Es ist ein recht altes Gebäude, dort oben im Künstlerviertel. Hohe Säulen erheben sich vor jedem Besucher, der über den großzügigen Opernplatz schreitet. Eine Treppe führt zwischen ihnen empor durch weite Portale in das Innere des Bauwerks, das an das alte Nir’alenar aus den glanzvollen Tagen des Fanur Mondlied erinnert.
Bis zum Untergang Beleriars beheimatete das Bauwerk die Akademie der Künste und tatsächlich rufen Fresken und Statuen noch den ursprünglichen Zweck in das Gedächtnis zurück, für den diese weitläufigen Hallen einst erbaut worden sind. Als die Akademie der Künste in das größere, neue Gebäude zog, standen diese ehrwürdigen Räumlichkeiten für lange Zeit leer, bis der ehemalige Tenor der Oper von Shay’vinyar beschloss, dass es an der Zeit war, ein wenig Glanz nach Nir’alenar zu bringen. Die Tatsache, dass der exzentrische Cath’shyrr nach einer aufsehenerregenden Karriere durch einen jüngeren Konkurrenten ersetzt worden war, spielte dabei wohl ebenfalls eine gewisse Rolle.
Cadir Vendoris scheut jedenfalls keine Mühen, die Oper von Nir’alenar zur größten der Insel zu machen und sich für die erlittene Schmach zu rächen. Tatsächlich begnügt er sich damit, das größte verfügbare Talent zu rekrutieren, um dieses Ziel zu erreichen und nimmt eine Rolle im Hintergrund ein, in der er vollkommen aufgeht.
Die Oper von Nir’alenar ist in der Tat die reine Pracht. Das Innere des Opernhauses strahlt vor Gold, Samt und Seide. Private Logen gewähren einen ungestörten Blick auf die Darbietungen und bieten Möglichkeiten für verschwiegene Treffen.
Die Fürstenfamilie besitzt eine eigene Loge, die stets für sie reserviert bleibt, wenngleich sich Aranil Falkenauge selbst beinahe niemals selbst einfindet, man seine Gemahlin jedoch umso häufiger antreffen kann. Nahezu jede Adelsfamilie, die etwas auf sich hält, kehrt regelmäßig in der Oper ein und erwartet es, ebenfalls eine eigene Loge vorzufinden. Es ist ein Ort zum Sehen und gesehen werden, ein Umschlagplatz für Informationen und Geschäfte, die sich keineswegs mit den Künsten befassen.
An den Abenden fahren unzählige teure Kutschen zur Oper hinauf und edel gekleidete Individuen, die vor Juwelen und prächtigen Stoffen glitzern und leuchten, treten den Weg in die Welt der Musik an. Hier tummeln sich jederzeit viele Persönlichkeiten Nir’alenars und so mancher reist gar aus einer anderen Stadt an, um der reinen Stimme der jungen Talina Davonar zu lauschen, einer Nymphe, die momentan der strahlende Stern der Oper und Cadirs ganzer Stolz ist.
Tatsächlich könnte sein Werk kaum vollkommener sein und sein Triumph unendlich, wäre da nicht die unschöne Kleinigkeit, die ihm des Nachts seinen wohlverdienten Schlaf raubt. Melancholische Orgelklänge, die durch die Gänge schweben. Eine männliche Stimme, die aus den Tiefen der Oper klingt, ein geisterhaftes Wesen, das Vorstellungen mit seinem Gesang stört und den Cath’shyrr beinahe in den Wahnsinn treibt.
Bisher sind alle Versuche fehlgeschlagen, die schlanke, dunkle Gestalt zu fassen. Der geheimnisvolle Sänger ist nicht greifbar. Er scheint die Oper in allen Einzelheiten zu kennen, jeden Gang, jede Tür, jede Wand, die ein Geheimnis birgt. Und doch weiß niemand, wer dieses Wesen sein mag. Ob es ein unglücklicher Geist ist, der keine Ruhe findet oder aber ein Wesen aus Fleisch und Blut.
Langsam wird dieser dunkle Fremde zu einer eigenen Legende, über die die Angestellten ebenso aufgeregt flüstern, wie sie sich davor fürchten.