Tel ‘amar, die verborgene Insel inmitten des Sternsees. Die letzte Heimat von Eriadnes gesegneten Kindern. Nur wenn der Vollmond über Niel’Anor am Himmel steht, offenbart seine Macht die Existenz dieses Ortes. Nur dann erscheinen die schimmernden Umrisse der Insel und öffnen das Tor zu den Wundern eines vergessenen Reichs.
Das Wissen um Tel’amar wurde der Welt entzogen. Uralte Bücher mögen noch davon berichten, doch es grenzt an eine Fügung des Schicksals, wenn man eines von ihnen zu finden vermag.
Zu lange wurde das Volk von Tel’amar gejagt. Zu lange musste es Grausamkeit und Schmerz erdulden, bis sich Eriadne gezwungen sah, jede Spur ihrer Kinder und ihrer Gabe an die Welt zu tilgen.
Heute sind sie nur eine blasse Erinnerung, eine Zutat, die einer Geschichte Würze verleiht. Doch Tel’amar ist keine Legende. Die Insel ist überaus lebendig und beherbergt die letzten Überlebenden der Tel’amari Niel’Anors.
Das dicht bewaldete Eiland ist ein friedlicher Flecken Erde. Die hohen Bäume mit dem smaragdgrünen Laub strotzen vor Gesundheit und bergen das Heim des gesegneten Volkes in ihrer Umarmung. Halb ist Tel’amar eine Stadt, halb ein besiedelter Wald, der Gebäude in sich aufgenommen hat.
Bauten aus einem seltsamen, weißen Stein, der durchscheinend wirkt und das Licht in sich zu speichern vermag, recken sich auf Hügeln und zwischen belaubten Ästen in die Höhe. Spitze Dächer ruhen auf mächtigen Säulen und anstelle von Straßen und Wegen führen überschattete Bogengänge durch das Reich von Tel’amar und ziehen sich durch den ganzen Wald.
Lustig murmelnde Bäche und kleine Teiche zieren den Waldboden. Zarte Seerosen versprühen darin ihren betörenden Duft. Quakende Frösche und lauthals zwitschernde Vögel verweben ihre Stimmen zu einer allgegenwärtigen Melodie. Brücken überspannen das Wasser, führen zu Pavillons, die zum Verweilen einladen.
In der Nacht bedarf es in Tel’amar keiner Kerzen und keines magischen Lichts. Der Stein Tel’amars gibt in der Dunkelheit das gespeicherte Licht des Tages in einem sanften Schein ab und erhellt jeden Flecken der Insel. Es ist ein wundersamer, bezaubernder Anblick, der einem fremden Beobachter den Atem rauben würde.
Es ist ruhig in Tel’amar. Nichts stört den Frieden, für den das Volk so lange kämpfen musste. Hier können sich Eriadnes Kinder ihren Studien widmen und ihre Gabe dazu einsetzen, dem Sternsee seine heilenden Kräfte zu verleihen.
Es ist wenig im Vergleich zu dem, was ein Tel’amari in der Welt zu leisten imstande wäre, doch es ist alles, was diesen Wesen geblieben ist.
Einmal im Jahr, wenn der Frühling auf Niel’Anor Einzug hält, wird eine Gruppe von Tel’amari dazu bestimmt, ihre Heimat zu verlassen, um die Tränen des Volkes zur Höhle der weinenden Gesichter zu bringen und Beleriar ein wenig von der verlorenen Heilkunst der Kinder Eriadnes zu schenken. Es ist eine Reise voller Gefahren und wer sie antritt, steht bei seinem Volk in den höchsten Ehren.
Während der Feierlichkeiten, die diese Wahl in jedem Jahr umgeben, erhalten die Reisenden in einer magischen Zeremonie die Tarnung, die es ihnen ermöglicht, sich auf der Insel zu bewegen, ohne das Volk zu verraten und erkannt zu werden.
Es ist die einzige Möglichkeit für einen Tel’amari seine Heimat zu verlassen und etwas von der Welt zu sehen, weswegen ein Platz in einer solchen Reisegruppe überaus begehrt ist. Doch viel Zeit, um Beleriar zu erkunden, bleibt ihnen nicht. Die Reisenden müssen ihren Weg bei Vollmond antreten und ihn beim nächsten Vollmond vollendet haben, sonst löst sich der tarnende Zauber auf und lässt sie schutzlos zurück, bis sich der volle Mond erneut am Himmel zeigt und ihnen die Insel Einlass gewährt.
Nicht jedem gefällt es allerdings, einen solch begrenzten Lebensraum zu besitzen. Die Jahrhunderte der Abkehr von der Welt haben das Volk von Tel’amar wieder erstarken lassen und es werden Stimmen laut, die eine Rückkehr in die Welt fordern.
Es ist sicher, dass eine solche das Volk von Tel’amar verändern würde und es erforderlich machen könnte, notfalls zu den Waffen zu greifen, um sich einen Platz zu erkämpfen und ihn zu verteidigen.
Sin’alehar, die Hohepriesterin Eriadnes, die über das Volk gebietet, wehrt sich noch entschieden gegen eine solche Vorstellung. Doch der charismatische Den’evor, ihr größter Gegner, weiß, wie man die Massen begeistert und er ist derjenige, der einen stetig größer werdenden Einfluss ausübt.
Doch welche Folgen es haben würde, wenn Eriadnes gesegnetes Volk von sich aus zu den Waffen greift, ist etwas, worüber viele Tel’amari kaum nachzudenken wagen.