem schwingt eine unverkennbare Autorität in jedem Wort mit.
Das wellige, schwarze Haar und die silbergrauen Augen lassen sie beinahe wie das Ebenbild der Göttin erscheinen. Und so bedarf es keiner großen Anstrengung, den Respekt ihrer Umwelt einzufordern.
Gerne nennt man sie die Tochter der Göttin und setzt ihre Macht mit Eleria Anuriel gleich. Doch Sharinoe weiß nur zu gut, dass sie ihrer Gegenspielerin darin nicht ebenbürtig ist. Ebenso ist sie sich der Tatsache bewusst, dass sie nur die zweite Wahl gewesen ist und eine andere an ihrer Stelle stehen sollte. Sie weiß bis heute nicht, wessen Leben sie lebt und wer sich die Freiheit genommen hat, die ihr verwehrt geblieben ist. Also hasst sie stattdessen Eriadnes Tochter aus vollstem Herzen, verkörpert diese doch all das, was für sie selbst unerreichbar ist. Nur zu gerne würde sie den Sturz der weißen Hexe erleben und noch lieber wäre sie die Ursache dafür.
Wenn man die schöne Priesterin erblickt, ahnt man nichts von diesen Gedanken. Ihre Fassade wirkt vollkommen, ihre Ausstrahlung überwältigend. Und letztlich mag sie selbst nicht wissen, wie sehr ihr Ehrgeiz von diesen Gefühlen angefacht worden ist. Ein Ehrgeiz, dem sie ihre große Macht und ihren Einfluss verdankt.