Amhara liegt einsam an der Südküste Beleriars. Und genau diese Einsamkeit ist es, die die Bewohner dieser kleinen Stadt suchen. Wahrscheinlich kommt dieser Wunsch auch der restlichen Insel entgegen, denn Amhara wird ausschließlich von den Ashaironi bewohnt, die den Untergang Beleriars miterleben mussten.
Es hat niemals viele Schlangenmenschen fern ihrer Heimat gegeben, doch die Tatsache, dass einige männliche Ashaironi vor den Zuständen in ihrer Heimat auf die Insel geflüchtet sind, um hier ein neues Leben zu beginnen, blieb nicht ohne Folgen.
Im Jahr 1244 begab sich also eine Abordnung von hochgeborenen Ashaironifrauen nach Beleriar, die im Auftrag der damaligen Königin Namtara über die Herausgabe der Flüchtlinge verhandeln sollten.
Wie sich jedoch schon bald herausstellte, war die Mühe vergebens. So kurz vor dem Untergang gab es niemanden, der ein offenes Ohr für die Forderungen der Ashaironi besaß. Ihr Schicksal war besiegelt, als sie schließlich mit der Insel untergingen und von nun an in einer fremden und viel zu kalten Umgebung gefangen waren.
Wie schwer es weiblichen Schlangenmenschen fällt, sich in eine andere Gesellschaft einzugliedern, ist kein Geheimnis. Die kleine Siedlung Amhara, die gegründet wurde, als sicher war, dass es keinen Ausweg aus dieser misslichen Lage geben würde, war also eine Notwendigkeit.
Mittlerweile ist Amhara zu einer kleinen, ummauerten Stadt gewachsen, finanziert aus den Schätzen, die eigentlich für die Verhandlungen gedacht waren. Innerhalb dieser Mauern existiert eine eigene Welt, in der Fremde nicht willkommen sind und die sich weigert, sich dem Gesetz des Fürsten zu unterwerfen.
Die Ashaironi leben hier gemäß ihres Naturells und dulden keine Einmischung in ihre Angelegenheiten. Die Bewohner sind zäh und unnachgiebig. Schließlich waren es neben den Vertreterinnen des hohen Adels und ihres Gefolges vor allem die Jägerinnen des Schlangenvolkes, die mit dem Schiff nach Beleriar gekommen sind. Und so fiel es ihnen nicht schwer, die männlichen Sklaven unter Kontrolle zu halten. In den Wirren nach dem Untergang gab es zudem niemanden, der sich für die Rechte einiger Ashaironi hätte starkmachen wollen, um diese Zustände zu unterbinden und so blieb Amhara seinem eigenen Gesetz überlassen.
Die Jahrhunderte haben die Bevölkerung Amharas anwachsen und gedeihen lassen. Das Talent der Ashaironi, sowohl der Schönheit förderliche Substanzen als auch tödliche Gifte zu mischen, hat genügend Golddukaten in die Küstenstadt fließen lassen, sodass die einst kargen Hütten mittlerweile vielfarbig bemalten Steinhäusern gewichen sind, die an den Ursprung dieses Volkes erinnern.
Doch wo man in der trockenen Hitze der Wüste offene Paläste errichtet, macht es das kühlere Klima notwendig, geschlossene Architekturen zu bevorzugen. Allerdings hat man Wege gefunden, um die für Ashaironi eindeutig zu kalte Umgebung zu erwärmen. Denn die Mauern Amharas strahlen Hitze aus. Magie fängt die Sonnenstrahlen ein und trägt Sorge dafür, dass die Temperaturen steigen. Offene Feuerbecken tun ihr übriges und hüllen die Stadt zu jeder Zeit in einen goldenen Schein. Beheizte Bäder entlassen duftende Dämpfe in die Luft und tragen dazu bei, den Ashaironi den Luxus zu bieten, den sie so sehr lieben.
Die wenigsten Fremden dürfen jedoch jemals Anteil daran nehmen und einen Fuß in das Herz der Stadt setzen, um den Palast von Königin Samah zu erblicken, einer Nachkommin von Namtaras Schwester Alzarah, die seinerzeit die Abordnung der Ashaironi angeführt hat. Goldglänzend und von Edelsteinen geziert ist er eine Nachbildung des Phönixpalastes von Mahrakand, wenngleich er nicht dessen Pracht erreicht.
Amhara ist ein fremdartiger Ort. Von den breiten Straßen und den eckigen Gebäuden mit den flachen Dächern bis zu der kleinen Stadt der Toten, die sich im Wesen erhebt, gibt es nur wenig, das man als vertraut empfinden kann. Von der Lebensweise der Ashaironi mit ihren männlichen Sklaven ganz zu schweigen.
Stark bewacht gleicht die Stadt einer Festung, die genaustens kontrolliert, wer ein und aus gehen darf. Allein der große Markt, der einmal im Monat außerhalb der Stadt aufgebaut wird, lockt Besucher von der ganzen Insel an, die ebenso an den Tränken, den Salben, Cremes und Duftkerzen interessiert sind wie daran, einen Blick auf das zu erhaschen, was hinter den Mauern verborgen liegt.
Gelegentlich verlässt ein schlankes, exotisch anmutendes Schiff den Hafen, um die Erzeugnisse Amharas über die Insel zu tragen und mit dem Erlös ihren Ausbau zu fördern. Doch fern von diesen Gelegenheiten gibt es wenig Anlass für die Ashaironi, ihre neue Heimat zu verlassen oder in nördlichere Gefilde vorzudringen, die sie noch weniger lieben als das ohnehin zu kühle Klima des Südens.