Jede Nacht, wenn die Uhr des Glockenturms zur zwölften Stunde schlägt, erwacht der Nachtmarkt von Nir’alenar zum Leben. Seine Existenz ist ein Geheimnis, das sorgfältig gehütet wird und von dem man nur Kenntnis erlangt, wenn man in den richtigen Kreisen verkehrt.
Der Zugang wird stets gut bewacht. Die Größen der Unterwelt sorgen dafür, dass ihre besten Leute ein Auge darauf haben, dass der Nachtmarkt nicht von den falschen Augen entdeckt wird. Tief in einem abgelegenen, riesigen Gewölbe der Katakomben erstreckt sich diese Schattenwelt. Nur über den unterirdischen Fluss ist sie zu erreichen und nicht jeder Führer weiß, wo man einen Fährmann findet, der Besucher zum Markt bringen kann.
Wer Glück hat, wird durch das endlose Labyrinth der Wasserstraßen befördert, bis der flackernde Fackelschein zu erkennen ist, der das lebhafte Treiben der Unterwelt enthüllt.
Stände ziehen sich durch das komplette Gewölbe. Manche von ihnen verbergen sich in Nischen, andere stehen mitten auf dem riesigen Platz und bilden eigene Gassen. Händler bieten ihre Waren mit lauten Rufen an. Andere bevorzugen es, diskreter vorzugehen und lassen sich nur finden, wenn sie gefunden werden wollen.
Auf dem Nachtmarkt gibt es alles, was man auf anderen Märkten nicht zu erwerben vermag. Gifte, Schmuggelwaren, Drogen und verbotene alkoholische Substanzen werden offen verkauft. Fremdartige Kreaturen und Tiere warten in Käfigen auf neue Besitzer. Prostituierte locken jene, denen der Sinn nach Vergnügen steht und schöne Tänzerinnen und Akrobaten unterhalten das Publikum, während es teure Speisen zu sich nimmt und sich an exotischen Getränken berauscht.
Es gibt beinahe nichts, was man auf dem Nachtmarkt nicht kaufen kann, wenn man bereit ist, dafür zu bezahlen. Dies gilt insbesondere auch für Informationen, die an bestimmten Ecken verkauft werden. Jene, die diesen Ort besuchen, haben ihre Augen und Ohren in der ganzen Stadt und wissen vieles zu erzählen, was andere zu verbergen trachten.
Wer in der Unterwelt Rang und Namen besitzt, ist hier auf die eine oder andere Weise vertreten und zeigt sich nicht selten sogar selbst, von seinen Getreuen umgeben, um die eigene Position zu präsentieren oder auf dem Weg zu einem wichtigen Treffen.
Besonders zu jenen Zeiten, wenn die Herrin des Nachtmarkts, die man nur Schattenkönigin nennt, selbst in Erscheinung tritt, verursacht dieses Ereignis stets großen Trubel. Die Schattenkönigin lässt sich stets einer prächtigen Sänfte durch die Gassen ihres Werkes befördern, streckt hier und da eine grazile, weiße Hand zwischen den Vorhängen hindurch, um Waren zu begutachten. Juwelen zieren ihre Finger und ein Schleier verbirgt ihr Gesicht, wenn es doch einmal hinter den seidenen Tüchern zu erkennen ist.
Um wen es sich bei dieser Frau handeln mag, weiß niemand. Man munkelt, dass sie über Beziehungen zu Endar Mariandor verfügt und dass er der Einzige ist, der ihre wahre Identität kennt. Manche nennen ihn den wahren Herren des Nachtmarktes und behaupten, dass die Schattenkönigin nicht mehr als eine Marionette des Elfen ist. Ob darin jedoch ein Körnchen Wahrheit steckt oder nicht, kann niemand mit Sicherheit sagen.
Wahr ist allerdings, dass beide Namen selbst den gefährlichsten Individuen der Schattenwelt eine gewisse Vorsicht abtrotzen.