Es ist eine andere Welt, dort unten in der Tiefe unter der Stadt. Eine Welt, die sich in Stille und Dunkelheit hüllt und in der sich labyrinthartige Gänge in die Erde winden. Manche von ihnen sind sorgfältig gemauert und verziert. Bogenförmige Durchgänge und Gewölbe erheben sich hoch über den Köpfen. Fackelhalter sind an den Wänden angebracht, um Besuchern Licht zu spenden. Andere Gänge werden von magischen Lichtern erhellt, die man funkelnden Diamanten gleich in die Mauern eingelassen hat.
Eine Vielzahl von Türen zieht sich durch das endlose Labyrinth. Manche von ihnen schlicht, aus schmucklosem Holz, andere aus Stein und von Wappen und Bildern geziert. Dahinter befinden sich Mausoleen und Familiengruften, Denkmäler und Grabkammern, denn schon seit jeher hat man die unterirdischen Anlagen zur Bestattung der Bürger von Nir’alenar genutzt, sie erweitert und ausgebaut, wenn Bedarf bestand.
Jede namhafte Familie besitzt ein eigenes Areal in diesen verwinkelten Gängen und die meisten Berühmtheiten der Stadt haben tief unter der Erde ihre Ruhe gefunden. Dichter und Denker ruhen neben Fürsten, Künstlern und Helden. Insbesondere das frei zugängliche Grabmal des Arion Falkenauge zieht noch immer eine Vielzahl von Besuchern an.
Auch für andere Persönlichkeiten wurden Erinnerungsstätten errichtet und über allem steht die überlebensgroße Statue des Fanur Mondlied mit jenem gütigen Lächeln, das stets von magischen Lichtern hell erleuchtet wird.
Die Katakomben gleichen beinahe einer eigenen Stadt, die von Erinnerungen und Melancholie erfüllt ist. Es ist ein Ort, an dem man der Vergangenheit nahe ist und an dem man auf steinernen Bänken jener gedenkt, die in den Traumlanden weilen.
Diener Moravons streifen durch die Hallen und tragen Sorge dafür, dass die Ruhe nicht gestört wird. Ihr leiser Gesang erfüllt die Luft und durchbricht die Stille, während sie sich um die Ruhestätten kümmern und die Fackeln am Brennen halten.
Noch immer werden die Katakomben stetig erweitert und ausgebaut. Und tatsächlich sind sie lebendiger, als man annehmen sollte. Arbeiter und Bilderhauer streifen durch die Gänge und kümmern sich um ihre Aufträge und so manche dunkle Gestalt hat sich in leer stehenden Kammern eingenistet. Es ist ein beliebter Treffpunkt für jene, die das Licht scheuen oder Jugendliche, die ihre Mutproben absolvieren möchten. Wahrscheinlich kennen noch nicht einmal die Diener Moravons alle Geheimnisse dieser fremdartigen Unterwelt, in der es vor geheimen Gängen und Räumen wimmeln muss.
Über die Jahrhunderte wurde vieles in den Katakomben erschaffen. Geheimnisse wurden in sicheren Verstecken untergebracht, die man mit allerlei Schutzmaßnahmen versehen hat, um sie vor den Augen der Welt zu verbergen. Was in entlegenen Winkeln lauern mag und wohin der verzweigte, unterirdische Fluss führen mag, der sich durch die Katakomben zieht, kann niemand erahnen.
Ein Teil dieser Unterwelt ist nicht mehr begehbar, wurde er doch beim Untergang der Insel verschüttet und liegt nun in Trümmern. Schatzjäger sind stets auf der Suche nach diesen Bereichen, davon getrieben, unsagbare Schätze aus den Ruinen emporzuheben, die seit über 300 Jahren niemand berührt hat.
Manche Gänge sind nicht sicher. Warnungen markieren gefährliche Pfade, um unvorsichtige Besucher vor ihren Gefahren zu bewahren. Trotzdem ist so mancher waghalsig genug, um sich nicht davon abschrecken zu lassen und manchmal gibt es hinter einer solchen Warnung auch etwas Unerwartetes zu entdecken.
Jedes Viertel von Nir’alenar verfügt über einen eigenen Zugang zu den Katakomben, der jedem offen steht. Weitere inoffizielle Zugänge existieren zusätzlich. Manche davon gehören einer bestimmten Adelsfamilie und führen zu ihrem Bereich, andere werden für dunklere Zwecke genutzt.
Es existiert keine vollständige Karte zu den Katakomben, die speziell in früheren Zeiten sehr willkürlich von den unterschiedlichsten Parteien erweitert worden sind. Allerdings bieten Führer an den Zugängen stets ihre Dienste an und es gibt Boote, die Besucher schnell an das gewünschte Ziel bringen. Leider gibt es jedoch keine Garantie dafür, dass die Führer immer Gutes im Sinn haben und zuweilen handelt es sich gar um eine Kreatur, die keiner natürlichen Herkunft entstammt.